Ein unzureichender Schutzwall gegen die Zeitläufte – Stefan Zweigs letzte Bücher in der Stadtbibliothek von Petrópolis

Susanna Brogi

„Er hat sich verschanzt in seinem Turm, er hat den Wall seiner tausend Bücher zwischen sich und den Lärm gestellt“, schreibt Stefan Zweig in seinem Fragment gebliebenen Essay Montaigne während der letzten Etappe seines Exils, das ihn im August 1941 ins brasilianische Petrópolis geführt hat. Das Bild eines Distanz schaffenden, aus Büchern gebildeten Schutzwalls mag für wenige Zeitgenossen eine so große Suggestivkraft besessen haben wie für den passionierten Autographen- und Büchersammler Stefan Zweig. Keine zehn Jahre ist es her, dass er seine Villa auf dem Salzburger Kapuzinerberg, den Ort seiner legendären Bibliothek und Autographensammlung, verlassen musste.

Einen Großteil der Schätze seiner Sammlungen veräußert er bereits zu Beginn des Exils in England, behält aber in Bath weiterhin eine repräsentative Bibliothek. Als Wertanlage führt Zweig Handschriftliches namhafter Autoren und Komponisten mit sich, doch sein letzter noch als „Bibliothek“ zu bezeichnender Buchbesitz verbleibt in England, als er sich während einer USA-Reise entschließt, nicht nach Europa zurückzukehren.

Fortan muss sich Stefan Zweig bei seinen Recherchen anderweitig behelfen, und so kommt es, dass heute in der Biblioteca Central Municipal Gabriela Mistral von Petrópolis fündig wird, wer sich auf die Suche nach Zweigs letzten Büchern begibt. Der Stadtbücherei, die ihm während der letzten fünf Monate seines Lebens zur Verfügung gestanden hatte, vermachte Zweig seinen schmalen Besitz von weniger als hundert Bänden. Ihr Leiter José Kopke Fróes war ihm in dieser Zeit zum Gesprächspartner geworden. Sein Erbe haben mittlerweile die zuvorkommende Bibliotheksleiterin Maria Luísa Rocha Melo und die reizende Mariza da Silva Gomes aus dem Arquivo Histórico angetreten.

In einem Nebenzimmer des Archivs gibt die reich geätzte Glasscheibe eines ungewöhnlich häuslich anmutenden Bücherschranks den Blick auf einen schmalen, äußerst fragilen Bestand frei, der ihm seinerzeit kein ausreichender Schutzwall gegen den Lärm der Zeitläufte war. Wer die Bände in ihrer Materialität ergründen möchte, sieht sich zunächst mit ihrer Versehrtheit konfrontiert, die in abgeplatzten und provisorisch ergänzten Buchrücken oder dicken Klebebändern zutage tritt und in dieser Façon das als ausweglos erfahrene Exil ihres vormaligen Besitzers repräsentiert.

Hier steht eine „Bong“-Ausgabe von Goethes Werken der luxuriösen „Sophien“-Ausgabe aus Zweigs Salzburger Zeit gegenüber, für die er 1922 90.000 Mark angelegt hatte. Aus buch- und literaturwissenschaftlicher Perspektive wird gleichwohl auch diese vielfach aufgelegte Ausgabe zum Unikat, sind unter den papiernen Manschetten der jetzigen Bibliothek doch Spuren früherer Bibliotheks-Signaturen auszumachen. Weiterhin bedürfen diverse Stempel und Namenseinträge unterschiedlicher Vorbesitzer sowie zahlreiche weitere Provenienzspuren eingehender Analyse. Hier hat sich niedergeschlagen, was Zweig im Montaigne-Essay als „ein Dialogisieren mit dem Bleistift in der Hand“ bezeichnete, um das aus ‚wilder‘ Lektüre hervorgegangene Oeuvre Montaignes zu charakterisieren:

„Es reizt ihn zu antworten, seine eigene Meinung zu sagen, und so gewöhnt sich Montaigne, in den Büchern Notizen zu machen, anzustreichen und am Ende das Datum einzuschreiben, wenn er das Buch gelesen hat, und auch den Eindruck, den es ihm zu jener Zeit gemacht. Es ist kein Kritisieren, es ist noch nicht Schriftstellern, es ist nur ein Dialogisieren mit dem Bleistift in der Hand, und nichts ist ihm ferner im Anfang, als irgend etwas im Zusammenhang niederzuschreiben. Aber allmählich beginnt die Einsamkeit seines Zimmers auf ihn zu wirken, die vielen stummen Stimmen der Bücher fordern immer mehr Antwort, und um seine eigenen Gedanken zu kontrollieren, sucht er einige schriftlich festzuhalten.“

Nach einer auf Zweig selbst zurückgehenden Legende ist er Montaigne im Keller seines Hauses in Petrópolis wiederbegegnet – in Gestalt eines von den Vorbesitzern zurückgelassenen Buches. In der der Stadtbibliothek vermachten Ausgabe der Essais exponieren Annotationen auf dem Schmutztitel unübersehbar den Begriff „Freiheit“. Sein Echo wird als Vermächtnis des Lesers Stefan Zweig im späteren Textentwurf zum Montaigne-Essay allenthalben nachhallen: „Mich aber berührt und beschäftigt an Montaigne heute nur dies, wie er in einer Zeit ähnlich der unseren sich innerlich freigemacht und wie wir, indem wir ihn lesen, uns an seinem Sinne bestärken. Ich sehe ihn als Erzvater, Schutzpatron und Freund jedes ‚homme libre‘ [freien Menschen] auf Erden, als den besten Lehrer dieser neuen und doch ewigen Wissenschaft, sich selbst zu bewahren gegen alle und alles.“

Susanna Brogi arbeitet im Projekt „Autorenbibliotheken“ zum Thema „Exilbibliotheken deutsch-jüdischer Schriftsteller im 20. Jahrhundert“ und reiste hierfür im Oktober nach Brasilien.