Siegfried Kracauer zwischen den Stühlen – Randnotizen zu seinem sozialen Netzwerk in Amerika

Von Christina Zimmermann

Zweimal im Jahr schreibt der Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel Stipendien für die Digital Humanties aus. Die Stipendiatin Christina Zimmermann verbrachte im Sommer 2017 drei Monate im Deutschen Literaturarchiv in Marbach und arbeitete zu "Kracauer's Theory of Film – the Murmur of Actual Occasions". In ihrem Beitrag formuliert sie Überlegungen zur Netzwerkbildung Kracauers in Amerika.

Nachlass Siegfried Kracauer © Deutsches Literaturarchiv Marbach

Im Fotoarchiv von Siegfried und Lili Kracauer fallen bei den Urlaubsbildern die Gartenstühle auf, solche, auf denen Kracauer arbeitend für ein Autorenportrait Modell sitzt und solche, die gerade erst verlassen wurden: Eine ganze Gruppe auf einer ungemähten Wiese in Stamford (1950) oder ein einzelner Liegestuhl in der gepflegten Parkanlage des Hotel Vereina in Klosters mit Blick auf die Schweizer Alpen (1956 oder 1958). 

Nachlass Siegfried Kracauer
© Deutsches Literaturarchiv Marbach

In den Bildern ist Sommer wie in Marbach. Auch wir sitzen abends in Gartenstühlen auf der Dachterasse des Collegienhauses und geniessen die Sicht übers Neckartal. Eine Stipendiatin, die in Amsterdam studierte, schlägt mir vor, Kracauer’s soziale Kontakte mit einer Software zu erfassen, die in deutscher Übersetzung „Knotenziege“ heißen müßte. Die Ziege knotet sich in meiner Phantasie an den Stuhlbeinen fest und grast von nun an in Lili’s Schwarz-Weiss-Fotografien. Soweit die Leine der Ziege reicht, erhält jeder Stuhl dabei eine runde Aura... Am nächsten Tag sitze ich wieder bei klimatisierten 18 Grad vor dem Mikrofiche-Gerät und lese Sommerurlaubspostkarten, weiss auf schwarz: Der Soziologe Adolf Lowe und seine Frau Bea schreiben im August 1955 aus Vermont, einer unter New Yorker Intellektuellen beliebten Urlaubsregion 190 Meilen nördlich der Hauptstadthölle. 

Detail: Postkarte von Adolf und Beatrice Lowe an Siegfried und Elisabeth Kracauer, 7. August 1955.
© Deutsches Literaturarchiv Marbach

 

Die Kracauers fahren ebenfalls nach Vermont – 1957 und 1959 –, denn Siegfried (alias Friedel) sucht einen Ort, an dem er seine „Theorie des Films“ schreiben kann. Nach Wilmington treibt die beiden aber nicht nur die Aussicht auf einen idealen Rückzugsort: Im Nachbarort Brattleboro findet das alljährliche Robert Flaherty Film Seminar statt, bei dem die Kracauers 1957 mit dem englischen Dokumentarfilmer Paul Rotha zusammentreffen und das Marlboro Music Festival bietet sich für einen gemeinsamen Abend mit den Riesman’s aus Chicago an, die in Brattleboro ein Haus besitzen. Kracauer will den Soziologen und Bestseller-Autor David Riesman (The Lonely Crowd, 1950) als Referenzperson für einen Antrag bei der American Philosophical Society gewinnen, was ihm nach seiner Rückkehr nach New York schließlich auch gelingt. Daneben sind weitere Fachkollegen vor Ort in Vermont, insbesondere aus dem Bureau of Applied Social Research der Columbia University, denn David Sills, damals stellvertretender Direktor des Bureau, und seine Frau Yole haben in Wilmington eine Farm, auf die sie gerne einladen. 

Foto: Elisabeth Kracauer; Sill's Farm (von links nach rechts: Frau Katie, Prof. Dr. John W. Bennett, Siegfried Kracauer) © Deutsches Literaturarchiv Marbach

 

Kracauer faßt dem gemeinsamen Freund und Soziologen Charles Y. Glock gegenüber seinen siebenwöchigen Sommerurlaub in Wilmington 1957 folgendermaßen zusammen:

„We had a good 7-week summer at the Crafts Inn in Wilmington. The owner, a somewhat inarticulate but extremely well-intentioned horse lover, had put a giant table in our room so that, under the beneficent impact of this piece of furniture, I kept working on my manuscript day after day. Lili had selected this place from among many prospectuses in the hope that we would be completely undisturbed there. Alas, it turned out to be a center of social life and, our hopes notwithstanding, we enjoyed the minor turmoil tremendously. The first evening after our arrival we spent at Dave’s farm where the cream of the Bureau was assembled, not to mention other nice guests. Then we visited with the Henry Lennards who later came to visit us, including the children. Then we attended the Marlboro music festival and heard Serkin play Mozart. Our young relative, the pianist, was there on the staff and of course we heard him also. This festival was followed by a day spent at the Film Seminar at Mrs. Flaherty’s farm. You should have heard me intervene in the discussion; I was in good form and held forth, really. Subsequent to this victory Paul Rotha, the well-known English writer on film and documentary maker, spent two days with us at the Crafts Inn to discuss with me common problems. (He had written a very favourable report on my manuscript for the Oxford Press). Once this was over, no lull set in. Erich Kahler from Princeton came for an evening, and we had a very good time with the David Riesmans who came from their dairy farm to our place for luncheon and over there-after.“ 

Biografische Darstellungen, die dazu tendieren, Siegfried und Lili Kracauer als zurückgezogenes Paar im New Yorker Exil zu zeichnen, sind in diesem Licht Ende der 1950er Jahre nicht haltbar. Stattdessen fällt ein hohes Maß der Durchdringung von privaten und beruflichen Interessen auf, Interessen, die u.a. dazu führen, dass Kracauer seine Arbeit an der „Theorie des Films“ im Frühjahr 1958 für mehrere Wochen unterbrechen muss, weil er den Auftrag hat, einen Bericht für das „Bureau“ zu schreiben. David Sills schickt den Kracauers schließlich am 09.07.1958 ein Foto des Nachmittags im vorigen Jahr in seiner Sofaecke, das ihm der Anthropologe John W. Bennett hat zukommen lassen (Bild siehe oben). Sills schickt das Foto anlässlich von „Lili und Friedl’s“ Europareise im Sommer 1958, die die American Philosophical Society finanziert, und er schickt es ihnen als Erinnerungsstück nach England hinterher. Sills kommentiert: „I thought you might like to have it with you to show your European friends what home life in Vermont is like.“ Diese Geste ist nicht einfach zu deuten: Ist es tatsächlich eine Aufforderung zur transkontinentalen Kulturvermittlung oder liegt darin eher eine Erinnerung an den amerikanischen Freundeskreis, der sich in diesem Sommer ohne die Kracauers in Vermont treffen wird? Kracauer hat wenige Tage zuvor selbst zwei Bilder dieses Nachmittags von Bennett erhalten, welche aber, wenn man einer beigelegten Notiz des preisgekrönten Fotographen Bennett glauben will, misslungen waren. Bennett kündigte bessere Bilder in Kürze an – vielleicht ist Sills also nur der Bote. Vielleicht hat Sills aber auch mit Charlie Glock aus dem ”Bureau“ gesprochen, dem Kracauer zehn Tage zuvor brieflich seine Reisepläne für Europa beschrieb:

Detail: Brief von Siegfried Kracauer an Charles Y. Glock, 29. Juni 1958.
© Deutsches Literaturarchiv Marbach

 

Oder vielleicht sprach Sills mit Riesman, demgegenüber sich Kracauer einen Tag später, am 30.06.1958, ebenfalls brieflich, noch wesentlich ausführlicher als Bohémien stilisierte: 

„ I prepared [...] in such a way that I can just sit down somewhere with a piece of paper and write. I plan to do so in Europe in exactly the places, where I did much of my writing in the past –– in hotel lobbies, cafés, or even railway stations with lots of inarticulate noise about me. It is an old habit. John Marshall told me recently that Piaget works this way also...“

Der Wille zur Selbstdarstellung (hier insbesondere die nachgeschobene Rechfertigung, die zugleich auch die Andeutung eines Vergleiches enthält, in der Nennung von Piaget) hält sich in diesem Brief an Riesman, der Kracauer zu seinem Stipendium für diese Reise verhalf, in etwa die Waage mit dem Anliegen der Information über die bevorstehende Reise und ihre Stationen – inklusive der Adressen für etwaige Postsendungen. Die doppelte Attitude (Information und Selbstdarstellung) scheint den beiden Soziologen, an die diese letzten Briefe vor der Reise gerichtet sind, nicht entgangen zu sein, zumindest fallen ihre brieflichen Reaktionen entsprechend ebenso doppelbödig aus: David Riesman vergleicht das Arbeiten im Alltagslärm mit eigenen Erfahrungen aus seiner Ausbildung und fühlt sich an einen Traum der letzten Nacht von seinem Sohn im Teenager-Alter erinnert, der über Kopfhörer so laut Musik hört, daß er das Telefonklingeln nicht mehr wahrnimmt. David Sills dagegen schickt den Kracauers das besagte Foto mit der freundlichen Erinnerung an sein amerikanisches Wohnzimmer nach, wobei dieses Bild einen Kracauer zeigt, der gar nicht wie ein Bohémien wirkt, sondern dessen Integration in die amerikanische Häuslichkeit vielmehr demonstrativ ins Bild gesetzt wird. Wortlos ist hier vielleicht auch die Frage nach der eigenen Zuordnung impliziert, die für Siegfried Kracauer in den 1950er Jahren tatsächlich in mehrerer Hinsicht zentral ist: Lange ersehnte er mit seiner Frau nach der Flucht die amerikanische Einbürgerung, das „citizenship“, welches sie 1946 endlich erhielten. Bereits in Kracauer’s ersten amerikanischen Schriften zum Film wendet er sich von seiner europäischen Beobachterposition ab und sucht den Perspektivwechsel ins Amerika der damaligen Gegenwart. Und nun, in den 1950er Jahren, scheint das persönliche berufliche Ziel des Exulanten, der allmählich zum Auswanderer wird, zunehmend ein Quereinstieg in die amerikanische, akademische Soziologie zu sein. – Unterstellt man Sills’ Geste tatsächlich eine kontrastierende Absicht zu Kracauer’s Selbststilisierung als einsamer Bohémien, so verweist das Bild vielleicht vor allem auf den am Wohnzimmertisch im Freundeskreis vermutbar geführten Diskurs, der im Foto selbstverständlich nicht eingefangen wurde, und über dessen Inhalt sich nur spekulieren lässt. Könnte man doch nur die grosse schwarze Katze zu den persönlichen Schwingungen im Freundeskreis befragen, die damals unter dem Couchtisch lag... Eine spekulative Rekonstruktion kann allenfalls Briefe und Texte analysieren, die im Freundeskreis zur selben Zeit ausgetauscht und kommentiert wurden: David Riesman’s „The Suburban Sadness“ (1958) beispielsweise, der bei Siegfried und Lili Kracauer enthusiastischen Zuspruch fand, als sie kurz nach ihrem Aufenthalt in Vermont im Oktober 1957 diesen Text von Riesman erhielten und zum ersten Mal lasen... Aber letztlich bleibt viel Persönliches in dieser Art der Rekonstruktion und Zuschreibung offen. Auffallend bleibt allein der adressatenübergreifend wiederkehrende Gestus in Kracauer’s Briefen Ende der 1950er Jahre: Eine Art der Selbstdarstellung, die eine Anbiederung um Anerkennung heraushören lässt, einen Geltungs- und Abgrenzungswunsch als Schriftsteller im Kreis der institutionell etablierten Soziologen, die fest auf ihren Stühlen sitzen, bzw. sie lediglich verlassen, um einen neuen, attraktiveren Platz auf einem anderen Lehrstuhl einzunehmen. David Riesman wird 1958 nach Harvard berufen, Charlie Glock nimmt 1958 einen Ruf nach Berkeley an. In einer Darstellung von Kracauers sozialem Netzwerk, das sich allein an der eingangs erwähnten „Knotenziege“ orientieren würde, käme der Drang der am Stuhl festgebundenen Ziege, in die Höhe zu klettern, jedoch kaum zum Ausdruck.