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Psalmenhandschriften als Weltgedächtnis anerkannt

Die UNESCO hat die Bedeutung dreier Manuskripte hervorgehoben, die für das MWW-Teilprojekt „Mediengeschichte der Psalmen“ an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel eine wichtige Rolle spielen.

Der internationale Beirat des UNESCO-Programms für das Weltgedächtnis hat in seiner Oktober-Sitzung in Paris drei Objekte neu aufgenommen, die für die Psalmenforschung wichtig sind: aus der Universitätsbibliothek Utrecht den lateinischen Utrechter Psalter (Ms 32), der im frühen 9. Jahrhundert vermutlich für den Erzbischof von Reims entstanden ist, sowie aus der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel den Cod. Guelf. 71.4 Theol. 4°, einen nur hier überlieferten Psalterdruck mit Luthers Vorrede und handschriftlichen Notizen zu seiner ersten, lateinischen Vorlesung in Wittenberg 1513 bis 1515. Und schließlich beherbergt die Bibliotheca Bodmeriana in Cologny bei Genf, die in Paris als Ganze ebenfalls in die UNESCO-Liste „Memory of the World“ aufgenommen wurde, die deutsche Psalterhandschrift Cod. Bodm. 36 aus dem 15. Jahrhundert.

Während sowohl die Text-Bild-Verhältnisse des Utrechter Psalters als auch Luthers Kombination verschiedener Kommentarformen in seinen Vorlesungsnotizen relativ gut erforscht sind, untersucht das Teilprojekt „Mediengeschichte der Psalmen“ von Ursula Kundert im MWW-Projekt „Text und Rahmen“ gerade den medialen Übergang zwischen diesen beiden räumlichen und zeitlichen Eckpunkten, nämlich die fromme und gelehrte Praxis der Psalmengestaltung im spätmittelalterlichen Norddeutschland, und damit auch einen wichtigen Umbruch sowohl in der Literatur- als auch in der Wissenschafts- und Frömmigkeitsgeschichte. Um die Besonderheiten Norddeutschlands und der volkssprachigen Bearbeitungen zu beschreiben, zieht das Projekt zum Vergleich auch den hochdeutschen Psalter Cod. Bodm. 36 aus der nun weltbedeutenden Bibliothek heran und digitalisierte ihn in Kooperation mit dem Schweizer Handschriftenportal e-codices.

Das UNESCO-Weltregister „Memory of the World“ umfasst ausgewählte weltweit einzigartige und einflussreiche Handschriften, Drucke, Bild-, Ton- und Filmdokumente. Deutschland, das bereits mit 22 Einträgen vertreten ist, macht über das seit 1999 bestehende nationale Nominierungskomitee alle zwei Jahre Vorschläge zur Aufnahme in das Register. Ziel ist es, Zeugnisse von außergewöhnlichem historischen und kulturellen Wert in Archiven, Bibliotheken und Museen zu sichern und im Bewusstsein zu halten.

Die Vorlesungsnotizen Luthers wurden zusammen mit anderen „Meilensteine[n] der Reformation“ und „Schlüsseldokumente[n] der frühen Wirksamkeit Martin Luthers“ in die UNESCO-Weltgedächtnis-Liste eingetragen. Die Entscheidung des Nominierungskomitees, die Wolfenbütteler Handschrift für die Aufnahme ins Weltgedächtnis vorzuschlagen, fußt auf Argumenten der Lutherforscher Christopher Spehr und Jun Matsuura im Rahmen eines Expertengesprächs am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz 2012, das 2014 in dem Sammelband "Meilensteine der Reformation. Schlüsseldokumente der frühen Wirksamkeit Martin Luthers" publiziert wurde.


 

 

Der von Johannes Gronenberg 1513 im Augustinerkloster Wittenberg angefertigte Druck mit großem Zeilenabstand hier des ersten Bußpsalms (Psalm 6) sowie der Inhaltsangabe (Summarium) zu Psalm 7, mit Interlinearglossen zur Worterläuterung und Marginalglossen über die größeren theologischen Zusammenhänge von Martin Luthers Hand. Auf dieser Seite nicht sichtbar sind die gedruckten Überschriften (Tituli) zu jedem Psalm. Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 71.4 Theol. 4°, Bl. 15v