Fernrohre in die Vergangenheit

Von Jörn Münkner und Jaqueline Krone

Beim alljährlichen Zukunftstag der Herzog August Bibliothek lernen Schülerinnen und Schüler verschiedene Arbeitsbereiche der Forschungseinrichtung in Wolfenbüttel kennen. Auch das MWW-Projekt „Autorenbibliotheken“ bekam in diesem Jahr Besuch: Vier wissbegierige Gymnasiasten tauchten ein in die Welt der Bücher – und bewiesen viel Sinn dafür, wie sich ihnen Erkenntnisse über ihre früheren Besitzer entlocken lassen.

 

Forschung trifft Schule: Jaqueline Krone (HAB, links im Bild) und Jörn Münkner (MWW, rechts) mit ihren Gästen Paul, Johann, Tom and Maximilian. Photo: Sandra Ullmann

Da standen die vier im Vestibül der Bibliotheca Augusta: Johann, Paul, Tom und Maximilian, 13 und 14 Jahre jung, an diesem Morgen Ende April teils auf Longboards von Braunschweig angesaust (13 Kilometer!), teils mit dem Auto aus Wolfsburg gebracht, teils zu Fuß aus dem Wolfenbütteler Zentrum herübergekommen.

Das Bibliotheksquartier als Wissensparcours

Nach der offiziellen Begrüßung nahmen wir die Schüler unter unsere Fittiche und spazierten mit ihnen hinüber zum Leibnizhaus, in dem die Forschungsabteilung der Herzog August Bibliothek (HAB) untergebracht ist. Auf dem Weg dorthin vergegenwärtigten wir uns, was alles zum Quartier der Bibliothek gehört: das Lessing- und das Zeughaus, der Kornspeicher, auch die Sonnenuhr und die expressive Nathan-Plastik auf dem Paul-Raabe-Platz. Wir fragten die vier, ob sie über Herzog August den Jüngeren (1528-1589), den Patron der Bibliothek, etwas wüssten. Und ja, sie konnten Auskunft geben.

Zwar korrigierten wir sie, dass die Gründung der Bibliothek nicht auf August, sondern auf seinen Vorgänger, Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg, zurückgeht. Dafür wussten sie, dass Herzog Augusts unermüdlicher Sammel- und Katalogisierungseinsatz den Bücherbestand maßgeblich erweiterte und ordnete und damit für den europaweiten Ruhm der Einrichtung sorgte. Zweien der Jungs war Herzog August zudem als aus einer Nebenlinie der Welfen stammender Landesvater bekannt; ferner hatten sie gelesen, dass er „zu den gelehrtesten Fürsten im Barock” zählte. Damit wussten sie eine Menge! 

Vor dem Klinkerbau der Forschungsabteilung angelangt, machten wir auf das Anna-Vorwerk-Haus mit seiner Jugendstil-Putzfassade und das barocke Meißnerhaus aufmerksam. Und dann ging es hinauf in den zweiten Stock des Leibnizhauses, wo wir den Jungs unser Programm für den Tag präsentierten.

Das Motto

Es stand unter dem Motto „Fernrohre in die Vergangenheit – das Erbe der Bücher erwerben“. Wir wollten mit unseren jungen Besuchern über die Funktion und Bedeutung von Büchern im Allgemeinen und über den Wert historischer Drucke und Handschriften im Besonderen diskutieren.

Auch der mediale Wandel und die Auswirkungen auf Wesen und Gestalt des Buches sollten thematisiert werden, zudem die Aufgabe von Bibliotheken und ihren Sondersammlungen. Weiterhin galt es, das geflügelte Wort vom „Erbe, das zu erwerben ist“, zu reflektieren. Ein umfangreiches Programm also!

Der Plan ist aufgegangen; das lag vor allem daran, dass Johann, Paul, Tom und Maximilian engagiert und neugierig waren und über viel Vorwissen verfügten.    

Was ist eigentlich Forschung?

Nachdem wir uns und unsere Tätigkeitsbereiche vorgestellt hatten, gaben die vier Gymnasiasten Auskunft über sich, ihren schulischen Hintergrund und ihre Berufswünsche. Dann ging es zu den eigentlichen Fragen des Tages: Was genau meint Forschung? Wozu wird geforscht und in welchen Bereichen? Welche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen benötigt erfolgreiche Forschung?

Kluge Antworten hatten die vier parat. So war ihnen bewusst, dass die Neugierde unerlässliche Antriebskraft für Erkenntnisgewinn und Wissensproduktion darstellt. Dank ihrer Kenntnisse in Latein und Altgriechisch und ihres korrespondierenden Fächerhintergrunds fiel den Jugendlichen der große Sprung zurück bis in Homers Zeit nicht schwer: Dass Odysseus als Forschungsreisender der ersten Stunde gelten kann, erschien ihnen plausibel, wenngleich für den Griechen Bücher noch keine Rolle gespielt haben, sondern er sein Wissen in gebundener Rede kommunizierte und einer lebendigen Erinnerung anvertraute.  

Das Buch im Wandel der Zeit

Im nächsten Schritt unternahmen wir ein Brainstorming, um die „Evolution“ des Buches in drei großen Epochen-Sprüngen – vom Mittelalter über die Frühe Neuzeit bis in die Moderne – deutlich zu machen. Einerseits ist und bleibt das Buch über alle Epochen hinweg grundsätzlich Wissensspeicher. Anderseits lassen sich im Lauf der Zeit Funktionsveränderungen konstatieren: vom Pracht- und Arkanobjekt sowie als Ausweis der Alphabetisierung und Bildung ...

Bernhardin von Siena, De vita christiana von 1475, Buch an der Kette aus dem Franziskanerkloster Gandersheim. © HAB


... über das Symbol von Gelehrsamkeit und Arbeitsinstrument des Gelehrten ...

Die Herzog August Bibliothek, Stich in: Martin Zeiller: Topographie und Eigentliche Beschreibung Der Vornembsten Stäte, Schlösser auch anderer Plätze und Örter in denen Hertzogthümer[n] Braunschweig und Lüneburg, und denen dazu gehörende[n] Grafschafften Herrschafften und Landen, Frankfurt a. M. 1654. © HAB  

... hin zum intellektuellen Argumentationswerkzeug und neuzeitlichen Statussymbol:

 

Der Dichter und Literaturwissenschaftler Friedrich Gundolf (1880–1931) bei der Lektüre © DLA Marbach  

Gelehrten-Bibliotheken und Auktionskataloge als Quellen

Danach machten wir ihnen anhand der indirekt durch einen Auktionskatalog repräsentierten Bibliothek des Mathematikers Benedikt Bahnsen (gestorben 1669 in Amsterdam) deutlich, welche Erkenntnisse sich bei der Auseinandersetzung mit Büchern und ihren Katalogen gewinnen lassen.

Der Auktionskatalog der Bibliothek des Mathematikers Benedikt Bahnsen. Foto: Jörn Münkner


Danach waren Johann, Paul, Tom und Maximilian an der Reihe. Die Aufgabe: In 20 Minuten eine Gelehrtenbibliothek anhand ihres überlieferten Katalogs statistisch zu erfassen und einzuschätzen. Dabei sollten sie unter anderem folgende Fragen beantworten: Um wessen Bibliothek handelte es sich? Wann wurde der Katalog erstellt? Wie ist er aufgebaut? Und was verrät er über die Interessen und Sammelleidenschaften des Bibliotheksbesitzers?

Zunächst bereitete die Frakturschrift einige Schwierigkeit, die aber durch das gemeinsame Lesen des Textes schnell behoben werden konnte. Die Aufgabe machte den Jungs Spaß und die Auswertung war ein kleines Rede-und-Antwort-Feuerwerk.

Quo vadis liber?

Eine irritierende, zugleich aber stimulierende Bildmontage unterstützte unsere Abschlussdiskussion:

Abbildung aus: Friedrich A. Kittler: Aufschreibesysteme 1800–1900. München 1995 (Rückseite des Schutzumschlags).


Die irreale Situation, in der der Weimarer Dichterfürst erscheint, lässt nach dem Status der Bücher fragen. Suggeriert wird, dass die Stimme das geschriebene Wort ablöst oder ins Abseits drängt. Zwar sind Schriftstücke und Bücher vorhanden, jedoch dominiert der telefonische Sprechapparat.

Die Schüler dachten laut darüber nach, ob Goethe und sein Werk auch medialen Veränderungen unterworfen waren. Wir erinnerten sie an die berühmte Sentenz aus Goethes „Faust“ (1. Teil, Abschnitt „Nacht“); dort deklamiert Doktor Faust im Selbstgespräch bekanntlich: „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Was man nicht nützt, ist eine schwere Last.“

Goethe hat diese Erkenntnis offensichtlich beherzigt und sich das Bücher-Wissen seiner Zeit angeeignet. Die große Bedeutung, die sein Werk für uns besitzt, zeigt, dass sich die Generationen nach Goethe seine Werke ebenso angeeignet und als Erbe bewahrt haben. Heute liegt es an uns, die Aneignung aufrechtzuerhalten: Indem wir dieses Erbe physisch erhalten, wozu uns Bibliotheken einen unerlässlichen Dienst erweisen; und indem wir mit dem Werk arbeiten, es lesen und bedenken. Das gilt natürlich nicht nur für die Werke Goethes, sondern für das gesamte Bücher- und Wissenserbe.

Fazit

Jaqueline und ich durften vier motivierte, kluge und respektvolle jugendliche Gäste betreuen, die interessiert nach Sinn und Arbeitsweise von Forschung fragten und bereits eine entspannte Aufmerksamkeit für ihre eigenen Zukunftsmöglichkeiten hatten. Uns Mentoren haben die vier angeregt und intellektuell herausgefordert. Wir sind überzeugt, dass wir ihnen einige inspirierende Einblicke in unseren hochinteressanten Tätigkeitsbereich vermitteln konnten; so wie sie uns bereichert haben, und zwar mit der Erfahrung, wie produktiv der Austausch mit Jugendlichen sein kann. Ein toller Tag war das!


Jörn Münkner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im MWW-Forschungsprojekt „Autorenbibliotheken. Materialität – Wissensordnung – Performanz“ und erforscht an der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel frühneuzeitliche Gelehrtenbibliotheken.

Jaqueline Krone ist wissenschaftliche Hilfskraft in der Abteilung Forschungsplanung und Forschungsprojekte der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel.