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Keine Randbemerkung. Nirgends

Petrarcas Psalmen ringen um Anerkennung

Die biblischen Psalmen sind wohl dasjenige Werk, das am häufigsten abgeschrieben, gedruckt, zitiert, kommentiert, übersetzt, bearbeitet und nachgeahmt wurde. All dies geschieht im Mittelalter in eigenen Texten, aber auch sehr häufig zwischen den Zeilen und auf dem Rand. Dies und mehr darüber hinaus zeigt die Sonderausstellung “Gedanken am Rande. Marginalien in Bild und Text 800-1800“, die am 3. Mai 2015 in der Bibliotheca Augusta in Wolfenbüttel eröffnet wurde.

 

Mit dieser Fülle an Marginalien umzugehen ist eine Herausforderung für Schreibende und Drucker. Die Ausstattung mit ausführlichen Rand-Kommentaren und Rand-Titeln wird im Mittelalter geradezu zum äußerlichen Erkennungsmerkmal für anerkannte Werke. Die große Verbreitung und das hohe Ansehen der Psalmen machen sie für Bearbeiter attraktiv.

 

Die Randnotizen verraten, wem es besser gelang, Aufmerksamkeit zu erheischen: Werke, die sich als Psalmenkommentar präsentieren (Ludolf von Sachsen), hatten dabei größere Chancen als unabhängige Werke im Psalmenstil (Petrarca). Und leichtere Veränderungen an den Psalmen (Marienpsalter) waren erfolgversprechender als eine vollständige Neukombination psalmodischer Elemente (Petrarca).

 

Mässiges Interesse an Petrarca

 

Der Band Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, S 378. 8° Helmst., zeigt exemplarisch, wie der kanonische Rang von Werken auf den Seitenrändern verhandelt wurde: Er enthält unter anderem biblische Bußpsalmen, das ‚Psalterium beatae Mariae virginis‘ von einem (Pseudo-)Bonaventura und Petrarcas ‚Psalmi poenitentiales‘ in einem Druck von Marcus Brandis in Leipzig um etwa 1485.

 

Dieser Band stammt aus Frauenhand: Zunächst befand er sich wohl in Privatbesitz, dann in den Beständen des Augustiner-Chorfrauen-Stiftes in Steterburg (heute Teil von Salzgitter). Bei dieser Zielgruppe ist das Interesse an Petrarca, im Gegensatz zum Marienpsalter, mäßig, obwohl der Drucker mit der Zusammenstellung die ‚Psalmi poenitentiales‘ in einen tagesliturgischen Rang erhob. Er druckte allerdings überall nur den schwarzen Text, die roten Anfangsbuchstaben (Lombarden) mussten die Käuferinnen selbst eintragen. Dabei machten sie von ihrer Gestaltungsfreiheit Gebrauch.

 

Die Lombarden in diesem Band schrieb möglicherweise die Erstbesitzerin, vielleicht Agnete von Dötzum (bei Gandersheim) oder Dorothea von Landsberg (bei Halle). Die Texte, die Maria thematisieren, wie den Marienpsalter, hat sie sorgfältig mit solchen Lombarden verziert, nicht aber Petrarcas Psalmen! Außerdem verbesserte vermutlich Agnete auf der hier gezeigten Seite den Druckfehler „Mara“ am Rand in „Maria“. Auch die biblischen Bußpsalmen sind gründlich durchgearbeitet, wohingegen diejenigen von Francesco Petrarca keine Randbemerkungen erhalten.

 

Zum Vergleich: Marianische Form des Athanasianischen Glaubensbekenntnisses, in: (Pseudo-)Bonaventura, Psalterium beatae Mariae virginis, Marcus Brandis, Leipzig ca. 1485. Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, S 378. 8° Helmst., o. S. 

 

Während Petrarca zwar im Psalmenstil, aber dennoch völlig eigene Psalmen dichtete, veränderte der Autor des Marienpsalters die biblischen Psalmen nur leicht, indem er sie auf Maria bezog, die im Spätmittelalter sehr verehrt wurde. Es half sicher auch, dass der Marienpsalter unter dem Namen des berühmten Franziskaners und Kirchenlehrers Bonaventura verbreitet wurde. Petrarca hingegen besaß nur niedere Weihen und demnach keine bereits kirchlich anerkannte Autorität als Schriftsteller.

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