Intellektuelle Netzwerke

Frühneuzeitliche Gelehrtenbibliotheken als Wissens- und Kommunikationsräume

 

Die Bibliothek eines frühneuzeitlichen Gelehrten war ein Ort kreativer Tätigkeit, des alltäglichen Lesens und Schreibens, des Sammelns und Exzerpierens, der Naturbeobachtung und der philologischen Forschung. Die Texte und Briefe von Theologen und Medizinern, Philosophen und Juristen entstanden in und mit ihren Bibliotheken, hier wurde Erkenntnis erarbeitet, von hier aus wurde kommuniziert. Somit sind Gelehrtenbibliotheken und ihre Provenienzen wertvolle Quellen für die Wissens-, Ideen-, Buch- und Personengeschichte.

An der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel geht es im Rahmen des (zweigeteilten) Teilprojektes um die Gelehrten Leonhard Christoph Sturm (1669–1719) und Johann Gottfried Lakemacher (1695–1736).

Leonhard Christoph Sturm

Sturm war Architekturtheoretiker, aktiver Teilnehmer am theologischen Diskurs und Professor für Mathematik und Baukunst an höheren Bildungseinrichtungen, u.a. an der Ritterakademie Rudolph-Antoniana in Wolfenbüttel. Mit der Untersuchung seiner Bibliothek und heterogener, mit ihm in Zusammenhang stehender Quellen und Medien (Briefe, Maschinenzeichnungen, Buchausleihen aus der herzoglichen Bibliothek, Rechnungen, Dienstkorrespondenz, Vorlesungsprotokolle, Zitate) fragt das Projekt nach den Wechselwirkungen zwischen dem sammlungsähnlichen Materialbestand und dem schriftstellerischen wie praktischen Output Sturms.

Es wird das Netzwerk des Wissens und der Gelehrsamkeit rekonstruiert, in dem Sturm agierte und das ihn mit den Zeitgenossen verband. Die Vermessung des Wissenskosmos von Leonhard Christoph Sturm erfolgt mit Methoden der Digital Humanities, wobei Impulse für die Erforschung einer Semantikbestimmung und Rekonstruktion von heterogenen Sammlungen erwartet werden.

Johann Gottfried Lakemacher

Lakemacher gilt als typischer Vertreter der Helmstedter Professorenschaft. Seine Bibliothek steht repräsentativ für die Büchersammlung eines zeitgenössischen Professors und Gelehrten. Die sich aus dem Verkauf der Bücher Lakemachers (ca. 2.000 bibliographische Einheiten in ca. 3.000 Bänden) ergebenden Fragen und Erkenntnisse stehen im Mittelpunkt. Denn die Dynamik der Sammlung manifestiert sich im Ableben des Besitzers, im dadurch hervortretenden Eigenleben der Bücher, d.h. ihrer erneuten Zirkulation und Wanderschaft, nämlich zu neuen Besitzern.

So sollen die Bedingungen professoralen Bücherbesitzes im Umfeld der Universität Helmstedt und die Wanderwege von Büchern erforscht werden. Der überlieferte durchschossene Auktionskatalog, inkl. Verkaufsprotokoll, dient als primärer Untersuchungsgegenstand, da er Zugang zum Verkaufsablauf und zu den Schicksalen der Bücher gewährt. Die Praktik des Erwerbs und die Auflösung der Büchersammlung, also die Dynamik privaten Bücherbesitzes, dienen als Datenrepositorium, anhand dessen mit Hilfe digitaler Methoden normative Regeln und soziale, ökonomische und intellektuelle Faktoren aufgeschlüsselt, kollationiert und visualisiert werden.

Projektphase 1: „Autorenbibliotheken: Materialität – Wissensordnung – Performanz“

Das Projekt führt die Untersuchungen fort, die im Rahmen des in der ersten Förderphase erfolgreich abgeschlossenen Forschungsprojekts Autorenbibliotheken: Materialität – Wissensordnung – Performanz durchgeführt wurden. Dabei waren private Gelehrtenbibliotheken der Frühen Neuzeit als Quellen der Wissens-, Buch- und Personengeschichte Forschungsgegenstand. Im Fokus standen ca. 450 niederländische und andere Auktionskataloge aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die sich in den Sammlungen der Herzog August Bibliothek Herzog August Bibliothek befinden. Das Erkenntnisinteresse galt den Brüchen und Konstanten in der Wissensgeschichte, den Konjunkturen des Buchmarktes, Gelehrtenbiographien sowie naturphilosophischen und philologischen Tatsachenkulturen. Besonderer Fokus lag auf der Erschließung der Bibliothek des deutschen Exilanten, Chiliasten und Rechenmeisters Benedikt Bahnsen. Die Erforschung der Büchersammlung von Leonhard Christoph Sturm wurde vorbereitet.

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