Workshops

Erstes Treffen der Forschungsgruppe “Provenienz”

Listen-Wissen. Bücherbewegungen, Sammlungspolitik, Digitalisierungsstrategien 

– Vorbereitende Materialsammlung zum Thema (Juli 2020) & Workshop (Herbst 2020) – Idee –

Sammlungen sind keine statischen Gebilde. Zum Erwerben und Verkaufen, auffinden, Ausleihen, Verlieren und Eintauschen von Autografen, Bildern und Büchern steht der als Zusammenhang sichtbare Bestand in einem evidenten Spannungsverhältnis. Je größer, stringenter und reichhaltiger Sammlungen sind und je schwerer die Sachzusammengehörigkeit der gesammelten Gegenstände wiegt, desto schneller erscheinen Bewegungen und Zeitspuren der Objekte sowie frühere Sammlungs- und Wissenszusammenhänge als akzidentielle Ereignisse. Auf sie richtet dieser Workshop den Blick, in dem er sich Sammlungen, gesammelten Objekten und ihren Besitzerinnen bzw. Besitzern aus der Perspektive der Zugangsbücher und Kataloge widmet.

Geht es um die Bibliotheks-Ausleihen Goethes, die Suche nach Handschriften im Zuge von Editionsvorhaben, die Erforschung der Wissensordnungen frühneuzeitlicher Gelehrtenbibliotheken, Spezialbibliografien, die Beschäftigung mit der Zerstreuung einer Bibliothek oder aber auch um die Veränderungen der Sammlungspolitik eines Archivs, gewinnen Listen als elementare Dokumentationsformen an Relevanz. Sie sind Produkte einer besonderen Aufmerksamkeit für das Vorläufige und Bewegliche, das Veränderliche jeder Sammlung und in der Form von Inventaren deren dauerhafte Dokumentation. Auktionskataloge und -protokolle sowie Akzessionsjournale (Zugangsbücher) lenken die Aufmerksamkeit auf Besitzerwechsel, frühere Bewertungen, divergierenden Relevanzurteile und Deutungen – auf Ereignisse und Zwischenfälle der Überlieferungsgeschichte also, die sich meist nicht unmittelbar im Bestand selbst spiegeln.

Listen sind nicht zuletzt wichtig für Fragen nach der Herkunft, der Provenienz der Dinge, der Genealogie von Sammlungen und, im Falle der Zerstreuung, dem Nachleben der Dinge, die sie einmal ausmachten. Die Rekonstruktion von Herkunftswegen erfordert positivistische Spurensuchen und kleinteilige Beweisverfahren, die ohne Antiquariatskataloge, Zugangsbücher und Inventare undenkbar sind. Jenseits ihrer Relevanz für objektbiografische Recherchen sind die überlieferten Listen dabei als strukturierte Information eminent aussagekräftig.

Sie sind ein Ausgangspunkt für klassisch-hermeneutische und auch für quantitative Analysen und Visualisierungen größerer Sammlungs-, Verkaufs- und Erwerbungszusammenhänge. Sie ermöglichen Aussagen über die Netzwerke, Strukturen und Entwicklungen zwischen dem Autografen- und Antiquariatsmarkt, sammelnden Einrichtungen und Forschungsarbeit. Nicht zuletzt ermöglichen sie die Historisierung und Relationierung von Objekten und Beständen.

Digitalisierung, Forschungsdaten – Ausgehend von Provenienzinformation als “linked data” lassen sich Objektbiografien, Kanonisierungsprozesse, Aspekte der Geschichte von Geschmack und Kennerschaft, aber vor allem Verflechtungen der sammelnden Einrichtungen mit dem Antiquariats- und Autografenhandel, mit privaten Sammlern, Editionsprojekten, Forschung und Forschungsförderung untersuchen. Gerade Zugangsbücher erlauben eine niedrigschwellige quantitative Auswertung durch die Forschung zu Handelsnetzen, Kanonisierungsprozessen und Wertentwicklungen.

Aber wie lässt sich sinnvoll mit Katalogen oder zu Katalogen forschen? Welche Quellen sind von primärem Interesse? Mit welchen Herausforderungen oder Schwierigkeiten hat man es zu tun? Und (wie) können die Digitalisierung und Aufbereitung (Transkription/OCR, Anreicherung durch Normdaten etc.) von ausgewählten Katalogen, Zugangsbüchern und ähnlichen Verzeichnissen an vorhandene Strukturen (Getty Provenance Index; das Projekt German Sales sowie die Sammlung Auktionskataloge digital der Universitätsbibliothek Heidelberg und der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin; digitalisierte Zugangsbücher der HAAB etc.) anknüpfen und diese erweitern? Wo kann oder sollte aus literaturwissenschaftlicher Perspektive ein eigener Akzent gesetzt werden?

Themenschwerpunkte – Der Ausformung dieser Idee, “Provenienz” mit Hilfe digitaler Strukturen und entsprechender DH-Forschungsansätze zu befragen, und dem offenen Gespräch über erste ›praktische Schritte‹ dient der für den Herbst 2020 geplante Workshop. Um die Zeit zu nutzen, in der keine konkreten Treffen vor Ort möglich sind, können alle am Thema “Listen-Wissen” Interessierte bis zum 3. Juli 2020 kurze Beiträge zum Thema im Virtuellen Forschungsraum des Forschungsverbunds MWW zur Diskussion stellen. Die Texte werden – als Elemente eines Material- und Wissensspeichers, der auch eine Auswahlbibliografie und einen Reader zum Thema umfasst – gesammelt und innerhalb der Gruppe zugänglich gemacht. So entsteht hoffentlich eine vielfältig anschlussfähige Diskussionsgrundlage für den Workshop im Herbst. Es geht dabei zunächst um (bestandsübergreifende) Grundlagenarbeit, Fragen zur epistemischen Funktion wie zum historischen Quellenwert von Katalogen und Zugangsbüchern. Daran schließt die Frage an, wie die Digitalisierung und Auswertungs- wie Visualisierungsmethoden der Digital Humanities die Arbeit mit diesen Quellen verändern und erleichtern können. Welche Aussagen werden vielleicht überhaupt erst im Zuge digitaler Analyse-Instrumente möglich? Nicht zuletzt sollen aber auch rechtliche Aspekte der Digitalisierung und Auswertung von Zugangsbüchern angesprochen werden, da die Zugänglichkeit der Quellen und die damit vielleicht verbundene Transparenz von Preisen und Werturteilen, Verkäufern und Käufern ein unterschiedlich bewerteter, aber entscheidender Punkt ist. Ziel ist eine Konkretisierung der gemeinsamen zukünftigen Arbeit der Forschungsgruppe – im Hinblick auf die Schaffung von Forschungsinfrastrukturen, eine vernetzte Sammlungsforschung und die Etablierung von Provenienz als literaturwissenschaftlicher Wissenskategorie.