Internationale Sommerschule 2016

Wie entsteht ein Nationalautor? – Konstruktion und Ambition

Internationale Sommerschule im Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel

1. bis 12. August 2016

Klassik Stiftung Weimar

Fast alle europäischen Gesellschaften kennen ihn, den sogenannten Nationalautor. Doch wie entsteht er und welche Bedeutung hat sein Werk für den Diskurs der kulturellen Selbstverständigung? Warum verbindet sich gerade mit einem Nationalautor der Anspruch kollektiver Repräsentanz? Und unter welchen Bedingungen lässt sich seine Person trotz vielfältiger Epochenumbrüche und gesellschaftlicher Transformationsprozesse als Garant kultureller Identität ansprechen? In der Regel entscheiden komplexe Kanonisierungsprozesse, wer in den Rang eines Nationalautors aufsteigt. Diese Kanonisierungsprozesse wiederum sind auf das Engste mit kulturpolitischen Zwecksetzungen und medialen Inszenierungen aller Art verwoben. Ob Racine, Voltaire oder Hugo in Frankreich, Shakespeare oder Byron in Großbritannien, Tolstoi oder Dostojewski in Russland, Goethe oder Schiller in Deutschland: Ungeachtet aller Differenzen stehen sie mit ihrem Werk für das vermeintlich Genuine und Unverwechselbare der eigenen Nation. Eine solche Identifikation von Autor, Werk und Nationalkultur setzt freilich voraus, dass das jeweilige Œuvre auf wenige, möglichst griffige und daher meist stereotype Charakteristika verkürzt wird. Diesen Reduktionsprozess führt etwa der im frühen 20. Jahrhundert überaus wirkmächtige Versuch vor Augen, aus Goethes Faust einen Wesenszug des „Faustischen” abzuleiten und diesen als Nationaleigenschaft der Deutschen zu definieren.

Auch wenn zumeist die Nachwelt im Rahmen kultur- und geschichtspolitisch motivierter Kanonisierungsprozesse bedeutende Dichter in den Rang von Nationalautoren erhebt, lässt sich – vor allem im Kontext der Klassischen Moderne – nicht selten die Beobachtung machen, dass sich Literaten selbst die Autorität eines Nationalautors zusprechen und zur Rechtfertigung dieses Anspruchs vor allem auf jene Schriftsteller Bezug nehmen, die als Nationaldichter bereits kanonisiert sind. Besonders deutlich zeigt sich dieser Anspruch etwa bei Thomas Mann, der während des Zweiten Weltkriegs im amerikanischen Exil den Goethe-Roman Lotte in Weimar verfasst und selbstbewusst erklärt: „Wo ich bin, ist Deutschland.”

Wann und wo entsteht ein klassischer Nationalautor? Diese Frage, die bereits Goethe in seinem berühmten Essay Literarischer Sansculottismus formuliert, steht 2016 im Mittelpunkt der Internationalen Sommerschule des Forschungsverbunds MWW. Ausgehend von den in Weimar überlieferten Sammlungen wird die Sommerschule den Aufstieg Goethes und Schillers in den Rang deutscher Nationalautoren verfolgen. Hierbei sollen auch die Inszenierungen der beiden Dichterpersönlichkeiten in zeitgenössischen Porträts und die Überhöhung ihrer Weimarer Wohnhäuser zu weltlichen Wallfahrtsorten besondere Berücksichtigung finden. Autoren wie Thomas Mann oder Gerhart Hauptmann, die sich im gezielten Rekurs auf Goethe wiederholt als moderne Nationalautoren inszeniert haben, werden ebenfalls in die Diskussion einbezogen. Zudem wird sich die Sommerschule mit einem komparatistischen Ansatz ausgewählten Nationalautoren in verschiedenen europäischen Ländern zuwenden, in exemplarischen Einzelanalysen werden auch außereuropäische Autoren berücksichtigt. Abschließend wird zu fragen sein, ob der „Nationalautor” als ein spezifisch europäisches und eng an die Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts gebundenes Phänomen anzusehen ist oder ob er als kollektive Identifikationsfigur auch in den von interkulturellen Austauschprozessen bestimmten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts seine Bedeutung behält. Die Seminarsitzungen werden ergänzt durch zahlreiche Exkursionen in die Sammlungen und historischen Häuser der Klassik Stiftung Weimar, darunter der Rokokosaal der Herzogin Anna Amalia Bibliothek sowie Goethes und Schillers Wohnhäuser.

Die Sommerschule wird im Rahmen des 2013 gegründeten Forschungsverbunds Marbach Weimar Wolfenbüttel (MWW) ausgerichtet. Die Finanzierung erfolgt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Einblicke in die Sammlungen der Klassik Stiftung Weimar bietet die Internetseite www.klassik-stiftung.de/sammlungen/.

Internationale Partneruniversitäten: University of Tokyo, Japan; University of Pennsylvania, Philadelphia, USA; University of Oxford, Großbritannien.

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Kontakt

Veronika Spinner

Koordination Forschungsverbund MWW / Klassik Stiftung Weimar

veronika.spinner@klassik-stiftung.de