Die Provokation der Bücher

Von Caroline Jessen

Im Diskurs über das „Erbe“ einer in Deutschland nach 1933 zerstörten jüdischen Kultur nehmen Bücher eine prominente Stellung ein. Gerade in Israel sind die Überreste der Bibliotheken, die Juden aus Europa nach Palästina transferierten, Zeichen einer Lesekultur in Vergangenheitsform – und zugleich eine latente Überforderung der Erinnerung.

 

Überreste: deutschsprachige Bücher in Haifa. Foto: Caroline Jessen

Er möchte Bücher bewahren und wieder nützlich machen. Daher sammelt der israelische Unternehmer Gabi Goldwein deutsche Bände aus den ausgesonderten Beständen der Stadtbibliotheken und Elternheime in Haifa und Tel Aviv, liest ausgesetzte Bücher vom Straßenrand auf und bittet per Suchanzeige, nicht mehr Gewolltes bei ihm abzugeben. Sein Plan ist, deutschsprachige Bücher in einem großen Container nach Deutschland zu verschiffen und dort an einem zentralen Ort in einem Depot zu lagern, das der Aufstockung der Bibliotheksbestände in Deutschland dienen soll. Auch eine geschlossene Auf- und Ausstellung hält er für denkbar. Doch bislang hat er noch keinen Partner für sein Vorhaben gefunden.

Nachdem Goldwein zu Beginn dieses Jahres das Institut für Zeitgeschichte in München kontaktiert hatte, hat der dortige Bibliotheksleiter Daniel Schlögl Bibliotheken, Museen und Archive – darunter auch das Deutsche Literaturarchiv Marbach – angeschrieben und das Vorhaben diskutiert. Das Ergebnis lässt sich knapp zusammenfassen: eine bibliothekarische Nutzung sei kaum realistisch.

Gerettetes, hinter dem das Zerstörte umso sichtbarer wird

Bei meinem Besuch in Haifa zeigt mir Goldwein Kisten mit Büchern, die sich meterhoch in den ungenutzten Räumen einer kleinen Synagoge stapeln. Sie sind Erinnerungsfetische, lästiger Ballast und komplexe symbolische Artefakte zugleich. Mich fragt er, warum denn keine deutsche Bibliothek an den Bänden interessiert sei.

Die Bücher weisen auf etwas Gerettetes hin, hinter dem das Zerstörte umso sichtbarer wird. Sie waren portable, nützliche Dinge, sind nun reine Erinnerungsstücke und markieren einen fassbar gebliebenen Verlust. So ließe sich jedenfalls der seltsame Status von verblassten Rilke-Bändchen aus dem Insel-Verlag, auseinanderbröselnden Zionistica, schweren Exemplaren von Werner Sombarts „Die Juden und das Wirtschaftsleben“, einst populären Romanen Max Brods und unzähligen zerlesenen Krimis aus der BRD erklären. Unantastbares, Übriggebliebenes und Ramsch gleichzeitig.

Der Bücherhaufen als Überforderung

Ihr Wert liegt heute in den Episoden ihrer Geschichte, der Zuordnung zu Lesern, auf die aber nur noch Widmungen, Besitzvermerke und eingelegte Briefe kryptisch verweisen, ohne dass sich noch Emigrationsbiographien daraus ableiten ließen. Was sie als singuläre Gegenstände erzählen, ist kaum noch entzifferbar. Nur wenige von Goldweins Büchern besitzen als seltene Exemplare aufgrund ihrer Inhalte Wert. Der Bücherhaufen als Zuviel an Informationsfetzen, als Überforderung. Vielleicht liegt darin ja seine Bedeutung.

Die nach 1933 aus Deutschland hinausmanövrierten jüdischen Privatbibliotheken waren geretteter Besitz und Insignien eines befreienden Bildungsideals, Surrogat politischer Integration, komplizierte Erinnerungszeichen gescheiterter jüdischer Emanzipation und souveräner Lektüren. Die „deutschen“ (nicht selten eigentlich mehrsprachigen) Bibliotheken in Mandatspalästina/Israel waren für ihre Besitzer Inseln des Vertrauten in einer als fremd empfundenen Umgebung. Sie standen ein für Abwesendes, gewaltsam Entzogenes. Nicht selten setzten sie ihre Besitzer dem Verdacht „eines kulturellen Eigenlebens aus alten Erinnerungen“ – so ein anonymer Kommentar im „Mitteilungsblatt“ der Organisation deutscher Einwanderer 1941 – aus. Alles an ihnen scheint doppelbödig gewesen zu sein.

In Büchern geborgener Wissenstransfer

Aber das Tradierte und in Lifts nach Palästina Geschiffte war ein aktivierbarer Speicher, sofern es gelang, sich erneut anzueignen, was zuvor ein Gegebenes schien. Die Arbeiten des Pädagogen Ernst Simon, des Verlegers Moritz Spitzer, der Übersetzerin Kitty Steinschneider, des Dichters Ludwig Strauss und des Bibliotheksleiters Curt Wormann sind kleine Teilstücke eines in Büchern und Lektüren geborgenen Wissenstransfers von Deutschland nach Israel.

Die Bücher aus den Bibliotheken der Emigranten waren auch gefragte Handelsware. Das deuten kurz und knapp schon die Kaufgesuche der Jerusalemer und Tel Aviver Buchläden aus den 1940er Jahren an, die mit Bänden aus Privatbesitz den Mangel an importierter Neuware zu kompensieren hofften.

Gefragte Handelsware

Die ideologischen Differenzen der Flüchtlinge aus Europa waren hier bedeutungslos: „Wir suchen dringend: Luxusausgaben (Klassiker, Kunstwerke etc.), Festschriften, Familienforschung, Nationalökonomie, Flavius Josephus alte Ausgaben [sic], Philosophie: Friedell, Husserl, Dilthey, Bergson, Fischer, Vorländer, Deussen, Spinoza, Kant, Nietzsche, Schopenhauer etc., alles über den Orient, neue und alte Literatur, Archäologie, Geschichte, Kunstgewerbe, Judaica, alte Bibelausgaben, Haggadoth, alle Gebetbücher, Tenachausgaben mit Propheten [...]“, annoncierte die Buchhandlung Lehmann aus der Allenby Road Tel Aviv 1946 in ihrer „Buecher-Suchliste Nr. 1“. Solche Anzeigen durchziehen die improvisierten Zeitschriften der Einwanderer, die in Palästina erschienen und heute in Archiven auf Forscher warten.

In Haifa werden von Herrn Goldwein nur noch die letzten, achtbaren Überbleibsel dieser Bücherwelt eingesammelt. Der Anblick der Pappkartons, die sich bis in den Hof stapeln, ist beklemmend. Das Spektrum des Gelesenen bilden vielleicht die Altbestände der Israelischen Nationalbibliothek und der Tel Aviver Stadtbibliothek besser ab. Doch dort wird aussortiert, die Kapazität der Magazine ist begrenzt. Die Mehrzahl der vor Beginn des Zweiten Weltkriegs ins Land gekommenen Bücher hat längst den Weg ins Altpapier, auf die Regale jüngerer Forscher oder Touristen und auf den internationalen Antiquariatsmarkt genommen. Reste sind immer noch zu finden. Die Rituale des Büchersuchens und Schätzebergens werden fortgesetzt.

Bücherbewegungen nach 1945 noch wenig erkundet

Melancholische Aufmerksamkeit und archivarische Bewahrungsbemühungen richten sich seit einigen Jahren auf die Materialität der Emigration, um die Beziehungsgeschichte zwischen Deutschem und Jüdischem in Israel neu zu befragen. Sie finden ihr an Erfahrungen reiches Pendant in der Nüchternheit und dem Pragmatismus, mit denen spätestens seit den 1950er Jahren in Israel geborgener Besitz über den deutschen oder internationalen Antiquariatshandel in neue Zusammenhänge integriert wurde, in Beständen deutscher Sammlungen aufging.

Der Handel hat – mal geschichtsbewusst, mal geschichtsvergessen – immer schon Zirkulation bejaht. Die Kataloge zur „Deutschen Literatur im Exil 1933-1945“ der Buchhandlung Amelang, die sich aus Zulieferungen des Tel Aviver Antiquars Walter Zadek rekrutierten, und die in Auktionskatalogen dokumentierte Sammlung deutscher Literatur des Verlegers Salman Schocken sind lediglich zwei exponierte Beispiele dieser im Großen und Ganzen noch wenig erkundeten Bücherbewegungen nach 1945.

Bibliotheksreste ohne Heimat

Nur eine Handvoll israelischer Firmen handelt heute noch mit deutschsprachigen Büchern und füllt, forschungsrelevant, weiterhin peu à peu Lücken in den Beständen deutscher und internationaler Bibliotheken. Dort weisen bislang zumeist nur alte eingeklebte Schildchen von nicht mehr existenten Läden wie „Logos“ (Walter Zadek) und „Blumstein“ oder aber Besitzvermerke im Buch auf komplexe Überlieferungswege hin. Provenienzen werden jenseits prominenter Namen und möglicher NS-Raubgut-Wege eher selten für Benutzer erschlossen.

Die Bibliotheksreste, die Goldwein nach Deutschland schicken möchte, sind auch aus diesem Grund eine Provokation. Sie werfen die Frage auf, ob es auch für Bücher, die keine Bestandslücken mehr füllen, noch einen Ort geben kann. Doch was würde andererseits ein geschlossener Erhalt der Sammlung oder die Sichtbarmachung ihrer Provenienzen angesichts der jahrzehntelangen Einarbeitung von Büchern aus Emigrantenbibliotheken in bestehende Forschungssammlungen bedeuten? Wäre eine Musealisierung überhaupt ein Umgang, der der Bedeutung und Funktion der Bücher entsprechen würde? Oder muss die latente Überforderung von Erinnerung, die Goldweins Sammlung auf den Punkt bringt, anders sichtbar gehalten werden?

Caroline Jessen (DLA Marbach) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im MWW-Forschungsprojekt „Autorenbibliotheken“ und beschäftigt sich mit der Geschichte von Bibliotheken emigrierter deutsch-jüdischer Autoren. Im Fokus steht dabei die Frage nach dem Verbleib bzw. der Zirkulation von Büchern aus diesen Sammlungen nach 1945.