"Bilder, Texte, Orte", Albert-Ludwig-Universität Freiburg, 21./22. September 2015

Enge Verflechtung zwischen Text und Bild: Das autobiographische Buch „Alfred Döblin. Im Buch – Zu Haus – Auf der Straße“, erschienen 1928 zum 50. Geburtstag des Schriftstellers. © DLA

Ein Workshop-Bericht

von Sophie Tauche

Am 22. und 23. September 2015 kamen die Mitglieder des Forschungsprojektes Bildpolitik – Das Autorenporträt als ikonische Autorisierung im Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg zum Workshop Bilder, Texte, Orte zusammen. Das Programm des Workshops bot dabei sowohl die Möglichkeit, Impulse aus anderen Projekten der aktuellen Porträtforschung aufzugreifen, als auch neue Ergebnisse der Projektmitarbeitenden mit dem externen Beratungsgremium zu diskutieren. In konzentrierter Werkstatt-Atmosphäre nahmen die Vorträge und Gespräche dabei insbesondere den Ort von Autorenporträts in den Blick: Welche Rolle, so die zentrale Frage, spielen die Erscheinungsorte von Autorenporträts des 16. bis 20. Jahrhunderts für deren Funktionalität und Rezeption?

Die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Projekts Ellen Strittmatter (Marbach), Hole Rößler (Wolfenbüttel) und Sophie Tauche (in Vertretung für Christian Hecht, beide Weimar) waren diesmal auf Einladung von Anna Schreurs-Morét in Freiburg zu Gast, um den aktuellen Forschungsstand mit dem externen Beratergremium zu erörtern, dem neben Anna Schreurs-Morét Michael Diers (Berlin), Johannes Grave (Bielefeld) und Hubert Locher (Marburg) angehören. Als Impulsgeber konnten Hans W. Hubert, Achim Aurnhammer (beide Freiburg) und Sandra Oster (Mainz) gewonnen werden.

In ihrer Begrüßung und kurzen Skizze des Forschungsprojektes Bildpolitik knüpften Ellen Strittmatter und Hole Rößler direkt an die Diskussionen des letzten Workshops an. Im März 2015 war man in Wolfenbüttel zusammengekommen, um nach intermedialen Strategien der Porträtinszenierung im gedruckten Werk zu fragen. Aus der Diskussion des Porträts als Paratext war dort die Frage nach dem Ort des Porträts, etwa im gedruckten Buch, entwickelt worden. Sie sollte nun in Freiburg gesondert in den Blick genommen werden. Rößler und Strittmatter stellten insbesondere die These zur Debatte, dass Autorenporträts bei einem Ortswechsel und einhergehendem Kontextwandel neue Bedeutungen produzieren.

Mit seinem Impulsvortrag zu „Filarete (~1400-1469): doppelte Autorenschaft und die Orte ihrer Bilder“ eröffnete HANS W. HUBERT den ersten Workshop-Tag. Als Selbstdarsteller, der in Renaissance seinesgleichen suchte, platzierte der Bildhauer, Architekturtheoretiker und Illustrator sein Konterfei in seinen Werken – mal an prominentem, mal an verstecktem Ort. Dabei variierte die Bildsprache je nach lokalem Kontext. Hubert arbeitete heraus, dass Filarete mit diesen Porträts nicht einfach nur ein Zeugnis seiner Werktätigkeit ablegte, vielmehr habe er über das Selbstporträt sein ingegno inszeniert. Die besondere ästhetische wie ethische Qualität seiner Entwürfe betonte er mit Selbstdarstellungen als Werkstattleiter oder sogar als Personifikation der Tugend auf dem höchsten First eines selbst erdachten Tugendtempels. Damit spielen die Orte der Porträts eine zentrale Rolle in Filaretes bewusster Selbstüberhöhung, die ihn als unabhängig von ökonomischen Erwägungen, als Inventor seiner Werke zeigt.

ACHIM AURNHAMMER lenkte in seinem Vortrag „Martin Opitz in frühneuzeitlichen Frontispizen“ den Blick auf Porträts, die Opitz als „Vater der deutschen Dichtung“ inszenieren. Von Tscherning bis Gottsched stilisierten sich deutsche Autoren als dessen Nachfolger, indem sie sich beispielsweise bildlich von einer Opitz-Figur  auf den Parnass in die Gesellschaft der Musen führen ließen. Dabei beobachtet Aurnhammer über Jahrhunderte dieser ikonografischen Nachfolge nicht nur eine allmähliche Typisierung des Autorenbildes; Opitz’ Porträt wurde auch zunehmend in musealen Kontexten verortet: Seine Inszenierung als aktiver Mittler zwischen den anciens et modernes wurde verdrängt von statischen Bildern, in denen das stark typisierte Opitz-Bildnis nur mehr als Element von memorialarchitektonischen Konstruktionen vorkommt.

SANDRA OSTER präsentierte in ihrem Vortrag fotografische Autorenporträts am Ort verlegerischer Paratexte des 20. Jahrhunderts und machte „legitime“ und „illegitime“ Orte für die Positionierung von Autorenfotos aus. Während die Porträtfotografie im Frontispiz eine Randerscheinung blieb, setzte sich vor allem das Bild im Klappentext durch. Das Fotoporträt auf dem Titel trat dagegen abseits der Sachliteratur und Biografie auch im 21. Jahrhundert nur als besondere Ehrungsformel für belletristische Autoren auf. Mit der Bildpraxis des Suhrkamp-Verlags führte Oster gleichwohl ein beeindruckendes Beispiel dafür an, dass Autorenfotos in Titel und Text der Verlagsprogramme und Werbemedien zur Imagegestaltung oder politischen Positionierung des Verlagshauses wesentlich beitragen konnten.

Angeregt durch die Impulse aus der Forschung in Freiburg und Mainz widmeten sich die Teilnehmenden am zweiten Workshop-Tag den aktuellen Projekten des Verbunds. Eingeleitet wurden die Werkstattgespräche durch kurze Forschungsberichte von Ellen Strittmatter, Hole Rößler und Sophie Tauche.

HOLE RÖSSLER untersuchte in seinem Vortrag „Der Platz des Autors. Überlegungen zu einer Topologie des Autorporträts im gedruckten Buch der Frühen Neuzeit“ die Orte, die Autorenporträts Martin Luthers, Leonhard Fuchsʼ, Paolo Giovios, Gustavus Selenusʼ, Georg Philipp Harsdörfers und Athanasius Kirchers in deren Werken einnehmen. An Luther-Porträts erläuterte er, wie das bildliche Porträt im Frontispiz ohne Verlust der Autorisierungsfunktion zurücktreten konnte: Eine regelrechte Markenbildung ermöglichte es den Verlegern, stattdessen indirekt, durch Luthers Wappen oder Initialen, auf den Autor zu verweisen. Spätestens mit den ausführlicheren Titeleien des Barock fand die Porträt-Autorisierung ohnehin nicht mehr nur über das Frontispiz, sondern auch im Buch statt. In szenischen Porträtdarstellungen oder sogar als Ganzfigur nehmen die Autoren den Leser in Empfang, begegnen ihm womöglich mitten im Text oder entlassen ihn auf den letzten Seiten.

Die Weimarer Beiträge befragten Goethe-Porträts in Hinsicht auf ihren topografischen und politischen Ort in Weimar. CHRISTIAN HECHT hatte bereits im Vorfeld die Ergebnisse seiner Forschungen zu Goethes Planungen für eine neue Fassade seines Hauses am Frauenplan präsentiert. Im Austausch mit dem Architekten Nikolaus Friedrich Thouret hat Goethe sein Wissen und seine ästhetischen Überlegungen zur antiken Architektur in dieser Fassade niedergelegt. Die Fassade stellt sich dar als architektonisches Porträt seines auch dichterischen Selbstverständnisses. Die Umsetzung am Frauenplan scheiterte zwar aufgrund der Kosten, die der Weimarer Steinmetz veranschlagte, doch die Pläne wurden an anderem Ort verwirklicht. Offenbar wurden die ästhetische Qualität und der Wert dieser Goethe-Planung als so hoch bewertet, dass der Steinmetz den Entwurf im Rahmen einer privatwirtschaftlichen Initiative an der Weimarer Esplanade umsetzte.

SOPHIE TAUCHE nahm den Ort der Goethe-Porträts in den Huldigungsbildern des Weimarer Jubiläumsjahres 1825 in den Blick. Obwohl diese Bilder mit dem fürstlichen Thronjubiläum und dem offiziellen Dienstjubiläum des Dichters hochoffiziellen und traditionell hierarchisch geprägten Funktionskontexten angehören, positionieren sie nicht den Fürsten, sondern Goethe, glorifiziert als göttlichen Apollon, im Zentrum von Komposition und Narrativ. Diese Gleichsetzung der Feier des Großherzogtums mit der Verehrung Goethes stellte Tauche in den Kontext der politischen Agenda des Großherzogtums. Wo Sachsen-Weimar-Eisenachs überregionale Bedeutung und kulturelle Führungsrolle inszeniert werden, bedienen sich Auftraggeber und Künstler der Porträts des weltberühmten Dichters. Weitere Forschungen werden sich vor allem auf Medaillen und andere Ehrengeschenke zum Jubiläumsanlass konzentrieren.

ELLEN STRITTMATTER präsentierte unter dem Titel „Bildpolitik und Poetik“ die Marbacher Fotosammlung von Alfred Döblin. Dabei stellte sie die autobiografische Publikation „Alfred Döblin. Im Buch – Zu Haus – Auf der Straße“ als Nucleus und zentrales Beispiel für ihren Forschungsansatz vor. Nicht nur auf dem Umschlag, sondern auch im Text zeigen die Foto-Porträts Döblin mal kryptisch, mal ironisch, mal absurd inszeniert, aber immer als einen am „Puls des Lebens“ schreibenden Autor. Dabei stellt er die Inszenierung seiner Autorschaft infrage, um im selben Atemzug inszenatorisch tätig zu werden. So begleiten den autobiografischen Text ironisch kommentierte Fotografien etwa der angeblichen Handlinien des Autors. Solch engen Verflechtungen zwischen Texten und Bildern widmet sich Strittmatter in ihrer Forschung der Döblin’schen Bildersammlungen, die eigene Fotos, Postkarten und Reproduktionsfotos umfassen; Strittmatter schloss mit einem kursorischen Einblick in deren Reichtum und Systematik.

Der Workshop breitete ein Panorama möglicher Orte von Autorenporträts aus. Die Forschung kann hier neue Schlüssel zum Selbstverständnis des Autors herausarbeiten und zugleich literarische Kanonisierungsmuster verdeutlichen oder verlegerische Strategien aufdecken. Der Ort des Autorenporträts hat inszenierungspolitisches, gesellschaftspolitisches und literaturpolitisches Ausdrucks- und Autorisierungspotenzial; auch, wenn das Porträt selbst zum Ort, zur Immobilie wird. In der Abschlussdiskussion wurde daher beschlossen, dass eine Beschäftigung mit politischen Aspekten des Autorenporträts – eben der Bildpolitik – Thema des nächsten Workshops am Standort Weimar werden soll. Von der Auseinandersetzung mit der Titelthese des Forschungsprojekts versprechen sich die Forschergruppe und das beratende Gremium die Chance, mit den Ergebnissen der nunmehr zweijährigen Forschung den Begriff Bildpolitik neu zu schärfen.

 

Programm 

Montag, 21. September 2015

14.00 Uhr        
Begrüßung durch Anna Schreurs-Morét (Freiburg)
Einführung durch Hole Rößler (Wolfenbüttel) und Ellen Strittmatter (Marbach)

14.15 Uhr        
Achim Aurnhammer (Freiburg): Martin Opitz in frühneuzeitlichen Frontispizen

15.30 Uhr        
Hans W. Hubert (Freiburg): Filarete (~1400-1469): doppelte Autorenschaft und die Orte ihrer Bilder

16.30 Uhr        
Sandra Oster (Mainz): Im Angesicht des Lesers. Der fotografierte Autor im verlegerischen Paratext

17.30 Uhr        
Diskussion


Dienstag, 22. September 2015

9.00 Uhr          
Hole Rößler (Wolfenbüttel): Der Platz des Autors. Überlegungen zu einer Topologie des Autorporträts im gedruckten Buch der Frühen Neuzeit

10.00 Uhr        
Christian Hecht (Weimar): Goethes Fassade
Sophie Tauche (Weimar): Jubiläum in Weimar – Huldigung an Goethe

11.30 Uhr        
Ellen Strittmatter (Marbach): Bildpolitik und Poetik: Die Fotosammlung von Alfred Döblin

12.30 Uhr        
Ergebnisse und weitere Planungen

Ca. 13.30 Uhr  
Ende des Workshops