Weimarer Verwirrspiel

Von Stefan Höppner

1779 lernte Goethe in der Schweiz den Prediger Georg Christoph Tobler kennen, zwei Jahre später begegneten sich die beiden in Weimar wieder. Als 1782/83 Toblers rhapsodischer Text „Die Natur“ im „Tiefurter Journal“ erschien, hielten die meisten Goethe für den Verfasser. Ein Irrtum, dem selbst die renommierte Zeitschrift „Nature“ in ihrer ersten Ausgabe 1869 aufsaß – und an dem der große Dichter keinen geringen Anteil hatte.

"By Goethe": Toblers Text wurde 1869 in der Zeitschrift "Nature" abgedruckt – und Goethe zugeschrieben. © Nature Publishing Group

 

Bei unserer Aufarbeitung von Goethes privaten Büchern und seiner Ausleihen aus der herzoglichen Bibliothek im Rahmen des MWW-Teilprojekts „Goethes Bibliotheken in Weimar“ stoßen wir immer wieder auf kleine, erzählenswerte Begebenheiten, die in der großen Literaturgeschichte keinen Widerhall gefunden haben. Hier ist der Ort, an dem wir über seltene Handschriften, unterschätzte Autoren und wenig bekannte Geschichten aus Goethes Umfeld berichten. Teil I der neuen Blog-Reihe „Weimarer Fundstücke“.

 

Der bekannteste Text dieses Schweizer Autors stammt von Goethe – oder zumindest glaubte man das. „Die Natur“ ist nur wenige Seiten lang, ein rhapsodischer Text über das Wesen hinter den Erscheinungen. Das kurze Fragment ist im hohen Ton des Sturm und Drang gehalten. Seine kurzen Abschnitte lesen sich wie Aphorismen: „[Die Natur] schafft ewig neue Gestalten; was da ist war noch nie, was war kommt nicht wieder. – Alles ist neu und doch immer das Alte.“

„Die Natur“ erschien zuerst 1782/83 im handgeschriebenen „Tiefurter Journal“, in dem sich der Kreis um die Weimarer Herzogin Anna Amalia über die Literatur der Gegenwart austauschte. Goethe machte ein Geheimnis aus dem Verfasser, aber die meisten Leser hielten ihn für den Urheber. Charlotte von Stein allerdings identifizierte den gebürtigen Zürcher Georg Christoph Tobler als Verfasser.

Keine rechte Harmonie

1757 geboren, war Tobler von Haus aus Theologe. Bereits mit zwanzig Jahren als Prediger ordiniert, hielt ihn das nicht von weiten Reisen ab. Goethe hatte ihn 1779 allerdings in seiner Heimat, der Schweiz, kennengelernt. 1781 hielt sich Tobler ein halbes Jahr lang in Weimar auf, wo er bei dem ehemaligen Prinzenerzieher Karl Ludwig von Knebel logierte. Er kam mehrmals mit Goethe zusammen, aber eine rechte Harmonie wollte sich nicht einstellen. Der Besucher schrieb über den Dichter und Frau von Stein: „Ich kann so wenig zu einem reinen Grad von Achtung für sie kommen als zu einem hohen Grade von Zärtlichkeit gegen Goethe; der mir sonst weit, unverdient weit artiger, freundlicher, undrückender [sic] begegnet, als ich vermutet hätte.“

Hier in Weimar entstand wohl auch „Die Natur“. Goethe war ratlos, als er 1828 wieder mit dem Text konfrontiert wurde. Die Hand des Schreibers war die seines damaligen Sekretärs, aber: „Daß ich diese Betrachtungen verfaßt, kann ich mich faktisch zwar nicht erinnern, allein sie stimmen mit den Vorstellungen wohl überein, zu denen sich mein Geist damals ausgebildet hatte.“ Dass sie von Tobler stammten, war ihm da längst entfallen. Im Übrigen fand er den Aufsatz mangelhaft und naiv.

Ein wahrer Schatz von Toblers Hand findet sich heute in den Beständen der Klassik Stiftung Weimar. Tobler hatte sich nämlich als Übersetzer antiker Literatur einen Namen gemacht. 1781/82 veröffentlichte er eine zweibändige Sophokles-Ausgabe, die erste deutsche Gesamtübersetzung überhaupt. Gleichzeitig arbeitete er an einem anderen Projekt – der Übertragung von Aischylos‘ gesammelten Dramen. Es war dieses „Übersetzungswesen“, für das Goethe sich erwärmte und zu dem er den Schweizer Gast weiter zu motivieren suchte. Mit der Arbeit am Aischylos begann Tobler in Weimar und führte sie im folgenden Winter in Zürich zu Ende. Als er fertig war, schickte er die übrigen Stücke nach Weimar. „Die Flehenden“ und „Die am Grabe Opfernden“ existieren sogar noch in einer zweiten Abschrift, die allerdings beide von Schreiberhand stammen.

Fehlerhafte Zuschreibung

Goethe blieb auch später an Toblers Übersetzungen interessiert. 1797 lieh er fünf der Dramen aus der herzoglichen Bibliothek, wo man sie damals aufbewahrte, aus, um sie in Ruhe einzusehen. Heute liegen die Manuskripte im Goethe-und-Schiller-Archiv. Auch drei Euripides-Dramen im Archiv dürften von Georg Christoph Tobler stammen.

Obwohl Tobler der erste war, der eine deutsche Gesamtübersetzung von Aischylos anfertigte, blieben die Manuskripte bis heute unveröffentlicht. Das Stück „Der befreite Prometheus“, das Wieland 1782 in seinem „Teutschen Merkur“ veröffentlicht, ist eine Eigenproduktion Toblers. Ein Stück von Aischylos mit gleichem Namen hat zwar existiert, ist jedoch verschollen. Drei der Weimarer Texte kursieren als fotomechanischer Nachdruck von etwa 1970 an einigen Hochschulen. Den Buchmarkt haben sie wohl nie erreicht. Eine offizielle Edition von Toblers Aischylos-Übersetzungen existiert bis heute nicht.

Unfreiwilliger Nachruhm

Noch einmal kam Tobler zu Nachruhm, wenn auch unfreiwillig und ohne Nennung seines Namens. Als 1869 die renommierte Zeitschrift „Nature“ erstmals erschien, begann die erste Ausgabe mit „Die Natur“ – natürlich „by Goethe“. Den Kommentar lieferte der Evolutionsbiologe Thomas Henry Huxley, Mitstreiter von Charles Darwin und Großvater von Aldous Huxley, des Autors des Romans „Brave New World“.

Dort heißt es, es gebe wohl „kein passenderes Vorwort für eine Zeitschrift, die den Fortschritt des Vorgangs widerspiegeln soll, in dem die Natur zu einem Bild ihrer selbst im Geist des Menschen gelangt, was wir den Fortschritt der Naturwissenschaft nennen.“ Damit behielt Thomas Huxley recht – auch wenn er den wahren Autor nicht kannte: Georg Christoph Tobler.

 PD Dr. Stefan Höppner leitet von Weimar aus das MWW-Forschungsprojekt „Autorenbibliotheken“.