Biographien des Buches – Tagungsdokumentation

5. bis 8. April 2016, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel


Auf große Resonanz stieß die internationale MWW-Tagung "Biographien des Buches", die vom 5. bis 8. April 2016 in der Herzog August Bibliothek (HAB) stattfand: Rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen nach Wolfenbüttel, um unter der Leitung von Ulrike Gleixner, Leiterin Forschungsplanung und Forschungsprojekte der HAB, vier Tage lang über materielle Kultur und Lebensgeschichten der Bücher zu diskutieren.

Eröffnet wurde die Tagung am Dienstag, 5. April 2016, mit einer Keynote des Literaturwissenschaftlers William H. Sherman (London) mit dem Titel "The Reader's Eye: Between Annotation and Illustration". An den folgenden drei Tagen widmeten sich internationale Referentinnen und Referenten in fünf Sektionen verschiedenen Aspekten von Buchbiographien. Die Tagung endete am Freitag, 8. April 2016, mit einem Vortrag der Buchwissenschaftlerin Ursula Rautenberg (Erlangen) zum Thema "Das offene Buch: zwischen Medium und Materialität". 

Im Folgenden finden Sie die beiden Keynotes als Audio-Dateien zum Nachhören, die Abstracts der Vorträge, die im Rahmen der Tagung gehalten wurden, sowie zwei Interviews mit Tagungsleiterin Ulrike Gleixner. 

Zum Tagungsflyer als PDF 

Alle Fotos auf dieser Seite: HAB / MWW

Audio-Dateien der Eröffnungsvorträge

 

William H. Sherman (London):
The Reader's Eye: Between Annotation and Illustration

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Ursula Rautenberg (Erlangen):
Das offene Buch: zwischen Medium und Materialität

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Abstracts zu den Vorträgen

Dienstag, 5. April 2016, 18 Uhr
Eröffnungsvortrag 

William Sherman (London): The Reader's Eye: Between Annotation and Illustration

Recent scholarly in the lively field of marginalia has treated readers' marks as a largely private phenomenon and almost exclusively as a verbal practice. But in doing so we have lost sight of sight itself, and I am now recovering the ways in which readers responded with images as well as words (produced for both themselves and others). Between medieval illumination and modern illustration, there are many traces of reading as a visual and theatrical mode, signs that we have been slow to see and study and for which we are poorly served by both methodology and terminology. This illustrated lecture will consider the range of images produced by readers between 1450 and 1800, and will suggest that reading was closely bound up with seeing – and even drawing – across the Medieval/Renaissance divide.


Mittwoch, 6. April 2016
Sektion I: Dutzendware – Unikat
Moderation: Ursula Kundert

Hole Rößler (Wolfenbüttel): Vom Exemplar zum Unikat

Der Beitrag befasst sich anhand ausgewählter Beispiele aus den Beständen der Herzog August Bibliothek mit Formen der Unikalisierung gedruckter Bücher. In systematisierender Absicht werden bewusst vorgenommene und beiläufig entstandene Veränderungen des materiellen Objektes Buch unterschieden. Die von Igor Kopytoff beschriebenen Arten der „Singularisierung” von Dingen wurden als Praktiken aufgefasst, die das Buch in historisch variablen Funktionszusammenhängen zum Akteur werden lassen und die in methodischer Sicht als Spuren individueller Biographien und den Konjunkturen des Gebrauchs und der Wertzuschreibung auszuwerten sind.

 

Armin Schlechter (Speyer): Begehrt oder Ballast? Lebensläufe von Inkunabeln

Inkunabeln als Bestandteile einer von der Intention her identischen Druckauflage differenzierten sich durch ihre spezifische Geschichte in Form von Exemplaren aus. Neben völlig zerlesenen Exemplaren stehen Stücke ohne jede Gebrauchsspuren. Zu diesen physischen Gegebenheiten treten einerseits Provenienzmerkmale, andererseits direkte, auf historische Leser zurückführbare Nutzungsspuren. Einzelne Bände können eine Sukzession von zumeist handschriftlichen Besitzvermerken enthalten, was Hinweise auf ein besonderes Interesse an einer konkreten Inkunabel während eines bestimmten Zeitraums gibt.
Weitere Indizien für die Rezeption von Wiegendrucken durch Leser sind Anstreichungen und Marginalien, die sich in unterschiedlicher Dichte finden können und Zeichen für eine punktuelle oder tiefergehende Auseinandersetzung mit einem bestimmten Text sind. Daneben stehen Inkunabeln ohne jegliche fassbare Biographie. Im Anschluss an die konkrete Nutzung wurde eine Inkunabel von einem Gebrauchsobjekt zu einem buchhistorischen Sammlungsstück. Damit verbunden ist oft der Übergang eines bestimmten Exemplars von einer Privatbibliothek in eine Institutionenbibliothek. Der Vortrag baut in erster Linie auf der Inkunabelsammlung der Universitätsbibliothek Heidelberg auf. Ihren Kern bilden die Bestände aus dem Benediktinerkloster Petershausen und aus dem Zisterzienserkloster Salem mit heute 300 beziehungsweise 750 Inkunabeltiteln, die in diesen Einrichtungen vom 15. bis zum 18. Jahrhundert zusammengetragen worden sind.

Carsten Rohde (Weimar): Von der Dutzendware zum auratisierten Sammlungsobjekt. Faust-Volksbücher

Auch wenn die Gattungsbezeichnung „Volksbuch“ von der neueren Forschung mit Recht verworfen wurde, da sie eine organische Verankerung der Literatur in breiten Schichten der Bevölkerung suggeriert, so steht doch in medienhistorischer und rezeptionsästhetischer Perspektive nach wie vor die Frage zur Diskussion, wie stark und in welchen Formen der Mythos von Dr. Faust seit der Frühen Neuzeit Verbreitung gefunden hat. Der Beitrag geht verschiedenen Spuren nach, die zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert zu einer spezifischen Ausprägung der ‚volkstümlichen‘ Faust-Rezeption im Format des gedruckten Buches bzw. Textes gehören: Jahrmarktsexemplare des Faust-Volksbuchs oder auch Textbücher im Kontext von Faust-Aufführungen im Volkstheater. Gemeinsam ist ihnen der ebenso populäre wie ephemere Charakter, der sich jedoch paradoxerweise im kulturellen Gedächtnis der Nachwelt in eine auratisierte ‚Andacht zum Unbedeutenden‘ verkehrt, indem diese Bücher zu hochwertigen Sammlungsobjekten werden.

Sektion II: Medium – Akteur
Moderation: Ulrike Gleixner 

Jill Bepler (Wolfenbüttel): Making Books Matter: Dynastic Women and the Composition of Book Objects in Early Modern Germany

Lady Anne Clifford's portrayal of herself among her books in the famous triptychon that has engaged the attention of so many prominent book historians offers us an invaluable insight into the intertwinement of biography, books and power in the self-fashioning of an early modern woman for whom dynasty was central. There is no comparable example of a dynastic woman's self-interpretation of her book collection for the German territories of the period. Using examples from the written, pictorial and material evidence, this paper will examine the various ways in which dynastic women made their mark in or crafted individual book objects and established their own intimate connection to the book and its use.
Inscribing oneself into the biography of a book could mean physically writing it, authoring its paratexts, commissioning the composition of texts to be bound together, making or planning the iconography of the binding, superimposing or inserting a portrait or an allegorical image onto or into the book object, or making or adding to manuscript entries. By donating books during their lifetimes or leaving instructions in their wills, women also sought to influence the later biography of individual objects and groups of objects.

Alfred Messerli (Zürich): Das Buch als magisches Objekt 

Dem Buch allgemein wird schon im Mittelalter eine große Bedeutung, ja Macht zugeschrieben. Es spricht über große Distanzen und Zeiträume und enthält wie eine Schatzkammer das Wissen von Generationen. Es ist ein Subjekt und Ding zugleich, das „geboren“ wird und das „lebt“ und endlich „stirbt“. Das Buch vermag aber auch seine Besitzer zu überleben und fristet in Bibliotheken ein zweites Leben. Dieses mächtige Objekt soll im jüdischen, christlichen und islamischen Kulturraum untersucht werden.  



Claudine Moulin (Trier): Sich einschreiben. Spielarten des Vernakularen in mittelalterlichen Codices

In der vorwiegend lateinisch geprägten Schriftlichkeit des Mittelalters kommen der vernakularen, schriftlichen Überlieferung besondere funktionale und pragmatische Rollen zu. Der Vortrag möchte die Spielarten volkssprachiger Überlieferung im Spannungsfeld von Medium (unter anderem Codex, Buch, Seite) und Akteur (unter anderem Schreiber, Glossator, Leser) ausloten und sich insbesondere paratextuellen Elementen wie Annotationen, Glossen und sogenannten „Füllseleintragungen" sowie weiteren Benutzungsspuren widmen. Oftmals können erst durch diese vermeintlich sekundären Elemente Einblicke in das konkrete „Leben" der Bücher und ihrer über eine bloße Inhaltsfixierung hinaus gehende Vermittlungsfunktion gewonnen werden.
Das sich „Einschreiben" in den Codex, in die Zwischenzeilen und Leerräume der Pergamentblätter sowie in den vorhandenen Primärtext hebt den vermeintlich statischen Charakter von Text und Buch auf. Es überführt diese in Überlieferungskontinua, in „Biographien" bzw. fluide Erscheinungsformen, die die wesentlichen Merkmale der mittelalterlichen Schriftkultur prägen.
Das durch das Einbeziehen des vernakularen Moments, des Schreibens in einer anderen Sprache als das dominierende Latein, und durch das somit aufgebaute Spannungsfeld wird die Analyse weiterer funktionaler, sprachlicher und medial bedingter Elemente der mittelalterlichen Schriftkultur ermöglicht, die sich verstärkt zwischen Primär- und Paratext und den Momenten der Wissenscodierung und deren Dekodierung bewegt.


Ulrich Johannes Schneider (Leipzig): Das Buch und sein Wurm 

Gebundene Bücher waren bis weit ins 17. Jahrhundert hinein Produkte einer nachträglichen Zusammenstellung: Ihre physische Gestalt war oft der Sammelband, gerade bei professionellen Buchliebhabern. Die Würmer der Zeit haben diese Form des kompakten Nahrungsangebots – nicht selten mit Holzdeckel – gerne angenommen. Bücher wurden sozusagen durch die Gänge der Larven markiert. Diese Markierungen haben sich erhalten, selbst als in späteren Zeiten – systematisch im 19. Jahrhundert – Sammelbände zerlegt wurden. Man schuf damals neue bibliographische Einheiten und wollte durch Neumarkierung bzw. Umsignierung die Bibliothek transparenter machen: Einzelne Autoren sollten dort mit einzelnen Schriften präsent sein. Im Gelingen dieser Separierung negierte man die alte Gestalt der Bücher, von der aber die Wurmlöcher – sofern vorhanden – deutliches Zeugnis ablegen. Der Vortrag versteht sich als Beitrag zur vergleichenden Wurmlochforschung bzw. als Plädoyer für die Provenienzgeschichte des Mediums Buch.

Donnerstag, 7. April 2016
Sektion III: Transfer – Transformation
Moderation: Jörn Münkner 

Christian Heitzmann (Wolfenbüttel): Aus alt mach neu. Fragmente mittelalterlicher Handschriften als Einbandmakulatur in den Beständen der Herzog August Bibliothek

Die Wolfenbütteler Handschriftensammlung umfasst mehrere Hundert Fragmente, die erst zum Teil in Katalogen erschlossen sind. Prominent sind zum Beispiel ein Ovid-Fragment aus dem 5. Jahrhundert, das älteste Schriftstück in der Herzog August Bibliothek, oder Pergamentstreifen mit Texten Otfrids von Weißenburg und aus Hartmanns von Aue „Erec”. Die genannten Fragmente wurden im 19. und 20. Jahrhundert bald nach ihrer Entdeckung von Bibliothekaren aus Wolfenbütteler Einbänden herausgelöst, weil ihr besonderer Wert offenkundig war. Liturgisches, Theologisches, Hagiographisches und Wissensliteratur haben dagegen weitaus weniger Aufmerksamkeit gefunden und sind zumeist bis heute an Ort und Stelle geblieben.
Noch zahlreicher als die ausgelösten sind also die in situ verbliebenen Fragmente, die als Einbandmaterial für später entstandene Handschriften oder Drucke neue Verwendung fanden. Ihre Anzahl und ihr Inhalt sind noch völlig unbekannt. Dabei geben auch diese Fragmente wertvolle Aufschlüsse über Biographien von Büchern – welche mittelalterlichen Bücher wurden zu welcher Zeit nicht mehr zur Lektüre aufbewahrt, sondern zerlegt und als Einbandmaterial recycelt? Wie sichtbar durften die zweckentfremdeten Pergamentblätter bleiben? Gab es eine Ästhetik der Wiederverwendung? Was würde eine systematische Erschließung dieser Fragmente für unser Wissen über die Geschichte von mittelalterlichen Büchern und Texten beitragen?


Constanze Baum (Wolfenbüttel / Hannover): Im HyperFluss. Von Lettern zu Daten

Der Vortrag verhandelt die Dynamiken, die das Buch im Zeitalter seiner Digitalisierung auf unterschiedlichen Ebenen erfahren hat und erfährt. Dabei werden drei Aspekte in den Fokus der Betrachtung gerückt: Es soll darüber nachgedacht werden, was es bedeutet, wenn das gedruckte Werk technischen Transformationsprozessen ausgesetzt ist, um in eine digitale Form überführt zu werden – wenn also Lettern zu Daten werden. Daran anschließend gilt es zu fragen, ob es bestimmende Ästhetiken von digitalen Werken gibt und in welcher Beziehung diese zu ästhetischen Traditionen des gedruckten Buches stehen.
Schließlich soll der Frage nachgegangen werden, ob sich das Buch im Zeitalter seiner Digitalisierung tatsächlich entmaterialisiert bzw. welche Überlegungen sich hinsichtlich der Byte-Materialisierung im Hyperraum anstellen lassen. Um die Entwicklungen der letzten Dezennien nachzuzeichnen, werden unterschiedlichste Ansätze im Bereich digitaler Publikationen vorgestellt, die von der Überführung vorhandener Printkulturen ins Netz bis hin zu genuinen Netzprodukten reichen.

 

Susanna Brogi (Marbach): Gelehrtenbibliothek – Seminarapparat – Forschungsdesiderat: Transitstationen und Zuschreibungen einer „Exil”-Bibliothek  

Rund 8.800 Bände und Zeitschriften bilden heute die Bibliothek „Kurt Pinthus“, die der Kritiker im Jahr 1971 anlässlich seines 85. Geburtstags dem DLA Marbach als Geschenk übergeben hat. In enger Korrelation mit seinem Lebensweg ist diese Bibliothek von Beginn an wechselnden Zuschreibungen unterworfen gewesen. Die gravierendsten biographischen Einschnitte der Sammlung stellten 1938 ihre Verschiffung in die USA und 1967 die gefeierte Remigration nach Deutschland dar – verbunden jeweils mit klaren Auswirkungen auch auf ihre Funktionsbestimmung. Eingebunden in ein Netz von Veröffentlichungen, Karteien und Photographien des Nachlasses werden solche zu identifizierenden Transitstationen an den Büchern, die Spuren der Aneignung und wechselnden Systematisierung aufweisen, selbst evident.

Sektion IV: Konjunkturen
Moderation: Hole Rößler

Patrizia Carmassi (Wolfenbüttel): Bücherleben zwischen Produktion und Kollektion. Beispiele aus der Sammlung Marquard Gude 

Der Beitrag stellt die Frage nach der Bedeutung von Bücherleben anhand der Bestände der ehemaligen Bibliothek von Marquard Gude (1635-1689), die zum großen Teil in der Herzog August Bibliothek aufbewahrt wird. Ausgegangen wird von mittelalterlichen Zeugnissen und Quellen, die diese Metaphorik benutzen. Danach werden Spuren in Handschriften des Mittelalters und frühneuzeitlichen Drucken untersucht, besonders in Anmerkungen am Rande und in weiteren paratextuellen Elementen, die über das „Leben“ der Bücher oder dessen Vorstellung Auskunft geben. Dabei kann es sich um einzelne Bücherexemplare in ihrem Entstehungsprozess, aber auch um Bücher, die Eigentümer wechselten oder im Kontext einer Sammlung benutzt wurden, handeln.

 


Andreas Lehnardt (Mainz): Genisa – Fundorte jüdischer Buchreste auf Dachböden und in Bucheinbänden

Seit der Antike stellt das Buch als Medium der Traditionsweitergabe im Judentum ein zentrales Objekt dar. Judentum ohne Bücher ist nicht denkbar, trotz aller Wertschätzung der mündlichen Tradition. Der Beitrag geht auf die Entwicklung des besonderen Umgangs mit handgeschriebenen und gedruckten Büchern im Judentum ein. Seit talmudischer Zeit finden sich Belege für die Ablage (oder sogar Beerdigung) nicht mehr gebrauchter bzw. beschädigter heiliger Schriftstücke, insbesondere von Tora-Rollen, Gebetsriemen (Tefillin) und Türpfostenkapseln (Mesusot).
Daraus entwickelte sich der Brauch, sämtliche heilige Schriften oder solche Schriften, die den Gottesnamen tragen, nach ihrem Gebrauch in einen speziellen Ablageraum zu bringen, in eine sogenannte Genisa. Meist finden sich solche Räume in oder bei Synagogen, häufig unter deren Dach, gelegentlich aber auch in Kammern, wie in der wohl berühmtesten Genisa, die im 19. Jahrhundert in Alt-Kairo (Fustat) entdeckt wurde.
Die Untersuchung solcher Genisot, sei es im Orient oder hier in Deutschland, eröffnet interessante Einblicke in die Entwicklung jüdischer Buchkultur, insbesondere in die zunehmende Hochschätzung von gedruckten Werken und in den Übergang der Buchkultur vom handgeschriebenem zum gedruckten Exemplar. Anhand einiger Funde in von mir untersuchten Genisot in Deutschland sollen auch andere Aspekte der Übertragung buchethischer Vorstellungen auf andere Gegenstände erläutert werden.
Dies betrifft auch den Umgang mit zufällig aufgefundenen Blättern aus Bibeln, Gebetbüchern oder anderen religiösen Schriften in Händen von Nichtjuden. Solche schon in der traditionellen Literatur des Judentums beschriebenen Funde wurden und werden bis heute etwa auch in Bucheinbänden gemacht und stellen eine wichtige Quelle für die Rekonstruktion von Buchbiographien dar. Buchbinder fertigten mithilfe hebräischer Makulaturreste Einbände an, in die hebräische Pergamentblätter eingebunden sind. Anhand einiger Nachrichten über den jüdischen Umgang mit der daraus entstandenen nichtintentionalen Buchüberlieferung lassen sich weitere Gesichtspunkte der speziellen Wertschätzung des Buches in der jüdischen Kultur erkennen.


Achatz von Müller (Lüneburg): Buchkonjunkturen. Materialität und Aura der Ware Buch

 

 

 

Freitag, 8. April 2016
Sektion V: Fetisch – Makulatur
Moderation: Constanze Baum

Annegret Pelz (Wien): Zwischen Dutzendware und Unikat. Zur Dialektik von Buch und Album

Die beiden paradigmatischen Werktypen Album und Buch stellen Roland Barthes zufolge die Schreibenden vor eine Wahl: Sie können ein Buch schreiben, einen durchkonstruierten und wohldurchdachten Roman, in den das Ganze der Welt, die Summe des Wissens hineingelegt wird und der auf einzigartige Weise eine neue Welt erschließt. Ein solches literarisches Werk entsteht unter dem Gesichtspunkt der Notwendigkeit, dass nur diese und keine andere Geschichte erzählt werden konnte. Der Werktyp gehört allerdings der Geschichte an, die Vervielfachung der Kenntnisse und der Wandel der Epistemologie verunmöglichen heute ein totales, auf eine Essenz hin konstruiertes Buch.
Die Idee des Albums eröffnet eine entgegengesetzte Option. Es notiert das Leben in seinen Verästelungen und bildet ein Gewebe von Kontingenzen ohne Transzendenz. Zwei Kriterien machen es aus: Es ist situationsbedingt (journalistisch, pluralistisch, relativistisch) und diskontinuierlich: das künstliche Ensemble mit einer zufälligen Ordnung bezeugt das Rhapsodische und den Glauben an die kontingente Natur der Welt. Es hat keine Methode und beruht auf der Natur der Dinge – der Aufzeichnung lebendigen Geschehens.
Buch und Album sind dialektisch aufeinander bezogen: Ein Album kann im Hinblick auf ein zukünftiges Buch entstehen, ein fertiges Buch überlebt als Album – in Form von Zitaten (Biographemen). Der Vortrag zeigt, wie Barthes’ formästhetische Überlegungen die Opposition von Dutzendware (gedrucktes Buch) und Unikat (Album, Handschrift, mobile Sammlung, eingebettet in die soziale Praxis der Kontaktaufnahme, Repräsentationsmedium, individuelles Dokument) dynamisieren und in Bewegung versetzen.

Almuth Corbach (Wolfenbüttel): Brüche in der Biographie – eine Spurensicherung

In den Graphischen Sammlungen der Herzog August Bibliothek finden sich neben einem großen Teil von Werken, die als lose Einzelblätter oder auch in Passepartouts aufbewahrt werden, auch umfangreiche Bestände, die noch in gebundener Form überliefert sind. Das Spektrum reicht hier von einem Bündel mit schnellem Heftstich provisorisch zusammengefügter Blätter bis hin zu einer sorgsam zusammengestellten Auswahl verschiedener Serien zu ganzen Büchern mit aufwändigen dekorierten Einbänden. Das physische Erscheinungsbild gebundener Druckserien verbirgt zugleich Information über deren Herstellung, wie über Verleger, Händler und Sammler.
Vor diesem Hintergrund sind gerade solche raren Zwischenzustände von besonderem Interesse, wie sie sich in der Gruppe der Graphischen Reserve der Bibliothek vielfältig erhalten haben. Abgetrennte Lagen, zerteilte Buchblöcke oder auch ganz oder teilweise ausgeweidete Einbände geben sowohl Auskunft über den wechselhaften Lebenslauf eines individuellen Exemplars wie über die Geschichte der Sammlung. Es wird untersucht, inwieweit eine Sicherung dieser Spuren, der verwendeten Materialien und Techniken die unterschiedlichsten Praktiken der Aneignung, Umnutzung und Musealisierung illustrieren kann. Darüber hinaus sollen die Spuren gedeutet werden im Hinblick auf frühere Überlieferungszustände bis hin zu deren ganzen oder teilweisen Rekonstruktion.


Cornelia Ortlieb (Erlangen): Das Artefakt der Dichtung. „Goethe's Schreib-Calender 1822"

Der handelsübliche Weimarer Taschenkalender für das Jahr 1822 aus dem Nachlass Johann Wolfgang von Goethes enthält handschriftliche Notizen, die man als erste Entwürfe zur Elegie von Marienbad identifizieren kann. Entsprechend war seine Rückkehr in die Öffentlichkeit nach 150 Jahren in privatem Besitz eine Sensation. Die mehrfache Umgestaltung und je andere Funktionalisierung des kleinen Büchleins erlaubt einerseits die literatur-wissenschaftliche Rekonstruktion des Schreibprozesses, seiner medialen und materiellen Voraussetzungen und Hindernisse. Andererseits ermöglicht der Kalender eine neue Konturierung des Buches als (historisches) Objekt diverser Praktiken, etwa des Lesens und Notierens, aber auch des Sammelns, Archivierens und Verbergens. Zumindest dieses Buch zeigt sich so als ein gelegentlich widerständiger Agent mit einer eigenen Geschichte.

 

Nicholas Pickwoad (London): Salvage and Salvation: Bookbinding as Agents of Preservation

Bindings can be complex objects made from many different components and materials and they are often, especially after the invention of printing, made within a highly competitive commercial context where saving money by re-using old material was desirable. Even before the invention of printing, binders working within old-established monastic or cathedral libraries might recycle leaves of earlier manuscripts as waste when it was thought that they were no longer needed in the library, and thus save money in the construction of new books. The desire to keep costs down, or simply a lack of alternatives, meant that binders would often recycle all sorts of material for use within bindings; as a result they have sometimes preserved material that would otherwise have been lost to history.
We should not therefore castigate bookbinders for the destruction of these objects, often, but by no means always, early manuscripts, that they pulled apart to make their bindings, but be grateful to them for saving for us material that would otherwise have been thrown away. How to treat these membra disiecta, sometimes buried deep within the structures of early books, can then become highly controversial, as competing interests battle over access and preservation.

Freitag, 8. April 2016, 12:15 Uhr
Abschlussvortrag 

Ursula Rautenberg (Erlangen): Das offene Buch: zwischen Medium und Materialität 

Das Buch ist ein alltagsweltlicher Gegenstand. Als Schriftmedium ermöglicht es gesellschaftliche Organisation und Teilhabe: Lesen ist eine unverzichtbare soziale Praktik. Das Buch ist aber auch ein materieller Gegenstand, ein Artefakt, das als kulturelles Objekt Konstruktionsmaterial für vielfältige symbolisch-kommunikative Handlungen und rituelle Praktiken ist. Biographien von Büchern erzählen die vielen Bedeutungen und Handhabungen, die ein Buch in den Stadien seines Lebenszyklus erfährt: als ökonomisches und bibliophiles Gut, Diebesgut, Lesegegenstand und Arbeitsmittel, als Teil einer Sammlung und museales Ausstellungsstück.
Am Beispiel einer konkreten Buchbiographie, des Herbarius von Peter Schöffer in Mainz 1484 gedruckt (Exemplar aus der Sammlung des Nürnberger Arztes und Naturforschers Christoph Jakob Trew der Universitätsbibliothek Erlangen), werden die Vorträge und Diskussionen der Tagung aufgenommen und in einen größeren Rahmen gestellt: das Buch als Ding und Akteur.

Interviews zur Tagung

Tagungsleiterin Ulrike Gleixner im Gespräch mit Änne Seidel  
Deutschlandfunk, „Kultur heute”, Sendung vom 5. April 2016 

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Kann ein Buch Akteur sein, Frau Gleixner?
Interview mit Tagungsleiterin Ulrike Gleixner im MWW-Blog,
veröffentlicht am 21. März 2016

Zum Interview 

"Fast wie ein Cartoon am Rande"
Interview mit dem Literaturwissenschaftler William H. Sherman
im MWW-Blog, veröffentlicht am 14. Oktober 2016

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