„konkurrieren sie hiemit ?“ - Ein Verlegerwettstreit um 1900

Philip Ajouri
Welche Rolle spielen rechtliche und ökonomische Rahmenbedingungen bei der Herausgabe von Klassikern um 1900? Im Archiv des Insel Verlags findet sich ein Telegramm, das beispielhaft davon Zeugnis ablegt. Es zeigt, mit welchem Einsatz damals um das Recht g
Welche Rolle spielen rechtliche und ökonomische Rahmenbedingungen bei der Herausgabe von Klassikern um 1900? Im Archiv des Insel Verlags findet sich ein Telegramm, das beispielhaft davon Zeugnis ablegt. Es zeigt, mit welchem Einsatz damals um das Recht gekämpft wurde, einen Goethe-Text erstmals publizieren zu können. (Telegramm von Adolf Kaegi an Anton Kippenberg, 17.3.1910, Deutsches Literaturarchiv Marbach, A:Insel).

Lange Jahre galt Goethes Romanfragment Wilhelm Meisters theatralische Sendung (entstanden 1777-1785) als verloren. Gefunden wurde es im Dezember 1909 in Zürich, nachdem ein Schüler im Unterricht seinem Lehrer ein Manuskript mit der Frage gezeigt hatte, ob das wohl etwas von Bedeutung sei. Der Lehrer ließ sich zunächst vom Titelblatt täuschen, das fälschlicherweise auf den Werther verwies. Erst Wochen später, Ende Januar 1910, ging ihm ein Licht auf: Es war eine verschollen geglaubte Abschrift der ersten Fassung von Wilhelm Meisters Lehrjahren. Ab diesem Zeitpunkt entspann sich eine verwickelte Geschichte um die Publikation dieses Textes, ein Krimi um Geld, Recht und Reputation, in den neben den Zürcher Besitzern der Handschrift die wichtigsten Verlage jener Zeit, die Erben von Goethes Familie, das Goethe- und Schillerarchiv in Weimar sowie einige Anwälte involviert waren.

Denn der Zürcher Heinrich Denzler, Besitzer der Handschrift und Ururenkel der Schreiberin Barbara Schultheß, beauftragte seinen Schwager Adolf Kaegi, das Manuskript verschiedenen Verlagen in Deutschland zur Publikation anzubieten. Der junge Chef des Insel Verlags, Anton Kippenberg, setzte sich sofort nach Erhalt des Briefs in den Nachtzug und eilte nach Zürich. Dort schloss der leidenschaftliche Goethe-Verehrer einen Vorvertrag mit Denzler.

Doch der definitive Vertrag wurde niemals unterzeichnet. Denn der Vorvertrag sicherte zwar dem Insel Verlag das Publikationsrecht zu, aber nur unter der Bedingung, dass er bei allen Angeboten der angeschriebenen Verlage mitbieten dürfe. An dieser Stelle kommt das abgebildete Telegramm vom 17.3.1910 ins Spiel: Kaegi teilt Kippenberg mit, dass ein anderer Verleger die enorme Summe von 30.000 Mark für die Erstauflage von 33.000 Exemplaren geboten habe. Dieses Angebot, und hier wird der rechtliche Rahmen wichtig, sollte auch gelten, falls der Text gegen Nachdruck gar nicht geschützt sei. Über rechtliche Fragen bestand damals nämlich unter den Beteiligten noch keine abschließende Klarheit.

Das Telegramm kulminiert in der lapidaren Frage „konkurrieren sie hiemit ?“ Dabei ist der wortkarge Stil natürlich dem Medium Telegramm geschuldet, bei dem man ja für jedes Wort zahlte. Stil und Inhalt dieses Satzes treffen im Ökonomischen zusammen.

Weder Kippenberg noch der Verleger Paul Cassirer, der hinter dem 30.000 Mark-Angebot stand, kamen schließlich zum Zug. Denn in jenen Tagen wurde deutlich, dass das Urheberrecht gar nicht bei den Zürchern, sondern bei den Erben der Goetheschen Familie in Weimar lag. Mit diesen entfernten Nachkommen konnte der Cotta-Verlag erfolgreich verhandeln. Er bot seine ganze Reputation als ursprünglicher Verlag Goethes, 11 Bände mit Druckvorlagen sowie letztlich auch eine erhebliche Geldsumme auf, um das Publikationsrecht zu erhalten. Mit Erfolg. 1911 erschienen bei Cotta zunächst die Luxusausgabe und dann die Volksausgabe von Wilhelm Meisters theatralischer Sendung.

Philip AjouriProjekt Text und Rahmen, untersucht das Archiv des Insel-Verlags, das kürzlich vom Deutschen Literaturarchiv Marbach erworben wurde.