Feuerspeiende Drachen auf Schaumstoffkeilkissen – Vom Umgang mit einem Psalter

Friederike Wolpert
Ein Ausschnitt mit Drache und Initiale aus Cod. Guelf. 1147 Helmst., einem Psalter aus dem 15. Jahrhundert.

Im Lesesaal der Bibliotheca Augusta – dem Hauptbibliotheksgebäude der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel – wird mit den handschriftlichen Beständen der Forschungsbibliothek gearbeitet. Ich habe mir Cod. Guelf. 1147 Helmst., ein Psalterium und Gebetbuch aus dem 15. Jahrhundert, bestellt. Die Handschrift erreicht meinen Leseplatz in einer unscheinbaren grauen Schachtel und überrascht zunächst, denn sie ist wesentlich kleiner, als ich vom schnellen Blick auf das Digitalisat erwartet hätte. Sie misst ungefähr 15 cm in der Länge und 13 cm in der Breite und wird durch dunkelgraue Keilkissen aus Schaumstoff unterstützt. Ich war erstaunt zu erfahren, dass diese Kissen eine Erfindung des Buchkonservators Christopher Clarkson für die Lesesäle der Bodleian Library  waren – sie sind tatsächlich auch in den Bibliotheken in Oxford allgegenwärtig. Die Kissen bieten vor allem eine gleichmäßige Unterstützung und verhindern, dass die Buchrücken der oft fragilen Bestände überstrapaziert werden. Das ist außerordentlich wichtig, und jeder Benutzer wird in den schonenden Umgang mit Handschriften eingeführt. Ein großer Arbeitsbereich der Wolfenbütteler Bibliothek ist die Erhaltung und Konservierung der Bestände.


Die Seiten können mit Bleischlangen niedergehalten werden.



Beim Arbeiten mit Handschriften bin ich immer wieder von ihrer Einzigartigkeit und ihrer Dinghaftigkeit fasziniert. Cod. Guelf. 1147 Helmst  ist sehr einfach in eine ungesteifte, rotgefärbte Hülle – d.h. als ein Kopert – gebunden.



Obwohl der Einband starke Gebrauchsspuren aufweist, kann man immer noch die Verzierung mit Streicheisenlinien und Stempel erkennen, die vom Buchbinder mit einem erwärmten Metallteil auf das angefeuchtete Leder aufgetragen wurde.


Die Kodextexte sind hauptsächlich in Latein, teilweise in Mittelniederdeutsch auf Papier unterschiedlicher Qualität und von verschiedenen Schreiberhänden niedergeschrieben worden. Diese reichen von Gebeten in einer gut lesbaren Bastarda bis hin zu einem wilden Gekritzel, das eine Übung der Buchstabenformen darstellt (134r). Die Arbeit mit dem Kodex erfordert das Lesen der verschiedenen individuellen Handschriften. Manchmal geht das nicht ohne einiges Kopfzerbrechen, da die Inhalte paläographisch, sprachlich sowie kulturell dem heutigen Leser nicht mehr vertraut sind. Besonders die lateinischen Texte bedienen sich vieler Kürzel, die heutzutage zunächst befremdlich wirken.

 

Überaus putzig wirken die bemalten Marginalien; auf Blatt 13r und 14r befinden sich am oberen Rand feuerspuckende Drachen, die Feuer in Richtung der mit Figuren geschmückten, rot-grünen Initialen speien.  

Der Prozess der Herstellung sowie die Spuren des Gebrauchs von Lesern und Schreibern der Vergangenheit werden einem bei der Arbeit mit Manuskripten sehr bewusst, und das ist ein Erlebnis, das ich in diesem Sommer in der Herzog August Bibliothek besonders geschätzt habe.

Hier der Link zum Durchblättern des Psalters - ganz ohne Keilkissen.

Friederike Wolpert promoviert an der Oxford University über das Orientbild in dem spätmittelalterlichen Gefangenenbericht des bayerischen Kreuzzüglers Johannes Schiltberger, der in der Schlacht bei Nikopol (1396) von dem Osmanischen Sultan Bayezid I. gefangen genommen wurde und die nächsten dreißig Jahre mit verschiedenen Herren im Mittleren Osten umherzog. Sie verbringt im Rahmen des Programms Forschungshospitanzen zwei Monate an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.