Projektskizze - Das Autorenporträt als ikonische Autorisierung


Bilder sind wirkmächtige Instrumente der Steuerung von öffentlicher Meinung und kultureller (Selbst-)Wahrnehmung. Der Titel Bildpolitik verweist auf dieses Funktionspotenzial von Bildern, das weit über den Bereich des Politischen im eigentlichen Sinne hinaus in allen kulturellen Feldern – in Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung ebenso wie in Religion, Kunst und Sport – die Herausbildung unterschiedlicher und historisch variabler Praktiken bedingt hat. Ganz allgemein wird der Begriff Bildpolitik hier verstanden als Bezeichnung für alle Formen des strategischen Einsatzes von Bildern zur Interaktion mit großen Adressatengruppen.

Innerhalb dieses analytischen Rahmens widmet sich das Forschungsprojekt dem facettenreichen Gegenstandsbereich des Autorenporträts. Es untersucht in verschiedenen Zeiträumen, Kunstgattungen und Kontexten die Bedingungen der Produktion und Funktionalisierung von Bildern, die explizit und primär zur öffentlichen Darstellung von Autorinnen und Autoren geschaffen wurden. Gefragt wird nach der spezifischen sozialen, ökonomischen und künstlerischen Produktivität, die derartige Bilder entfalten konnten, und nach den Bedingungen, unter denen sie Teil einer kulturellen Imagologie werden konnten. Mit dem Leitbegriff der ikonischen Autorisierung sind die für das Autorenporträt zentralen Funktionen der Authentifizierung, Verifizierung und Valorisierung von Werken, Personen und Medien aufgerufen. Der Begriff besitzt mithin drei heuristische Dimensionen, die in allen Forschungsansätzen und Untersuchungsfeldern der drei Teilprojekte den analytischen Zugriff prägen.


(1) Valorisierung
Als ikonische Paratexte dienen Autorenporträts primär der Aufwertung von Texten oder Werken durch die Zuschreibung von symbolischem und kulturellem Kapital. Nicht erst bestimmte Bildelemente als Zeichen persönlicher Qualitäten, sondern bereits die vom Bild und dessen öffentlicher Zirkulation behauptete Bildwürdigkeit des Autors zielt auf eine personelle Akkumulation von Prestige, das wiederum die allgemeine Wahrnehmung von Text und Werk nicht unerheblich beeinflussen kann. In dieser Perspektive ist zum einen den konkreten Produktionsverhältnissen, den beteiligten Akteuren (Autoren, Verleger, Künstler, Mäzene) und ihren jeweiligen Motivationen nachzugehen. Zum anderen sind Rezeptionsformen und Praktiken des Umgangs mit Autorenporträts zu betrachten, um deren kulturelle Bedeutung zu erfassen. Dabei ist in der epochenübergreifenden Perspektive des Projektes auch die unterschiedliche räumliche Nähe von Autorenporträts zu einem bestimmten Werk als wesentlicher Faktor zu reflektieren: Es ist hinsichtlich der vom Bild modellierten Relation von Person und Werk ein Unterschied, ob ein Autorenporträt Bestandteil des materiellen Buchkörpers ist oder ob es unabhängig von einem konkreten Text als gemeinsame Repräsentation eines Autors/einer Autorin und dessen/deren Schriften zirkuliert. Zu fragen wäre hier etwa, in welcher Weise die erkennbare Tendenz zur Entkoppelung des Autorenporträts vom konkreten Buch die Genese des modernen Werkbegriffs befördert hat.

(2) Autorschaft
Das Autorenporträt ist Teil des kulturellen Komplexes von Artefakten und Praktiken, in dem sich verstärkt seit dem 14. Jahrhundert die spezifisch neuzeitliche Vorstellung von Autorschaft entwickelte. Es lässt sich dabei grundsätzlich feststellen, dass Reproduktion und Zirkulation von Autorenporträts gemeinsam mit der seit der Frühen Neuzeit stark zunehmenden biografischen Literatur die Herausbildung und Stabilisierung bestimmter AutorInnen-Imagines befördern und damit erheblich zu jener Kaschierung der tatsächlichen Produktionsbedingungen von Literatur und Büchern beigetragen haben, die erst im 20. Jahrhundert von der postmodernen Literaturtheorie umfassend kritisiert wurde. An dieser Diskrepanz setzen die drei Teilprojekte an und fragen nach den persönlichen, verlegerischen und auch politisch-institutionellen Leitbildern, Motivationen und Erwartungen, die sich mit der Herstellung und Publikation von Autorenporträts verbanden, die wiederum in unterschiedlicher Weise der Inszenierung des Autors etwa als glaubwürdiger Gelehrter, Nationaldichter oder kritischer Zeitgenosse dienen sollte. Somit liegt der Fokus nicht zuletzt auf den historischen Konjunkturen des Konzepts von Autorschaft, die sich an den Beständen der Sammlungen in Marbach, Weimar und Wolfenbüttel erkennen lassen.

 

(3) Medialität
Nicht zuletzt ist auch der Umstand zu betrachten, dass durch die seit der Frühen Neuzeit rasant ansteigende Produktion von Autorenporträts diese Bildgattung selbst eine Aufwertung als relevanter Informationsträger im literarischen bzw. gelehrten Diskurs erfuhr. Es ist anhand des Quellenmaterials zu untersuchen, in welcher Weise die in der Bildpraxis erfolgende Autorisierung des Porträts in diesem selbst, aber auch in literarischen Zeugnissen thematisiert wird. Dabei sind auch bildliche Alternativen, Persiflagen und Gegenentwürfe zum Autorenporträt in den Blick zu nehmen, um dessen kulturelle Reichweite zu ermessen. Darüber hinaus soll in diesem Zusammenhang aber auch die spezifische Bildpolitik der drei am Projekt beteiligten Institutionen in den Blick genommen werden, um aktuelle Strategien der Funktionalisierung von Autorenporträts in Bezug auf die unterschiedlichen Sammlungsbestände zu reflektieren.