Weimar revisited

Von Lukas Meier

Goethe und Schiller hoch oben auf dem Denkmalsockel hatte Lukas Meier schon als kleiner Junge bestaunt. Als Philosophie-Student in Oxford ergriff er dann die Chance, sich den beiden noch einmal und anders zu nähern, und kam über eine Forschungshospitanz von MWW ein zweites Mal nach Weimar. Ein Erfahrungsbericht.

MWW-Forschungshospitant Lukas Meier half, den Buchbestand in Goethes Privatbibliothek zu erfassen. © Klassik Stiftung Weimar, Foto: Jens Hauspurg

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.


Als kleiner Junge von etwa sieben Jahren kam ich Mitte der neunziger Jahre zum ersten Mal nach Weimar. Von Goethe und Schiller wusste ich noch nicht viel; dem andächtigen, ehrfurchtsvollen Tonfall meiner Eltern konnte ich jedoch entnehmen, dass die beiden Gestalten hoch über mir auf dem Denkmalsockel von ganz außerordentlicher Wichtigkeit sein mussten. In der Schulzeit, bei der Lektüre des Werther und des Tell, wurde der trübe Blick allmählich klarer, und ich begann die Bedeutung jener beiden Dichter für unsere Sprache und Kultur zu erfassen. Nun wuchs in mir der Wunsch, Weimar ein zweites Mal zu besuchen, es noch einmal mit anderen Augen zu sehen.

Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?


Doch daraus wurde vorerst nichts. Ich nahm ein Studium der Philosophie und Politikwissenschaft auf, nicht der Germanistik. Die Fächer ergriffen Besitz von mir, und für die mir nun vertrauteren Weimarer Gestalten blieb zunächst keine Zeit. Dann wechselte ich nach Oxford, wo den Studenten jeden Sommer Praktika angeboten werden, unter anderem bei einer der drei im Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel (MWW) vereinten Einrichtungen. Und da war sie, die Gelegenheit, auf die ich schon so lange gewartet hatte: eine Hospitanz bei der Klassik Stiftung Weimar.

Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten.


Und so stand ich im Sommer 2016 also wieder zu Füßen der beiden noch immer überlebensgroßen Gestalten, diesmal ausgestattet mit dem Wissen um ihre ungeheure Schaffenskraft und dankbar ob der unverhofften Chance, die sich mir bot. Bei der Klassik Stiftung durfte ich im MWW-Forschungsprojekt „Autorenbibliotheken“ mitarbeiten. Unter Anleitung des Projektleiters Stefan Höppner half ich, den Buchbestand in Goethes Privatbibliothek zu erfassen und mit bereits bestehenden Verzeichnissen und Briefen abzugleichen. Auf diese Weise lässt sich feststellen, welche Exemplare sich nicht mehr im Besitz des Goethe-Nationalmuseums befinden und wie die Bände ursprünglich einmal aufgestellt waren. Diese Tätigkeit machte nicht nur Spaß, sie schloss auch einen Besuch in der Bibliothek selbst ein, zu der der normale Museumsbesucher keinen Zutritt hat. Zudem betrachteten wir Originaldokumente im Goethe- und Schiller-Archiv und unternahmen einen Ausflug zu Goethes Geburtshaus in Frankfurt.

Ich genoss meinen idyllisch gelegenen Arbeitsplatz im Studienzentrum, direkt gegenüber der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, deren obere Stockwerke 2004 durch einen Brand zerstört worden waren und die drei Jahre später nach der Sanierung wiedereröffnet werden konnte. An den Wochenenden besuchte ich die zahlreichen Museen der Klassik Stiftung.

Gleichzeitig durfte ich eine Fragestellung meiner Wahl bearbeiten. Ich entschied mich für Goethes Autographen-Sammlung. Bis zu seinem Tode sammelte und katalogisierte Goethe viele Jahre lang Handschriften bedeutender Persönlichkeiten aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen. Was veranlasste ihn zu dieser bislang vergleichsweise wenig beachteten Tätigkeit? Nach welchen Kriterien wurden die Autographen ausgewählt? Und stand dabei ein graphologisches Interesse oder der Wunsch nach Vergegenwärtigung eines Abwesenden im Vordergrund?

Diesen und anderen Fragen ging ich im Rahmen meiner Forschungshospitanz nach. Nur in Weimar kann man eine vergleichbare Fülle an Manuskripten einsehen und mit den verschiedenen Sammlungen im Original arbeiten. Die Forschungsbedingungen sind ideal. Ich möchte der Klassik Stiftung für diese einmalige Gelegenheit danken. Es gibt keinen Ort, an dem man den beiden berühmten Gestalten auf dem Theaterplatz näher sein könnte. Mein Blickwinkel auf ihr Wirken ist nun ein anderer; die Ehrfurcht ist noch dieselbe wie ich sie damals, das erste Mal vor ihnen stehend, als kleiner Junge empfand.

Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen…


… ich werde wohl wiederkommen müssen.


Lukas Meier hat Philosophie und Politikwissenschaften in Göttingen und Oxford studiert. Im Juli 2016 war er als Forschungshospitant von MWW an der Klassik Stiftung Weimar und beschäftigte sich im Rahmen des MWW-Forschungsprojekts „Autorenbibliotheken“ unter anderem mit der Autographen-Sammlung Goethes.