MWW goes Shanghai

Von Carsten Rohde

Ende August fand in Shanghai der XIII. Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG) statt. Eine Woche lang diskutierten Wissenschaftler aus aller Welt in der asiatischen Megacity über deutsche Sprache und Literatur. Mit dabei: der Forschungsverbund MWW.

 

Unübersehbar: Das Plakat zum XIII. Kongress der IVG auf dem Campus der Tongji-Universität in Shanghai (© Carsten Rohde)

In Vicki Baums Roman Hotel Shanghai von 1939 führt die Autorin verschiedene Figuren europäischer, amerikanischer und asiatischer Herkunft zu einem Porträt über das Shanghai der 1930er Jahre zusammen. Der Roman ist von der Forschung als erster deutschsprachiger „Weltstadtroman“ bezeichnet worden, indem er die Exilsituation global ausweitet und in einer Stadt exemplarisch verdichtet. Wie in Baums Bestseller Menschen im Hotel (1929) ist das Hotel Handlungsort und Metapher für die Flüchtigkeit der modernen Existenz.

Kreuzungspunkt globaler Ströme

Auch heute ist Shanghai eine Art „Hotel Shanghai“, eine Welt in der Welt, Kreuzungspunkt globaler Ströme. Und auch der XIII. Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG), der vom 23. bis 30. August 2015 in der asiatischen Megacity stattfand, war gewissermaßen ein „Hotel Shanghai“: eine Woche lang versammelte der Kongress auf dem Campus der Tongji-Universität die unterschiedlichsten Menschen, Themen, Fachfragen unter einem Dach.

 

Skyline von Shanghai. Rechts der Shanghai Tower, mit 632 Metern das zweithöchste Gebäude der Welt.

 

Die Stadt mit ihren über 20 Millionen Einwohnern bildete dafür mehr als nur eine spektakuläre Kulisse. Shanghai mit seiner futuristischen Stadtphysiognomie und entfesselten Wirtschafts- und Gesellschaftsdynamik ließ für europäische Geisteswissenschaftler beinahe zwangsläufig die Frage aufkommen, wie sich die altehrwürdigen, alteuropäischen Humaniora in diesem möglicherweise globalen Umfeld der Zukunft positionieren werden.

Allen kulturpessimistischen Unkenrufen zum Trotz gab der IVG-Kongress dabei wenig Anlass zur Besorgnis. Denn einerseits entspringt aus den Reibungen der Kulturen und Zeiten gerade auch produktive Energie. Andererseits lebt die Germanistik als Ganzes (Literatur- und Sprachwissenschaft, Didaktik, Lehramt an Schulen) durchaus nicht im Elfenbeinturm, sondern stellt sich – das zeigte eindrucksvoll das vielfältige Programm mit über 1000 Vorträgen und Veranstaltungen – engagiert und selbstkritisch den gesellschaftlichen Herausforderungen.

1200 Teilnehmer aus 69 Ländern

Seit den 1950er Jahren treffen sich Germanisten alle fünf Jahre in einer Stadt auf der Welt, um eine Woche lang über deutsche Sprache und Literatur zu diskutieren. Dieses Mal waren 1200 Teilnehmer aus 69 Ländern zusammengekommen, darunter viele Vertreter aus dem außereuropäischen Ausland (Nordamerika, Lateinamerika, Asien, Afrika, Naher Osten) – IVG-Kongresse leben traditionell von Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen.

 

Der Vorsitzende der IVG, Prof. Dr. Zhu Jianhua, gibt den Startschuss für den Kongress.

 

Zumal wenn der Kongressort im nicht-deutschsprachigen Raum liegt, rückt dabei auch das Gastgeberland in den Fokus. Die Chinesen gaben sich überaus gastfreundlich, nahezu perfekt in Organisation und Ablauf. Während die Politik in den Sektionen des Kongresses nur am Rande eine Rolle spielte, war sie im offiziell-repräsentativen Rahmenprogramm immer wieder präsent. Der sogenannte Chinesische Kulturabend etwa stand ganz im Zeichen des selbstbewussten Patriotismus und der politischen Stärke. Ob dies die gesellschaftliche Mehrheitsmeinung widerspiegelte oder primär der offiziösen Staats- und Parteipropaganda geschuldet war, blieb dabei eine offene Frage.

Von Angesicht zu Angesicht

Im Rahmen des Kongresses gab es die Gelegenheit, vor einem interessierten internationalen Fachpublikum den Forschungsverbund  MWW und seine forschungspolitischen Ziele vorzustellen. Auf großes Interesse stießen in der anschließenden Diskussion zum einen die digitalen Projekte, zum anderen die intendierte internationale Vernetzung des Verbundes – eine Chance für Letztere bot der Kongress selbst, indem Mitglieder von MWW von ihrer Forschung in den jeweiligen Beständen berichteten und mit zahlreichen Wissenschaftlern aus dem Ausland darüber in ein Gespräch eintraten: Prof. Dr. Ulrike Gleixner in der Sektion „Vernetzte Autorinnen“, PD Dr. Carsten Rohde in „Neueste deutschsprachige Literatur als Speicher zeitgenössischer Identitätsmodelle“.

Digitalisierung und Internationalisierung bzw. Globalisierung stellen ohne Frage zwei essentielle Zukunftsperspektiven dar. Doch zeigte der IVG-Kongress auch, dass neben bzw. entgegen diesen gesamtgesellschaftlichen Entwicklungstendenzen gerade Wissenschaft, Kultur und Literatur von der Begegnung im durchaus emphatischen Sinne leben. Was weiß man denn schon, wenn man dem Gegenüber – sei es ein Mensch, eine Stadt, ein Artefakt – nicht im close reading näher zu kommen versucht, ihm gewissermaßen von Angesicht zu Angesicht begegnet?

PD Dr. Carsten Rohde ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im MWW-Forschungsprojekt Text und Rahmen.