Vom Zeitungsgerücht zum Kartenspiel: "Faust" intermedial

Carsten Rohde
»Doktor Faust«, Theaterzettel einer Aufführung aus dem Jahre 1811, ohne Ortsangabe © Klassik Stiftung Weimar / HAAB

Goethes Faust erschien zuerst im Medium des Imaginären – im Gerücht. In den Jahren 1777/78 tauchten in verschiedenen Zeitschriften in Deutschland Meldungen auf, sowohl Lessing als auch Goethe schrieben an einer Dichtung über jenen spätmittelalterlichen ‚Erz-Zauberer‘ und ‚Schwarzkünstler‘, der im Begriff stand, zum Nationalmythos der Deutschen zu werden. Die kulturelle Öffentlichkeit durfte gespannt sein. Im Falle Lessings blieb es indes beim Gerücht bzw. Plan: Nur wenige fragmentarische Zeilen, die bereits 1759 in Lessings 17. Literaturbrief erschienen waren, sind überliefert. Anders bei Goethe. Zwar fiel die Reaktion auf das 1790 publizierte Faust-Fragment in der Werkausgabe recht verhalten aus – doch mit der Popularität Goethes stand es in jenen Jahren ohnehin nicht gut, schließlich war er im ersten Weimarer Jahrzehnt fast gänzlich aus der Öffentlichkeit verschwunden. Zudem mochte sich das Interesse für ein altdeutsches Gelehrtenschicksal auch aufgrund der revolutionären Ereignisse in Frankreich in Grenzen halten.

 

Johann Heinrich Lips, Faust, eine Licht-Erscheinung betrachtend, Stich zum Faust-Fragment, Frontispiz des 7. Bandes von Goetheʼs Schriften, 1790, Klassik Stiftung Weimar, Anna Amalia Bibliothek, Signatur: F 692. © Klassik Stiftung Weimar, Anna Amalia Bibliothek


Das ändert sich mit der Publikation des ersten Teils der Tragödie 1808. Bemerkenswert sind besonders die vielfältigen intermedialen Austauschprozesse, in denen Goethes Dichtung steht. Erste Bekanntschaft mit dem Drama, das im 19. Jahrhundert zu so etwas wie dem Nationalepos aller Deutschen und Inbegriff des hochliterarischen Kanons wurde, macht das Publikum ausgerechnet im profanen Massenmedium der Tagespresse! In Cottas Morgenblatt für gebildete Stände werden am 7. und 13. April 1808 zwei Szenen aus Faust I abgedruckt, bevor zur Ostermesse Mitte April die Buchausgabe erscheint. »Durch die Tagesblätter cursiren schon Stellen von Faust«, schreibt Goethe Anfang Mai an seinen Freund Knebel. An die Seite der Literatur gesellt sich bald die Bildende Kunst (Illustrationen, teils in Zyklenform seit 1808). Auch Musik und Theater  spielen in der Rezeption des literarischen Dramas schon früh eine Rolle: Pläne zu Vertonung und Aufführung sind seit ungefähr 1810 nachweisbar.

Insbesondere in den szenischen Künsten erfährt Goethes Faust eine breite Resonanz. In Weimar selbst denkt man über eine szenische Darbietung mit Musik nach. In Paris, der Theaterhauptstadt Europas, entstehen im Zuge der ersten Faust-Mode seit den 1820er Jahren zahlreiche Dramen, Opern, Ballette und musikalische Adaptionen, zumeist inspiriert von Goethes Faust, der durch Übersetzungen und das Faust-Kapitel in Madame de Staëls De l’Allemagne unter Künstlern und Intellektuellen in ganz Europa rasch Verbreitung findet.

Das allererste Zeugnis einer theatralen Umsetzung von Goethes Faust datiert indes bereits auf das Jahr 1809: Am 13. Januar gibt man im Weimarer Haus von Johannes Falk und in Anwesenheit des Verfassers einzelne Szenen als chinesisches Schattenspiel. Das mag man als kuriose Randnotiz in der langen und weitläufigen Rezeptionsgeschichte des Goethe’schen Faust verbuchen, doch verdeutlicht dieses Ereignis beispielhaft die Vielfalt der historischen Rezeptionsformen und damit einhergehend auch die Vielfalt intermedialer Bezüge.

Faust in den Konstellationen der Künste um 1800


1806 erscheint im ersten Band der Sammlung Des Knaben Wunderhorn das ›alte deutsche Lied‹ Doktor Faust, welches, so der Untertitel, auf ein Fliegendes Blat aus Cöln zurückgeht – auf engstem Raum ist hier eine überaus komplexe intermediale Konstellation aufgespannt, die verschiedene literarische Gattungen (Lied, Ballade, Anthologie) und Medien (Flugblatt, Buch, Musik) miteinander in Beziehung setzt.

Mit Blick auf den historischen Rezeptionsprozess unterstreicht dieses Beispiel, dass die ausgeprägten intermedialen Zusammenhänge, in die Goethes Faust-Dichtung direkt involviert ist, zusätzlich in eine Stofftradition eingebettet sind, die ohnehin und insbesondere in den Jahren der Faust-Publikation mannigfache Querverbindungen aufweist. Teil dieser bis ins Zeitalter der Reformation zurückreichenden Stofftradition ist das seit dem 17. Jahrhundert lebendige Volkstheater (Wanderbühne, Jahrmarktstheater, Puppenbühne, Pantomimen, Ballette, Possen, Burlesken, Feuerwerke, Kindertheater), das – wenngleich es sich in den meisten Fällen auf effekthascherische Spektakelstücke beschränkt – nicht nur Goethe die Faust-Fabel plastisch vor Augen geführt haben dürfte, wie dieser im 10. Buch von Dichtung und Wahrheit berichtet.

Im Erscheinungsjahr des Goethe’schen Faust I wurde in Dresden mehrfach ein Volks- ›Faust‹ gespielt: Doktor Faust. Ein großes pantomimisches Ballet in drei Aufzügen, von Nuth. Musik von Dunkel. Als polymediale Darstellungsformen beeinflussen die Faust-Stücke des Volkstheaters um 1800 ›neue‹ und hochliterarische Medialisierungen wie Goethes Faust – durch den seinerseits im Zusammenhang komplexer Austauschprozesse wiederum populäre Theaterformen  angeregt wurden.

Faust in der Alltagskultur


Zeugnis der Medienvielfalt wie gleichermaßen der Ausstrahlung von Goethes Faust in die Alltagskultur sind die vier Faust-Illustrationen auf einem Whist-Kartenspiel von 1816/17. Sie gehen auf den Tübinger Buchhändler und Kupferstecher Christian Friedrich Osiander zurück, wurden in variierter Form und vermutlich als Separatdruck erstmals 1808 veröffentlicht und zählen zu den frühesten Zeugnissen der bildkünstlerischen Rezeption.


Karten-Almanach für die gegenwärtige Zeit, Pique III, o. J. (1816/17), Erklärung im Beiheft: »Faust im Kerker bei Gretchen. Mephistopheles draußen ihn abrufend. «
© Klassik Stiftung Weimar / HAAB

 

Wenn diese Illustrationen dann 1816/17 in einem Kartenspiel mit literarischen Bildmotiven erscheinen, so ruft dieser Transfer erneut ein Medium auf, das in vielfältigen sowohl populärkulturellen wie hochliterarischen Zusammenhängen steht. Die Spielkarten geben sich als intermediale, multifunktionale Objekte zu erkennen: Als Vorbilder für die literarischen Motive dienen, ähnlich wie im Falle von Illustrationen in Zeitschriften und Büchern, nicht selten Figurinen von Theaterinszenierungen. Gelangen die Spielkarten in Form von Kartenalmanachen zum Verkauf, erläutert ein Beiheft die Motive und Zitate auf den Karten, so dass sich ein beziehungsreicher Dialog zwischen Bild- und Textelementen entfaltet. Auch hinsichtlich ihrer Funktion sind die Karten vielfältig einsetzbar, sie dienen als Spielkarten, Visitenkarten, billets d’amour, Notizzettel oder auch als Stammbucheinlagen und Souvenirs.

Das Erscheinen von Goethes Faust – dies verdeutlichen diese wenigen Beispiele – ist eingespannt in ein dichtes intermediales Bezugsnetz. Wenn diese Dichtung zu einem der am meisten interpretierten Stücke deutschsprachiger Literatur werden sollte, dann geschah und geschieht dies auch aufgrund seiner vielfältigen medialen Verzweigungen. Diese reichen bis ins 20. und 21. Jahrhundert hinein, das eine Vielzahl neuer Faust-Medialisierungen schuf, unter anderem und nicht zuletzt im Genre Film – man denke nur an F. W. Murnaus Stummfilm Fausteine deutsche Volkssage aus dem Jahr 1926.

 

Gösta Ekman als Faust und Emil Jannings als Mephisto in Friedrich Wilhelm Murnaus Film „Faust – eine deutsche Volkssage“ aus dem Jahr 1926 © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung