Impressionen von Stipendiatinnen und Stipendiaten der Sommerschule

Kaffeepause im Wielandgut Oßmannstedt. Rechts im Vordergrund Danilo Sepra.

"Ich habe sogar gewagt, im Chor der Sommerschule mitzusingen"

Aus einem brasilianischen Gesichtspunkt ist es nicht leicht zu begreifen, wie es dazu kam, dass Weimar, ein kleiner Staat unter Territorialstaaten, mit voneinander getrennten Institutionen und Verwaltungen, der Ort des deutschen Klassizismus werden konnte, in dem der Nationalautor (oder die Nationalautoren) der deutschen Literatur zu finden ist (als es eben keine Nation in unserem Sinne gab). Als Germanist in Brasilien beschäftigen mich Fragen nach den Auswirkungen verschiedener politischer Erfahrungen der Formation eines Landes auf die Konstruktion eines Nationalautors. Der Sommerkurs sowie der Aufenthalt in Weimar haben mir die Möglichkeit gegeben, mich mit diesen Themen sinnlich und theoretisch zu befassen. Die Strategien der Inszenierung (auch der Selbstinszenierungen) eines Nationalautors zu beobachten und untersuchen, hatte für mich besondere Bedeutung, auch was meine aktuelle Forschung angeht, die sich mit (Selbst-)Darstellungen und Verständnissen des Dichters auseinandersetzt.

Der rege und intensive Austausch mit anderen Stipendiaten aus unterschiedlichen Wurzeln bildete für mich eine einmalige Erfahrung und Anreicherung der Perspektive, die weit über die wissenschaftliche Bildung hinausgeht. Die Atmosphäre unter den Stipendiaten des Kurses verband ein freundliches Klima mit reflexiv-kritischer und wissenschaftlicher Strenge. Zudem - und das hängt sicher mit der freudigen Stimmung der Sommerschule zusammen - habe ich sogar gewagt, im Chor der Sommerschule mitzusingen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich das einmal trauen würde.

Nach den zwei Wochen des Sommerkurses konnte ich noch für eine Woche Archivaufenthalt in Weimar bleiben. Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek bietet einen beeindruckenden Reichtum an Beständen der Germanistik und war ein exzellenter und gemütlicher Ort für die Forschungsarbeit. In dieser letzten Woche hatte ich Zugang zu Material, Texten und Büchern, die ich in Brasilien nicht zu Rate ziehen kann. Dies zählt zu einer wichtigen Voraussetzung für die Entwicklung meiner Promotion in Brasilien. In dieser letzten Woche konnte ich schon spüren, wie die Zeit der Sommerschule sich stark in mir ausgewirkt hatte und lange noch nachwirken würde.

Danilo Serpa hat sich in seiner Magisterarbeit mit der Inszenierung von Dichtern in der Gattung der deutschen Hymne des 18. Jahrhunderts beschäftigt. Derzeit promoviert er in Germanistik an der Universität von São Paulo, Brasilien zum Thema "Das Motiv Orpheus in der deutschen Lyrik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts".