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»Die besten Auctores so Von der Fortification geschrieben«

Leonhard Christoph Sturm finalisiert seine handschriftliche Festungstheorie

»Die besten Auctores so Von der Fortification geschrieben…« – mit dieser Aufzählung favorisierter Kriegsbautheoretiker und Ingenieure beschließt Leonhardt Christoph Sturm den ersten Teil seiner zweiteiligen Handschrift Leonhard Christoph Sturms kurze Anleitung zum Festungsbau (um 1700). Bevor wir uns dem Sturmschen Who-is-Who zuwenden, noch ein Resümee seines Engagements für die ›Architectura Militaris‹ und seines Kalküls als vielschreibender Autor.
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Sturms Einsätze im Bereich des Militärbaus beziehen sich im Wesentlichen auf drei Bereiche: Erstens ist der Militärbau Teil der »beyden Architecturen«, die er als Professor an der Wolfenbütteler Ritterakademie (1694 bis 1702) dem adligen Nachwuchs nahebringt. Zweitens erfordert Sturms Edition von Nicolai Goldmanns vollständige Anweisung zu der Civil-Baukunst auch das Wissen über die Anforderungen im Militärischen; ab 1696 erscheint eine erste Ausgabe des bedeutenden Groß-Traktats, 1699 eine um Kommentare von Sturm vermehrte Auflage, in der er ankündigt, das architekturtheoretische Werk seines Kollegen Goldmann (1611–1665) als einen »Verneuerten Goldmann« herauszugeben (Sturm wird dieses Vorhaben allerdings nicht vollenden). Drittens sind das Festungsthema und die Kriegskunst in Sturms Milieu ein Muss, und zwar als Geschicklichkeitsprüfung und Austragungsort intellektueller Fehden und Eitelkeiten unter Gelehrten.  

In der maßgeblichen Bibliographie der Sturmiana (i.e. sämtliche Werke, Traktate und Risse, die Sturm produziert hat), die vor 20 Jahren der Historiker Claus Bernet erarbeitet hat, sind auch Titel registriert, die Sturm den Werken anderer Autoren anhängt und die deshalb eher unbekannt sind. Darunter befinden sich Schriften, die Sturm sowohl auf Lateinisch als auch auf Deutsch verfasste, womöglich geringfügig änderte, und die außer als Beigabe auch selbständig, aber mit geändertem Titel erschienen.

                                                           

Titelblatt zu Leonhard Christoph Sturms »Vade Mecum Architectonium bestehend in neu ausgerechneten Tabellen zu der Civil- und Milität-Baukunst« (1700)

Bei Sturms Traktat Vade Mecum Architectonicum bestehend in neu ausgerechneten Tabellen zu der Civil- und Militar-Baukunst (1700, Amsterdam) könnte es sich um solch einen ›Mehrfachtitel‹ handeln. Denn im selben Jahr ergänzte Sturm mit seinem Handbüchlein vor alle Baumeister, zu mehrer Vollkommenheit, bestehend in sonderbahren gantz neuen Tabellen, zu der Architectur, Fortification, Geometrie, und dem Proportional-Circul die berühmten Logarithmentafeln von Ägidius Strauch (1632–1682) in der Ausgabe Tabellen, der Sinuum Tangentium Logarithmorum, und zu der Gantzen Mathesi (Amsterdam). Sturms Tabellen wiederum erfuhren in der lateinische Kompilation Tabulae plane novae architectonicae, fortificatoriae, geometricae et pro circino proportionali, ebenfalls 1700 in Amsterdam, eine separate Veröffentlichung. Schließlich ist das »Handbüchlein« auch als individueller Eintrag (Handbüchlein vor alle Baumeister. Amsterdam 1700) im alphabetischen Katalog der Blankenburger Fürstenbibliothek Ludwig Rudolphs gelistet (nach 1734; HAB Signatur: BA I 655–662); womöglich gab es tatsächlich einen separaten Druck oder es existierte lediglich als individuelles Handschrift-Exemplar, denn woanders lässt sich dieser Einzeltitel nicht nachweisen. Deutlich wird jedenfalls Sturms Beschäftigung mit dem Militärbaufach um 1700. Dieses Engagement hielt zeitlebens an, so datiert Sturms spätester Erstdruck eines militärischen Titels auf 1718, nämlich sein Freundlicher Wett-Streit Der Französischen/ Holländischen und Teutschen Kriegs-Bau-Kunst (Augsburg).                   
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Statue von Daniel Specklin in Straßburg (Urheber unbekannt, lizenziert nach CC BY-SA, Wikimedia) und Titelblatt von Daniel Specklins »Architectura von Vestungen, wie die zu unsern Zeiten mögen erbawen werden... Sampt den grund Rissen, Visierungen, und Auffzügen für Augen gestellt« (1589)

Da wäre zuerst Daniel Specklin (1536–1589). Der Straßburger Ingenieur und Kartograph veröffentlichte 1589 sein Hauptwerk Architectura von Vestungen, auf das sich viele Autoren als deutschen Standardbeitrag bezogen.

Als nächsten nominiert Sturm seinen persönlichen Favoriten, Georg Rimpler (auch Rümpler, um 1635–1683) mit seiner Befestigten Festung (1674). Rimpler wurde durch seinen Einsatz zur Verstärkung Wiens während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung bekannt. Im ausgiebigen Streit um die beste Manier wird Sturm für ihn die Lanze brechen, und zwar in der eigenen Entdeckung der Unstreitig allerbesten Manier zu Befestigen, Aus Herrn George Rimplers, […] Befestigter Festung heraus gezogen (Frankfurt a.d. Oder, 1704). Sturm geht darin so weit zu behaupten, Rimplers Name sei eponymisch für eine eigenständige Art zu befestigen und es könne von einer »Fortifikation nach Rimpler« gesprochen werden.

Auf Rimpler folgen weitere eher unbekannte wie einschlägige Namen, so Ernst Friedrich von Borgsdorff (gest. nach 1715) mit zwei Titeln, Johann Jacob Werdmüller (auch Werthmüller, 1649–1693) ebenfalls mit zwei Titeln, Johann Bernhard Scheither (gest. 1677) und zwei Schriften, dann der Niederländer Menno Baron van Coehoorn (1641–1704) mit zwei Titeln sowie der Franzose François Blondel (1618–1686) mit zwei bzw. drei Titeln. Als 10. und letzter im Bunde ist der Italiener Donato Rossetti (1633–1688) mit einem Werk angeführt.

                                                   

Titelblatt von Johann Jacob Werdmüllers »Der Probier-Stein der Ingineuren, oder wolmeinende Gedancken über die so lang gesuchte, aber noch niemahl gefundene Fortifications-Verbesserung« (1685)

Wer die genannten Titel dieser Autoren habe, so Sturm – und fügt in Klammern hinzu »wounter das erste und letze Werck sehr rar ist«, also Specklins Architectura von Vestung und Rossettis Fortificazzione à Roveschio/Fortificatione a revoscio von 1684 – und wer »fleißig liset und wohl verstehet, kan aller übrigen ohne schaden entbehren.« Mit dieser Lektüresondierung bietet Sturm seinen adligen Hörern und Schülern eine pragmatische Orientierungshilfe im Feld der ach so viele Titel umfassenden Fortifikationsliteratur.

Ganz zum Abschluss schärft Sturm mit didaktischem Impetus ein, dass »ein guter Ingenieur die folgenden Wißenschaften verstehen muss: Nebst der Fortification selbst, Arithmeticam, Geometriam, Mechanicam, die Zeichen Kunst, das Zimmern, das Steinhauen, item Architecturam civilem und Pyrobolicum.« Da viele Ingenieure, oder solche, die sich so bezeichnen, diesen Leistungskatalog nicht erfüllen, sich aber trotzdem an große Werke wagen und »importante Festungen zu bauen sich erkühnen«, geschehe eben, dass »ihre Werke gemeiniglich der fürstlichen Cassa, ja Land und Leuten zu großen Schaden ausschlagen.« Genau das aber ist ein wesentlicher Aspekt, der Sturm am Herzen lag: die Schatulle der Herzöge nicht überstrapazieren.

                                             

Albanischer Einmannbunker („Gepanzerter Champignon“) im Kurpark von Bad Wildungen als Teil der dort 2009 gezeigten Ausstellung „Bunker-Ästhetik“, eigenes Foto

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