Transatlantischer Bücherverkehr

Migrationswege und Transferrouten vor und nach 1945

Warum holte das DLA den 1939 nach New York emigrierten Kurt Pinthus, einen frühen Chronisten des Expressionismus, mitsamt seiner Bibliothek seltener Drucke des frühen 20. Jahrhunderts nach Marbach? Wie gelangte der Nachlass Hugo von Hofmannsthals in die Houghton Library und zu welchem Zweck wurde ein Teil der Handschriften 1965 von dort an das Freie Deutsche Hochstift Frankfurt gegeben? Warum ließ Curt von Faber du Faur seine 1939 nach Amerika transferierte Barock-Bibliothek nach dem Krieg mikroverfilmen? Wie haben Flucht, Emigration und Krieg die Überlieferungssituation zur deutschen Literatur geprägt? Wie haben Archive, Bibliotheken und Forscher*innen auf die Translokation eines signifikanten Teils ihres Forschungsmaterials reagiert?

Die Fallstudie fragt nach den Transferrouten und Migrationswegen von Bibliotheken und Autografen zur deutschen Literatur in der Zeit nach 1945. Der „Transatlantische Bücherverkehr“ ist dabei Metonymie für ein globales Phänomen; in der Studie geht es vor allem, aber nicht nur um ihn. Translokationen lassen sich für Material aus dem Besitz von Emigranten, vor allem aber anhand der ‘Umschlagplätze’ von Material, Auktionshäusern und Antiquariaten, in ihren Verbindungen zu Sammlungs- und Forschungseinrichtungen befragen. Nachlässe und private Sammlungen wurden der nationalsozialistischen Raub- und Zerstörungspolitik zum Trotz durch ihre Translokation, Transfers und Besitzerwechsel, vor Zerstörung und Verlust gerettet – so etwa die philosophischen Schriften von Novalis, Werk-Manuskripte von Adalbert Stifter, Briefe von Theodor Fontane, der Nachlass Hugo von Hofmannsthals, die Bibliotheken von Karl Wolfskehl und Kurt Pinthus, die Barock-Bibliothek von Curt von Faber du Faur und vieles andere. Die meisten, aber nicht alle dieser Objekte befinden sich heute wieder in deutschen Sammlungseinrichtungen. Ihre ‘Rückkehr’ ist Effekt eines wissenschaftlichen Begehrens: Sie wurden zum Motor für neue wissenschaftliche Editionen und Forschung innerhalb einer auf die Forschungsinteressen der Germanistik abgestimmten, öffentlich geförderten Sammlungspolitik. Wie veränderten Migration und Krieg, Materialpolitik und Materialaufmerksamkeit von Sammlungs- und Forschungseinrichtungen nach 1945? Wie haben politische Ereignisse und fachwissenschaftliche Ausdifferenzierungsprozesse die Aufmerksamkeit für Überlieferungsfragen innerhalb der Literaturwissenschaft beeinflusst? Warum ist „Provenienz“ bislang kein genuin literaturwissenschaftliches Thema und wie prägten Herkunftsfragen dennoch nach 1945 die literaturwissenschaftliche Forschung?

Am Beispiel exponierter Translokationen – darunter die Bibliothek von Kurt Pinthus, die im Rahmen des Projekts erschlossen wird – zeigt die Fallstudie rote und gerissene Fäden im Reden über die materiale Überlieferung zur deutschen Literatur auf. Ziel ist, literaturwissenschaftliche Arbeit in der Spannung von Materialgeschichte und ästhetischer Autonomie des Texts sichtbar zu machen. Drei analytische Ebenen werden dazu verbunden: objektbiografischer Zugang, Diskursgeschichte und ein Close Reading der translozierten Texte im Hinblick auf literarische Brechungen von Eigentums- und Herkunftsfragen. Die wichtigsten Quellen sind neben den Objekten und den um sie gruppierten Materialien: Zugangsbücher, Antiquariats- und Autografenkataloge.

Um diese Quellen zu nutzen und sie im Sinne einer vernetzten, anschlussfähigen Forschung für andere Fragestellungen zu öffnen, setzt das Projekt auf die digitale Erschließung und Erforschung von Zugangsbüchern, Auktions- und Antiquariatskatalogen am DLA. Eine DH-basierte Auswertung der Listen und Kataloge ermöglicht Aussagen zu Handelszentren, Transferrouten, Konjunkturen und Kanonisierungsprozessen, aber auch zur Sprache und zum Wissen der Kataloge – ein Wissen, das nicht zuletzt die prekären Verbindungen zwischen antiquarischem, kennerschaftlichem und philologischem Denken offenlegt. Das Interesse an Zusammenhängen zwischen Handel, Sammlung und Forschung verbindet das Projekt mit der Forschungsgruppe Provenienz im Forschungsverbund MWW.
 

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