„Bild und Text“, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, 12./13. März 2015

Heinrich Julius Willershausen (nach Albert Freyse): Porträt Herzog Augusts d. J. als Autor aus Psalmenversen gebildet. Historisches Museum am Hohen Ufer Hannover, Bildarchiv, WM XXX, I (6) (mit freundlicher Genehmigung des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover).

Ein Workshop-Bericht

von Lisa Romahn und Hole Rößler

Am 12. und 13. März 2015 fand an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel der Workshop Bild und Text statt. Organisiert war die Veranstaltung vom Forschungsprojekt Bildpolitik – Das Autorenporträt als ikonische Autorisierung im Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel (Ellen Strittmatter, Christian Hecht und Hole Rößler). Entsprechend der Fokussierung des Projektes auf die Entstehung, Entwicklung, Verwendung und Rezeption von Autorenporträts vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart standen Porträts auch im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen. Zentral war dabei die Frage nach der Rolle von Text bzw. Texten für die Funktionalisierung und den Funktionswandel von Personenbildnissen.

Einleitend stellten Ellen Strittmatter und Hole Rößler das Forschungsprojekt Bildpolitik vor und skizzierten anhand von Bildbeispielen aus mehreren Jahrhunderten verschiedene Ansätze für die Untersuchung von Bild-Text-Verhältnissen, wobei die Theorie der Paratexte ausgehend von Gérard Genette und die neuere Forschung zur Ikonotextualität im Vordergrund standen. Mit Nachdruck betonten beide die Gleichwertigkeit von Bildern und Texten jenseits medialer Differenzen, die u.a. an Momenten der wechselseitigen Abhängigkeit und kombinierten Bedeutungsproduktion zu erkennen sei. So wenig eine bloße ikonografische Betrachtung des Porträts in der Lage sei, dessen Funktionen zu erfassen, bliebe auch eine vom Primat des Textes ausgehende Untersuchung blind für die intermedialen Strategien illustrierter Bücher.

Die chronologisch vom 16. bis ins 21. Jahrhundert geordnete Reihe der Vorträge wurde von LEA HAGEDORN (Münster/Wolfenbüttel) eröffnet. Anhand der beiden durch Tobias Stimmer illustrierten Ausgaben von Paolo Giovios Vitenbüchern, den Elogia Virorum Bellica Virtute illustrium und den Elogia Virorum Literis Illustrium von 1575 bzw. 1577, untersuchte sie die Zusammenhänge von Porträt und Text hinsichtlich einer wechselseitigen Legitimation. Nicht nur unterstützt der biografisch-panegyrische Text die Authentizität des Bildnisses, der mit künstlerischen Mitteln erreichte Authentizitätseffekt bekräftigt auch den Wahrheitsanspruch des Textes. Dieses auf gegenseitige Autorisierung abzielende Bild-Text-Verhältnis beruht auf einem hohen Grad an Entsprechung zwischen Bildnis und Vita. Weitere verlegerische Strategien zur Legitimierung der bebilderten Ausgabe und zur Bekräftigung des Authentizitätsanspruches der Porträts machte die Referentin in der Widmungsschrift, dem Autorenbildnis sowie den allegorisch-figürlichen Porträtrahmen aus.

Am Beispiel der zahlreichen Auflagen und Adaptionen von Giacomo Barozzi da Vignolas Lehrbuch Regola delli cinque ordini d’architettura erörterte KATHARINA HERRMANN (Freiburg) die Entwicklung von Autorenporträts in der Kunstliteratur. Das Porträt der ersten Ausgabe von 1562 zeigt den Architekten halbfigurig in einem fensterartigen Rahmen, den ernsten Blick auf den Betrachter gerichtet, mit einem Zirkel in der Hand. Autorenbildnis und Architektenporträt sind hier unauflöslich miteinander verbunden. In den kurze Zeit darauf erschienenen Ausgaben des Buches waren die Veränderungen des Bildes zunächst minimal und beschränkten sich überwiegend auf die Rahmung. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts ist eine zunehmende „Heroisierung“ im Bild zu beobachten: Vignolas Bild erscheint nur als Büste auf einer Halbsäule oder als Medaillon in Händen der personifizierten Architectura. Zusammenfassend stellte Hermann fest, dass die Veränderungen des Porträts Zeugnis einer fortschreitenden Inszenierung und Kanonisierung sind, die den Architekten zum Lehrer, Vorbild und schließlich Ahnherren der neuzeitlichen Architektur stilisierten.

ANNA SCHREURS-MORÉT (Freiburg) erläuterte die programmatische Zusammenstellung von Texten und Bildern im Anfangsteil von Joachim von Sandrarts Iconologia Deorum (1680). Sandrarts Selbstinszenierung beschränkt sich nicht auf dessen Porträt, sondern ist im gesamten Apparat bildlicher und schriftlicher Paratexte präsent, zu denen neben verschiedenen Lobgedichten auf den Autor auch eine allegorische Darstellung der Fruchtbringenden Gesellschaft zählt, der Sandrart seit 1676 angehörte. Der in mehreren Bildern dargestellte Zodiakus verweist nicht nur auf den weltumspannenden Anspruch des Buches, sondern beschreibt in der Gegenüberstellung des (von Michel de Marolles kopierten) Chaos und dem wohlgefügten Tierkreis eine Entwicklung, die als Sinnbild für die kulturelle Aufbauleistung der Fruchtbringer nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges verstanden werden konnte.

SOPHIE TAUCHE (München) stellte ihre Untersuchungen zu Johann Wolfgang Goethes Porträts in Johann Caspar Lavaters Physiognomischen Fragmenten (1775-1778) vorWiederholt ließ Lavater für sein Hauptwerk Goethe-Porträts anfertigen oder kopieren, die er zum Gegenstand seiner Charakterkunde machte. Damit beanspruchte er sowohl die ästhetische Deutungshoheit über die Bilder für sich als auch eine ethische Beurteilung Goethes. Das veranlasste Goethe, der dieses Unternehmen anfänglich unterstützt hatte, sich von Lavater zu distanzieren. Wie Tauche darlegte, dienten Lavater die Bildnisse Goethes nicht zuletzt auch zur Attraktivitätssteigerung seiner Bücher, während Goethe darauf bedacht war, die von ihm zirkulierenden Bilder – und somit auch sein öffentliches Image – unter Kontrolle zu halten.

Formen und Funktionen von Porträts in der Theaterliteratur des 18. Jahrhunderts standen im Zentrum des Beitrags von ALEXANDER KOŠENINA (Hannover). Als paradigmatisch erwiesen sich dabei die druckgrafischen Porträts des Schauspielers, Kritikers und Dramatikers August Wilhelm Iffland, die als Autorenbildnisse und Rollenporträts sowie als Kombination aus beiden Bildformen fungierten. Insbesondere Ifflands Porträts als Schauspieler in einer bestimmen Rolle entsprachen in ihrer Bewegtheit und Affektdarstellung zeitgenössischen Szenenkupfern und Illustrationen schauspieltheoretischer Werke wie etwa Johann Jakob Engels Ideen zu einer Mimik (1785/86). Bild und Text ergänzen einander, insofern ersteres verdeutlicht, in welcher Weise der Schauspieler in der Aufführung des Dramas zu agieren hat. Damit erscheinen diese Bilder gleichermaßen als idealisierte Porträts Ifflands wie als Ideal der naturalistischen Schauspielkunst.

Ausgehend von Caspar David Friedrichs Zeichnung Alte Frau mit Sanduhr und Buch (um 1802) widmete sich JOHANNES GRAVE (Bielefeld) der Frage nach der Bedeutung von Text in Bildern. Indem die Schrift im aufgeschlagenen Buch erst gelesen werden könne, wenn das Blatt gedreht werde und der Blick des Betrachters in den Modus des Lesens wechsle, verweise das Bild auf die Differenz von wiedererkennendem und sehendem Sehen. Der auf der rechten Seite lesbare Vers aus dem Johannesevangelium, „seelig sind, die / da glauben, ob sie / gleich nicht sehen“, verweist dabei nicht nur auf die lutheranische Bildkritik, sondern vor allem auf die demonstrative Bildlichkeit der Zeichnung, die auch durch die Präsenz des Textes und den durch ihn erzwungenen Blickwechsel betont wird. Diese inkommensurablen Arten des Visuellen untersuchte Grave anschließend in Philipp Otto Runges Gemälde Lehrstunde der Nachtigall (1802/04). Der gemalte Rahmen, der fast die Hälfte der Bildfläche einnimmt, evoziert mit einer erst auf den zweiten Blick sichtbaren Inschrift – einem Zitat aus der gleichnamigen Ode Klopstocks – ein dynamisches Wechselspiel von Betrachtung und Lesen. Bild und Text werden in beiden Fällen nicht nur zur gegenseitigen Erläuterung und Bedeutungsstiftung zusammengeführt, sondern auch, um deren spezifische Medialität und deren Rezeptionsweisen anschaulich und reflektierbar zu machen.

Den Wechsel ins Medium der Fotografie vollzog HUBERT LOCHER (Marburg) mit seinem Beitrag über die Rolle von Text und Schrift im Fall der Fotografien Eugène Atgets. Im Vergleich verschiedener Publikationen über Atgets Werk, die kurz nach dessen Tod 1927 erschienen, machte Locher auf die wesentliche Bedeutung von Titeln, Einleitungen und anderen Paratexten aufmerksam, die in unterschiedlicher Weise die Wahrnehmung der dezidiert dokumentarischen Bilder steuerten. Während Atget selbst seine Bilder auf der Rückseite lediglich mit der Adresse des abgelichteten Ortes versah (der z.T. in den Bildern selbst anhand von Schildern zu identifizieren ist), wurden sie in den Büchern zu nostalgischen Zeugnissen des alten Paris im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verklärt. Walter Benjamin, den Atgets Fotografien zur Entwicklung des für seine kunst- und medientheoretischen Schriften zentralen Begriffes der ›Aura‹ anregten, sah in den Pariser Aufnahmen eine Aufhebung des Auratischen, ein Außerkraftsetzen von eingespielten Assoziationsmechanismen, und verglich sie mit Bildern eines Tatorts, deren Verständnis einer Lesbarmachung durch Beschriftung, eines Textes bedürfe.

Para- und Peritexte berufsspezifischer Porträts des 16. bis 20. Jahrhundert, von der Druckgrafik bis zur Fotografie, waren Gegenstand des Beitrags von FABIENNE HUGUENIN (München). Bei den frühen Porträts lässt sich eine Fülle an Paratexten konstatieren, wobei die schriftliche Information nicht allein der Bezeichnung und beruflichen Charakterisierung der dargestellten Person diente, sondern auch die Authentizität der Darstellung behauptete. Insbesondere Lobgedichte und Widmungen von Freunden und Kollegen erfüllten diesen Zweck. Etwa mit Einführung der Lithografie als neuer Drucktechnik erlangt wiederum die bildliche Darstellung größeres Gewicht gegenüber dem Text. Zugleich authentifiziert und kontextualisiert der Dargestellte gleichsam selbst sein Porträt mittels nachgedruckter Autografen und ausgewählter Zitate. Bedingt durch die technischen Möglichkeiten und Grenzen des neuen Mediums der Fotografie geraten schließlich persönliche oder berufsspezifische Informationen verstärkt in den Hintergrund, wohingegen Signaturen oder Gaufragen sowie Werbetexte des Fotografen zunehmend Raum einnehmen.

Abschließend wurde die methodologische Herausforderung diskutiert, die das weite Spektrum von Bild-Text-Relationen im Fall des druckgrafischen und fotografischen Porträts stelle. Eine bildhistorische Forschung müsse die vielfältigen medialen, ideologischen, künstlerischen und sozialen Traditionen und Kontexte reflektieren, in denen das jeweilige Porträt stehe. Weiterhin wurde betont, dass die Beiträge gezeigt hätten, dass von einem Primat des Textes für die Rezeption von Porträts nicht uneingeschränkt ausgegangen werden könne. Vielmehr seien die verschiedenen Arten der wechselseitigen Ergänzung und Bestätigung zu beachten. Erst als zusammenwirkendes Gefüge seien die Funktionen von Bild und Text in Bezug auf Person und Werk sinnvoll zu erfassen und zu analysieren. Neben Fragen des ästhetischen Wandels wurde auch die soziale Dimension des Porträts als Paratext und Instrument der Prestigeproduktion hervorgehoben. Wie die Autoren selbst hatten auch die Verleger großes Interesse mittels des Porträts die Berühmtheit und mithin Relevanz ihrer Autoren herauszustellen, um ihre Absatzchancen zu vergrößern. Nicht zuletzt war damit auch die Rolle der Porträts in der Entstehung des neuzeitlichen Autorkonzepts angesprochen. Deutlich wurde, dass die Porträts eine souveräne Autorschaft konstruieren, die das Bild vom Autor – allen Einwänden durch Michel Foucault, Roland Barthes und andere zum Trotz – bis in die Gegenwart bestimmt.

Zuletzt wurde mit Blick auf die angesprochenen Prozesse der Bedeutungsänderung durch Wechsel der textlichen Beigaben die Frage nach anderen Formen des Kontextwandels angesprochen. Wesentlich erschien den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Aspekt des Ortwechsels, was am Beispiel des Archivs diskutiert wurde. Mit der Aufnahme eines Nachlasses ins Archiv ändert sich der Status der Gegenstände, nicht zuletzt Bilder werden von Privataufnahmen zu Dokumenten und ggf. Autorenporträts transformiert. Darauf aufbauend wird sich der nächste, im Herbst an der Universität Freiburg stattfindende Workshop des Projekts Bildpolitik mit dem Zusammenhang von Bildern, Texten und Orten befassen.

Hervorzuheben ist, dass die in den Vorträgen behandelten Werke des 16. bis 18. Jahrhunderts aus dem Bestand der Herzog August Bibliothek bereitgestellt wurde, so dass durchgängig die Möglichkeit bestand, die Porträtgrafik in ihrem Kontext zu betrachten. 

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