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Die Digitale Lehre Germanistik

Die Umstellung auf eine digitale Hochschullehre stellte viele Universitäten vor Herausforderungen: Eine digitale Infrastruktur musste geschaffen werden, die von Studierenden und Lehrenden gleichermaßen genutzt werden kann und nicht durch Überlastung zusammenbricht. Auch die Form des Lehrens stand vor einem Umbruch: Wie kann die Lehre – die sich in den geisteswissenschaftlichen Fächern v.a. durch intensive Diskussionen über Texte auszeichnet – in einem virtuellen Raum gestaltet werden? Während in den öffentlichen Diskussionen über ein mögliches »Nichtsemester« debattiert wurde, gab es gleichzeitig erste Initiativen, um die digitale Lehre in der Germanistik zu unterstützen:

— Twitter-Screenshot Claudius Sittig (@ClaudiusSittig) March 25, 2020

Die germanistische Twitter-Crowd reagierte auf diesen Aufruf von Claudius Sittig und schnell fand sich ein Organisationsteam. Es folgten erste virtuelle Treffen, Konzepte, Diskussionen und ein reflektierendes Arbeitspapier. Um eine Anlaufstelle schnell, nachhaltig und ansprechend zu gestalten, brauchte es starke Unterstützung. Gemeinsam mit zahlreichen Kooperationspartnern wie Germanistik im Netz oder dem Projekt forTEXT konnte der Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel (MWW) knapp 16 Tage nach dem Twitter-Aufruf am 9. April 2020 das Portal Digitale Lehre Germanistik im Virtuellen Forschungsraum (VFR) zum disziplinären Erfahrungsaustausch präsentieren. Hier wurden nicht nur Anregungen, Tipps und Tricks gesammelt, sondern auch ein Platz für Austausch und Erfahrungsberichte geschaffen, der sich auch noch für die Organisation und Veranstaltung einer digitalen Konferenz als geeignet erwies.

 

Der Virtuelle Forschungsraum wird derzeit als Teil von MWW an der Klassik Stiftung Weimar aufgebaut. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt entwickelt eine digitale Arbeitsumgebung, die es möglich macht, ortsunabhängig zu arbeiten und Projekte nach eigenen Vorstellungen zu gestalten und zu präsentieren. Christiane Müller, IT-Entwicklerin des VFR, und Jan Horstmann, Leiter des Digitalen Labors, brachten die Anforderungen und Wünsche der Community zusammen und konzipierten das von Anfang an auf Selbstreflexion angelegte Portal Digitale Lehre Germanistik.

Schnell entstand die Idee, sich in einer Konferenz weiter zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen und Einblicke in die digitale germanistische Lehre zu geben. Bereits im zu Beginn veröffentlichten Arbeitspapier war die Idee einer Konferenz verankert . Am 25. und 26. August – und damit nur fünf Monate nach dem initialen Tweet – fand die virtuelle Tagung »Während und nach Corona: Digitale Lehre in der Germanistik« statt, die auf große Resonanz stieß. Insgesamt schalteten sich über 200 Interessierte aus vier Kontinenten zu. Die Panels fragten unter anderem: Welche Prüfungsleistungen eignen sich in der digitalen Lehre? Welche Tools können für die Textanalyse genutzt werden? Und wie sind die Erfahrungen der Studierenden zwischen den unterschiedlichen Lehrmethoden, Videoplattformen und Workloads?

Dabei wurde auch die Auslandsgermanistik einbezogen: Beiträge aus dem Senegal, Kroatien oder Japan zeigten, wie die germanistische digitale Lehre im Ausland gestaltet wurde und welche Schwierigkeiten sich dort ergaben. Parallel zu den Diskussionen wurde auf Twitter unter dem Hashtag #DigGerm eifrig diskutiert, welche Punkte besonders wichtig sind, was für Anforderungen gestellt wurden und wie ein solches Projekt auch auf andere geisteswissenschaftliche Fächer übertragen werden kann. Zentrales Ergebnis der Konferenz war ein Konsenspapier mit acht Anforderungen an die zukünftige Lehre in der Germanistik wie etwa die Kombination digitaler und nicht-digitaler Methoden, Mut zu asynchronen Seminarentwürfen oder die Erkenntnis, dass digitale Lehre nicht als Sparmodell aufgefasst werden sollte. Das Papier wurde bislang von 92 Vertreter*innen der germanistischen Forschung und Lehre unterzeichnet.

Wir konnten die Erfahrung machen, dass eine rein digital durchgeführte Konferenz kurzfristig und dementsprechend reaktionsschnell organisiert und durchgeführt werden konnte. Positiver Nebeneffekt war, dass organisatorischer Aufwand eingegrenzt und eine ortsunabhängige Beteiligung der Fachcommunity möglich gemacht werden konnte. Die Expertise im bedarfsorientierten Einsatz des VFR ist für kommende Projekte vorhanden und kann erneut eingesetzt werden. Das Portal Digitale Lehre Germanistik ist dabei nicht abgeschlossen, sondern lebt weiter vom Input aller Interessierten.

Was bleibt nun – fast ein Jahr später – von dieser intensiven Kollaboration? Im Portal wurden die Konferenzbeiträge in verschriftlichter Form zur Verfügung gestellt. Die Diskussionen, Tipps und Tricks werden weiter verbreitet und dankbar angenommen. Insbesondere das Konsenspapier hat als ganzheitlicher Anspruch für die digitale Lehre in den Geisteswissenschaften dankbare Aufnahme gefunden.

— Twitter-Screenshot Holger Simon (@HolgSimon) September 2, 2020

Auch nach der Pandemie bietet das Portal Anregungen zu Tools und Ressourcen sowie Erfahrungsberichte aus der digitalen Lehre an den Hochschulen und kann sich den Bedürfnissen der Lehrenden anpassen. Denn die wachsende Community, die sich hier zusammen findet, ist nicht nur daran interessiert, während der Pandemie Hilfestellungen zu suchen, sondern die Digitalisierung in der Germanistik selbst zu reflektieren, wie Claudius Sittig in einem MWW-Interview ausführte.

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