Forschungsprojekt Text und Rahmen: Präsentationsmodi kanonischer Werke

PD Dr. Philip Ajouri, PD Dr. Carsten Rohde, Dr. Valentina Sebastiani

Die Bibel, der Faust, die Klassiker: Was macht sie eigentlich kanonisch? Wie kommt es dazu, dass sie immer wieder gelesen werden? Das ist keineswegs selbstverständlich. Die Texte müssen sich laufend neuen Leser-Erwartungen und historischen Gegebenheiten anpassen, müssen deswegen bearbeitet oder neu gerahmt werden. Wie werden aber Texte immer wieder für zukünftige Generationen attraktiv? Das Projekt vermutet, dass die Sinnenfälligkeit eine entscheidende Rolle spielt und dass dazu sowohl die berührbare und sichtbare Materialität der Bücher gehört als auch deren Präsentation in Worten, Gesten und Gesang. Zur Analyse und Präsentation dieser sinnlichen Dimensionen eignen sich die digitalen Möglichkeiten des Verbundes hervorragend. Die Sammlungen der drei Häuser enthalten gleichsam erstarrte Kanones und stellen das historisch ausgreifende Untersuchungsmaterial zur Verfügung, das für diese Fragestellung nötig ist. Die Projektgruppe macht es sich zur Aufgabe, die Kanon-Konjunkturen, ihre medialen Bedingungen und Beschränkungen zu untersuchen und damit eine Sammlungs-Kritik im aufklärerischen Sinne zu leisten.

Mediengeschichte der Psalmen (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)

Briefmarke aus der Sammlung Kiel, Norge 100 mit einer mittelalterlichen Initiale von Psalm 98.

Psalmen gehören zu den ältesten Gedichten überhaupt. Diese meist gesungene Literatur ist seit der Antike überaus vielfältig überliefert: In den Verbundbibliotheken finden sich Psalmen als Buch der Psalmen, als Teil der Vollbibeln, in Bibelkommentaren, in Messbüchern, in reich bebilderten Stundenbüchern, in Musikausgaben der verschiedensten Vertonungen sowie in unzähligen literarischen Bearbeitungen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Diese Vielfalt der Psalmenüberlieferung nutzt das Teilprojekt, um herauszufinden, welche Art von lateinischer, mittelniederdeutscher und frühneuhochdeutscher Lyrik geschätzt und gepflegt wurde, es erforscht also deren historische Ästhetik und Poetik.

Dr. Valentina Sebastiani

Der Faust-Stoff und seine Medialisierungen (Klassik Stiftung Weimar)

Faust. Eine Tragödie von Goethe. Mit Zeichnungen von Engelbert Seibertz, J. G. Cotta'sche Buchhandlung 1864.

Seit seinen Anfängen im 16. Jahrhundert erlebte der Faust-Stoff zahlreiche Bearbeitungen und Fortschreibungen – vor, neben und nach Goethes kanonischer Tragödie von 1790/1832. Text und Rahmen sind dabei auf untrennbare Weise miteinander verbunden: Die im Druck verbreiteten Texte werden begleitet von rahmenden Paratexten, die primär sinnlich-visueller Natur sind: Bucheinband, Druckbild, Illustrationen u. a. m. Die Liaison von Text und Rahmen geht aber darüber hinaus, sie umfasst ein breites Spektrum von Medialisierungen, die jeweiligen Kontexte, in die die überlieferte Faust-Fabel gestellt ist. Auch literarische Adaptionen, Vertonungen, Theateraufführungen und Verfilmungen, museale Präsentationen, kulturelle und wissenschaftliche Diskurse tragen zum Medienmythos Faust bei. Nur so konnte die Faust-Figur zu einem zentralen role model frühneuzeitlich-moderner Individualitätssemantik werden. Grundlage für die Erarbeitung einer Medialisierungsgeschichte des Faust-Stoffes ist die Weimarer Faust-Sammlung, die mit ihren rund 20.000 Objekten ein weltweit einzigartiges Korpus bildet.

PD Dr. Carsten Rohde

Klassik im Insel-Verlag ca. 1900-1930 (Deutsches Literaturarchiv Marbach)

Telegramm von Adolf Kaegi an Anton Kippenberg, 17.3.1910, Deutsches Literaturarchiv Marbach.

Das Archiv des Insel-Verlags wird im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrt. Ausgehend von diesem kürzlich erworbenen Bestand wird erforscht, welche Funktion Klassiker für die Verlage der Jahrhundertwende und darüber hinaus für die Gesellschaft insgesamt hatten. Die Untersuchung fängt bei den Briefwechseln an, die im Vorfeld der Publikation geführt wurden, erstreckt sich auf die Ausstattung der Klassiker-Bände sowie auf die rahmenden Texte der Herausgeber. Schließlich werden auch Rezeptionszeugnisse (z. B. Buchbesprechungen der Ausgaben), Reden und Essays herangezogen, um die Ergebnisse zu kontextualisieren und so eine historisch angemessene Auffassung des Rahmens zu gewinnen, in den kanonische Texte, zum Beispiel von Kant oder von Goethe, im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gestellt wurden.

PD Dr. Philip Ajouri