Wolfenbüttels Botschafterin in Kenia

Ein Gespräch mit MWW-Forschungshospitantin Dorothy Flora Khamala

Von Nairobi nach Wolfenbüttel: Anfang September 2016 kam die kenianische Studentin Dorothy Flora Khamala als Forschungshospitantin von MWW an die Herzog August Bibliothek. Das Ziel der angehenden Informationswissenschaftlerin: so viel wie möglich über das Erstellen digitaler Editionen zu erfahren. Ob sie es erreicht und was sie noch gelernt hat, erzählt sie im Interview.

 

Forschungshospitantin Dorothy Flora Khamala Ende September 2016 in Wolfenbüttel. Foto: Sarah Melzian

Die Fragen stellte Felix Stoßmeister.

Frau Khamala, Sie waren im September 2016 vier Wochen lang als Forschungshospitantin von MWW an der Herzog August Bibliothek (HAB). Gab es bei Ihrer Ankunft in Wolfenbüttel etwas, was Sie besonders überraschend oder bemerkenswert fanden?

Ja, die wunderschönen historischen Gebäude und Reichtümer der Stadt, die zeigen, wie hoch die Wolfenbütteler ihre Kultur schätzen.

Was hat Sie dazu bewogen, sich um eine Forschungshospitanz an der HAB zu bewerben?

Der Hauptgrund war mein Wunsch, mich praktisch mit der Entwicklung von Metadatenstandards für digitale Editionen zu beschäftigen und zu erfahren, wie Bibliotheken mit ihren Sammlungen auf internationaler Ebene arbeiten, um so meine Laufbahn als Bibliotheks- und Informationswissenschaftlerin in Kenia zu fördern. Ich hatte bis dahin nur in meinen Vorlesungen an der Universität Nairobi von Metadaten gehört, aber keine praktischen Erfahrungen mit ihnen sammeln können. Als sich dann eben dazu die Chance an der Herzog August Bibliothek bot, habe ich nicht lange gezögert. Außerdem ist Deutschland seit Kindheitstagen mein Traumland. Am Goethe-Institut in Nairobi habe ich Deutschkurse besucht, um mehr über die deutsche Sprache und Kultur zu lernen.

Sie haben Ihre Hospitanz im MWW-Projekt „Digitale Forschungsinfrastruktur“ begonnen, das sich in Wolfenbüttel mit Datenmodellierung und Metadaten beschäftigt. Welche Aufgaben wurden Ihnen übertragen und wie sah Ihre tägliche Arbeit aus?  

Ein typischer Arbeitstag begann mit einer Einführung in verschiedene Aspekte der Modellierung von Daten und Standardisierung von Metadaten wie zum Beispiel das Erstellen von XML- und HTML-Dateien mit Hilfe der Text Encoding Initiative (TEI). Darüber hinaus bekam ich einen Einblick in ganz verschiedene Arbeitsbereiche der Bibliothek. So habe ich unter anderem die Arbeitsgruppe Katalogisierung Alter Drucke und die Redaktion der Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften kennengelernt und die Fotowerkstatt besucht.

Nach einiger Zeit sind Sie in das MWW-Projekt „Autorenbibliotheken“ gewechselt, das sich in Wolfenbüttel mit frühneuzeitlichen Gelehrtenbibliotheken und den Möglichkeiten ihrer digitalen Darstellung beschäftigt. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Als ich das Projekt „Autorenbibliotheken“ kennenlernte, war ich gleich erpicht darauf, zu verstehen, wie man Metadatenstandards für die Digitalisierung solcher Sammlungen entwickelt. Überdies gibt es an höheren Bildungseinrichtungen in Kenia ebenfalls Projekte zur Digitalisierung und zur Entwicklung von Repositorys. Daher wollte ich unbedingt in diesem Bereich Fähigkeiten erwerben, um sie später zu Hause anwenden zu können.

Was ist in Ihren Augen das Wichtigste, das Sie während Ihrer Hospitanz gelernt haben?

Die ganze Erfahrung war wertvoll für mich und hat mein Leben verändert. Ich habe in sehr kurzer Zeit sehr viel gelernt. Die Fähigkeiten, die ich bei der Erstellung digitaler Editionen mit XML-Schemata erworben habe, waren der beste Teil meines Praktikums. Mit der gleichen Methode habe ich an einer Edition von Briefen des frühneuzeitlichen Amsterdamer Mathematikers Benedikt Bahnsen gearbeitet. Anfangs war ich langsam, da ich die Arbeit mit Text Encoding nicht gewohnt war, aber bald wurde ich schneller und am Ende des Projekts habe ich gute Arbeit geleistet. Für ihre Unterstützung bedanke ich mich herzlich bei Herrn Steyer und Herrn Dr. Münkner, den wissenschaftlichen Mitarbeitern der MWW-Projekte „Digitale Forschungsinfrastruktur“ und „Autorenbibliotheken“ in Wolfenbüttel.   

Hatten Sie bereits Gelegenheit, Ihre an der HAB erworbenen Fähigkeiten bei sich zu Hause in Kenia anzuwenden?

Ja. Ich bin derzeit Freiwillige bei der National Authority for the Campaign Against Alcohol and Drug Abuse (NACADA). Meine Aufgabe ist es, die Berichte dieser Einrichtung mit Hilfe von XML und HTML zu digitalisieren und zur Veröffentlichung im Repository aufzubereiten. Für die wunderbare Gelegenheit, in der Herzog August Bibliothek arbeiten zu dürfen, werde ich ewig dankbar sein. Daher komme ich auch mit großer Freude meinem „Botschaftermandat“ nach und erzähle meinen Kommilitonen von meinen Erfahrungen in Wolfenbüttel. Und ich freue mich auf weitere kenianische Praktikanten, die dort ihre Fähigkeiten üben und mehr über Digital Humanities erfahren können.

Dorothy Flora Khamala studiert Bibliotheks- und Informationswissenschaften an der Universität Nairobi (Kenia). Als Forschungsstipendiatin von MWW mit Schwerpunkt Digital Humanities lernte sie im September 2016 vier Wochen lang verschiedene Arbeitsbereiche der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel kennen.

Felix Stoßmeister ist studentische Hilfskraft in der Geschäftsstelle von MWW in Berlin.