"Es sind immer Werbebilder" − Autorenporträts aus Sicht einer Fotografin

Hole Rössler im Gespräch mit Susanne Schleyer 

 

Hole RößlerSie beschäftigen sich in und neben Ihrer künstlerischen Arbeit schon lange mit Porträtfotografien von Autorinnen und Autoren. Sie betreiben in diesem Zusammenhang seit Beginn der neunziger Jahre ein Fotoarchiv mit Autorenfotos. Wie kam es zu dieser Spezialisierung?

 

Susanne Schleyer: Zuvor muss ich über zwei Punkte sprechen. Das Autorenarchiv gibt es natürlich erst seit der Digitalisierung im Netz − mein Partner Michael J. Stephan und ich mussten damals einen Namen finden, unter dem wir unsere Autorenporträts sammeln und präsentieren. Aber ich selbst fotografiere Autoren schon seit 1990; der Beginn liegt also in der „analogen Zeit“. Diese Spezialisierung ist eher durch einen Zufall entstanden. Vor meinem Fotografiestudium habe ich Kunst und Germanistik studiert. Nach dem Mauerfall, im November 1989, gründete ich mit Schriftstellerfreunden im Ostteil Berlins, woher wir alle kamen, den Lyrikverlag Druckhaus Galrev. Wir waren unerfahren in Verlagsarbeit und mit dem westlichen Wirtschaftssystem nicht vertraut. Da jeder von uns neben der künstlerischen und germanistischen Arbeit berufliche Qualifikationen hatte, beschlossen wir, diese zu den jeweiligen Aufgabenfeldern neben dem Lektorieren zu machen. Wer zum Beispiel eine kaufmännische Ausbildung hatte, der kümmerte sich um die Buchhaltung. Da ich fotografieren konnte, habe ich die Autoren porträtiert. Ich hatte also Glück. Danach kam immer wieder ein Autor auf mich zu und sagte: „Die Fotos haben mir gefallen, kannst Du mal…“. So wurde es immer mehr und auf einmal war ich „Autorenporträtfotografin“.

Ich habe mich also nicht hingesetzt und befragt, worauf ich mich spezialisieren könnte, und das dann getan. Ich habe und hatte natürlich schon ein Talent und eine Vorliebe für die Porträtfotografie. Ich hätte mich zum Beispiel niemals auf Architektur spezialisiert. Durch mein erstes Studium stehe ich aber auch der Germanistik nahe. So fing es an. Inzwischen habe ich in 25 Jahren bestimmt über 1000 oder 1200 verschiedene Autoren getroffen und fotografiert. Meistens war es so, dass die Verlage oder Autoren mich angesprochen haben. Später gab es den Einschnitt „Digitalisierung", durch den sich die ganze „Literaturfotolandschaft" veränderte. Das Autorenarchiv entstand, um die Bilder im Netz zugänglich zu machen. Man muss unterscheiden: Das eine sind die Aufträge, das andere, wie man die Bilder wieder zugänglich macht. In der „analogen“ Zeit – in meinem Fall von 1990 bis 2000 – gab es den Zugriff auf die Bilder nur über Listen mit den Namen der Porträtierten, und bei Anfragen habe ich Bilder per Post verschickt. Das hat sich natürlich irgendwann als zu kompliziert erwiesen und zum Glück kam die Digitalisierung. So wurden die Bilder im Netz sichtbar.

 

Hole RößlerWas uns besonders interessiert, ist, einen Einblick in die Praxis zu bekommen. Wie kommt es gewöhnlich zu einem Fotoshooting, falls man von „gewöhnlich" sprechen kann? Sie haben ja schon gesagt, dass es am Anfang eher aus der persönlichen Bekanntschaft heraus dazu kam. Wie hat sich das verändert? 

 

Susanne Schleyer: Das ist bei jedem Fotografen anders, und ich werde jetzt genau über die Spezialisierung auf Autorenfotografie reden, denn jemand, der frei für Zeitungen und Zeitschriften oder in der Werbung tätig ist, der arbeitet komplett anders. Bei mir gibt es verschiedene Wege. Der eine Weg ist, dass mich Verlage ansprechen, die einen neuen Autor fotografisch präsentieren wollen. Sie fragen mich an aufgrund meiner jahrelangen Arbeit; das aber funktioniert nicht gleich vom ersten Tag an. 

Ich weiß nicht, wie weit Ihnen der „Literaturbetrieb" bekannt ist. Der „Literaturbetrieb" hat, wie ich es nenne, Zyklen, deren Höhepunkte die Leipziger und die Frankfurter Buchmesse sind. Drei bis vier Monate vorher erscheinen Vorschauen. Vorschauen sind Werbebroschüren, in denen die Bücher und Autoren vorgestellt werden. Mein „Hauptzyklus" ist immer die Zeit, bevor die Vorschauen erscheinen. Um die Messezeit oder kurz nach den Messen sitzen die Lektoren dann an den neuen Buchtexten. Wenn der Verlag die Textarbeit abgeschlossen hat und beschließt, in die Werbung zu gehen, komme ich ins Spiel. Dann ruft mich der Verlag an und sagt zum Beispiel, sie hätten einen Debütanten, der auf eine bestimmte Weise beworben werden soll; deshalb hätten sie gerne Fotos von ihm. Da gibt es wieder zwei Varianten: Entweder sie lassen mir freie Hand, und ich kann aufgrund meiner Erfahrung selbst entscheiden, wie ich die Porträts gestalten will. Oder sie sagen, dass das Buch ein spezielles Thema hat und entsprechende Bilder gebraucht werden. 

Unter Dinosauriern – Schriftstellerin Judith Schalansky im Berliner Naturkundemuseum.
© Susanne Schleyer / autorenarchiv.de

Ich nehme Judith Schalanskys Buch Der Hals der Giraffe als Beispiel. In dem Buch geht es um eine Biologielehrerin in Mecklenburg-Vorpommern. Der Verlag wollte gerne Bilder von der Autorin im Naturkundemuseum; das Setting musste also schon mit Tieren zu tun haben. In diesem Fall kümmere ich mich darum, wie ich an den Ort des Shootings komme, hole mir eine Fotografiererlaubnis für das Museum, kontaktiere die Autorin, gehe mit einem Assistenten dorthin und entwickele die Motive. Dann bekommt der Verlag eine Auswahl an Bildern, sucht aus oder lässt den Autor auswählen.

Danach entscheiden sie sich für einige markante Bilder, die sie für die Vermarktung der Person nehmen. Man darf nicht vergessen, egal wie frei ich arbeiten kann und wie künstlerisch, wie toll die Bilder sind – oder auch nicht –: Die Bilder sind Werbebilder. Es sind immer Werbebilder, die immer zweckgebunden sind. Es sind keine freien Arbeiten. Es geht darum, den Autor oder die Autorin so zu präsentieren, dass sich so viele Leser wie möglich für das Buch interessieren. Das heißt nicht, dass die Person unbedingt lifestylemäßig mit Make-up oder Ähnlichem präsentiert werden muss. Selbst ein unscharfes oder angeschnittenes Foto oder eines, aus dem sich der Autor herausdreht oder aus dem er herausläuft – das sind alles Werbestrategien. Das ist Dienstleistungsfotografie – in einem höheren Segment, aber es bleibt Dienstleistungsfotografie. 

In meiner langjährigen Arbeit hat sich noch ein anderer „Strang“ herauskristallisiert. Jener nämlich, dass Autoren mich direkt ansprechen und sagen, sie möchten mit mir arbeiten, weil sie meine Bilder gesehen haben oder weil sie schon öfter mit mir gearbeitet haben und gerne in einem bestimmten Stil gezeigt werden wollen. Wenn sie ihr Buch fertig geschrieben haben oder sich das erste Mal damit präsentieren, bieten sie den Text mit meinen Fotos an. In diesem Fall übernimmt der Verlag die Bilder und natürlich die Kosten. Und die dritte „Schiene“ ist, dass ich selbst, aus meiner Erfahrung, meinen Vorlieben heraus und je nachdem, wen ich gerne im Archiv haben will, Autoren anspreche. Das macht richtig Spaß. Denn ich frage natürlich öfter Autoren an, deren Bücher ich wahnsinnig gerne lese und die ich persönlich kennenlernen möchte. Meine Arbeit in der Porträtfotografie setzt sich also aus diesen drei Strängen zusammen. Alle Bilder kommen dann in mein Autorenarchiv.

 

Hole Rößler: Wie ist es, wenn die Verlage oder die Autoren auf Sie zutreten: Wie bereiten Sie sich da vor? Sie haben ja schon angedeutet, dass überlegt wird, an welchem Ort das Shooting gemacht werden könnte. Aber gibt es auch eine Auseinandersetzung mit dem Werk? Spielt das eine Rolle oder reichen Stichworte?

 

Susanne Schleyer: Bei mir spielt das eine Rolle. Sicherlich könnte ich, wirtschaftlich gesehen, schneller und effizienter arbeiten, wenn ich mir diese ganze Mühe nicht machte, aber ich glaube, Bilder entstehen im Zusammenhang mit dem Werk. Natürlich kann ich nicht jedes Buch lesen. Zudem interessieren mich nicht alle Themen. Ich lese zum Beispiel nicht gerne Krimis. Und dann möchte ich auch nicht 15 Krimis lesen müssen. Ich kann das statistisch nicht genau sagen, aber ich denke, dass ich bei über der Hälfte der Autoren auch die Bücher kenne. Wenn ich nicht die neuen Bücher gelesen habe, kenne ich ältere Publikationen oder Essays oder was auch immer. Und wenn ich über jemanden gar nichts weiß und auch keine Zeit habe, etwas von ihm zu lesen, dann bereite ich mich vor. Das ist richtige Recherchearbeit. Im Internet ist das ja nun sehr angenehm, so dass ich immer weiß, auf wen ich treffe. 

Was ich seit zwei, drei Jahren auch sehr gern mache, ist, bei YouTube zu schauen, ob es Filmsequenzen von demjenigen gibt, den ich fotografieren soll. Auf die US-amerikanische Philosophin Judith Butler habe ich mich so vorbereitet − neben dem Lesen ihrer Texte. Sie hat ein Video-Interview gegeben – in dem Fall war das natürlich ganz praktisch, weil sie auch sehr gut deutsch spricht und im Deutschen eine andere Mimik und Gestik hat –, und ich habe beobachtet, wie sie spricht und wann sie wie aussieht, wie sie reagiert. Das war von großem Vorteil und wichtig für unsere Begegnung. 

Wenn diese Art der Vorbereitung nicht möglich ist, dann suche ich mir einen „Anhaltspunkt", über den ich mit den Autoren ins Gespräch kommen kann. So zum Beispiel bei Manuel Castells, ein Sachbuchautor, der ein Buch über Netzwerktheorien geschrieben hat. Das war in einer Zeit, in der es für uns alle noch nicht normal war, das Internet zu verstehen bzw. eigene Domains zu haben. Mein Auftrag war also, einen spanischen, schlecht Englisch sprechenden Autor, der in Chile lebte, über Netzwerktheorien auf Englisch schreibt und dessen Buch frisch auf Deutsch erschienen war, zu fotografieren. Keine leichte Aufgabe: Mein Spanisch ist nicht gut. Hinzu kam, dass ich das Buch auf Deutsch damals nicht richtig verstanden habe. Netzwerktheorien waren sehr, sehr neu. Heute könnte man es lesen und verstehen, aber damals konnten das nur Spezialisten. Ich traf mich also auf dem Dach eines Berliner Hotels mit einem Spanier, mit dem ich mich nicht über das Thema seines Buches unterhalten konnte und der auch noch sehr gehemmt war. Für die Autoren ist es nicht immer einfach, fotografiert zu werden. Castells war sehr nett, aber wirklich richtig „zugeknöpft“ und stand vollkommen statisch da. Aber nicht, weil er gegen den Fototermin war, sondern weil es ein Problem für ihn war, fotografiert zu werden. 

Dann haben wir mit dem Shooting angefangen und uns dabei unterhalten. Ich wusste, dass er in Chile Berater unter Allende gewesen war. Anfang der 70er Jahre fand dann der Putsch in Chile statt. Luis Corvalàn, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chiles, wurde verhaftet, und die DDR startete eine Aktion, bei der alle Kinder eine Postkarte an die Pinochet-Regierung schicken sollten. Das waren noch so Postkarten, die man auf der Vorderseite selbst beschreiben konnte. 

Über den Dächern von Berlin – der spanische Sachbuchautor Manuel Castells. © Susanne Schleyer / autorenarchiv.de

Wir Kinder haben alle eine Sonnenblume gemalt und geschrieben „Freiheit für Luis Corvalàn“. Säckeweise wurde die chilenische Regierung mit Kinderpostkarten aus der DDR „zugeschüttet“. Castells hatte mit Corvalàn gearbeitet, und wir hatten diese Postkarten geschrieben. Da sagte er auf einmal, „ihr wart diese Kinder!“, und fasste uns an den Armen. Von diesem Zeitpunkt an war er sehr offen und tanzte vor der Kamera − und wir hatten die Bilder. Das war nun ein sehr weit gefasstes, nicht literarisches Beispiel. Aber so bereite ich mich vor. Das geht nur, wenn man weiß, wen man trifft, und wenn man vorher recherchiert hat.

 

 

Privatheit und inszenierte Intimität

Hole Rößler: Das führt zu der Frage, wie viel Spontanität und Zufall auf der einen Seite und wie viel Kontrolle auf der anderen für ein gutes Autorenporträt zuträglich sind? 

 

Susanne Schleyer: So ein „durchschnittlicher“ Fototermin im Studio – auf der Messe hat man andere Termine und oft nur eine halbe Stunde Zeit – geht von einer Stunde bis zu drei oder vier Stunden. Das heißt aber nicht, dass ich drei oder vier Stunden fotografiere. Da ist auch viel Gespräch dabei. Wir setzen uns also erst einmal auf das Sofa in unserem Studio und trinken einen Kaffee und reden und bauen Nähe auf. Das spielt schon eine große Rolle. Der „klassische“ Typus „Autor“ ist vollkommen introvertiert, wenn es um das Fotografieren geht. Viele Schriftsteller können zwar toll schreiben und vielleicht auch tolle Fernsehinterviews geben und sich überall präsentieren, aber ihr Business ist es nicht, fotografiert zu werden. Das heißt, sie haben Hemmungen, sie sind oft verängstigt. Es gibt Leute, die muss man beruhigen, andere wiederum muss man aufregen. Sie kommen hierher oder wir treffen uns an einem ganz anderen Ort. Sie wissen ja auch nicht, wen sie treffen, ob alles gut gehen wird. 

Wir beginnen mit einem Gespräch, und in dem Gespräch ergibt sich der entscheidende Moment. Zum Beispiel unterhalten wir uns hier im Studioraum mit Hintergrund und Setting für die klassischen Porträts – für die „erzählerischen“ Fotos gehen wir nach draußen – und irgendwann kommt der Moment, in dem ich dann frage, ob wir uns rübersetzen wollen. Und plötzlich geht es ganz leicht. Dann lassen sich die Autoren auch fallen – es gibt immer Ausnahmen –, aber die meisten lassen sich fallen und vertrauen. Aus meiner Position kann ich dann, das ist jetzt ein hartes Wort, „manipulieren“. Ich mache das in ihrem Interesse. Die Bilder entstehen immer im Interesse der Autoren. Die Bilder, die schlecht sind, also die, die gegen die Autoren sprechen, sortiere ich aus und veröffentliche sie auch nicht. 

Wir führen während des Fotografierens immer Gespräche. Über den Autor selbst oder über andere Themen und währenddessen sage ich dann zum Beispiel: „Können Sie den Kopf mal ein bisschen nach rechts drehen und jetzt zu mir schauen, jetzt mal nicht grinsen, ich brauche...“. So in der Art läuft das ab. Es ist schon Beeinflussung, aber ich bin nicht der Magier, der etwas aus dem Hut zaubert, sondern ich kann nur mit der Person arbeiten, wenn sie es mir möglich macht.

 

Hole Rößler: Im Theater gibt es den Begriff des Privaten. Dass ein Schauspieler auf der Bühne privat wird, darf eigentlich nicht passieren. Das wäre ein Zurückfallen in sich und ein Herausfallen aus der Rolle. Gibt es das beim Fotoshooting auch und ist es erwünscht, die Person „privat“ zu bekommen? Oder geht es schon um den Autor oder die Autorin in einer bestimmten Rolle?

 

Susanne Schleyer: Das ist eine Typfrage. Es stellt sich auch die Frage, was privat ist. Autorinnen haben ja gerne verschiedene Kleidungsstücke dabei. Da sage ich dann schon mal, dass das eine oder andere Kleidungsstück zu privat ist. Die Kleidung soll auch nicht so viel von ihnen selbst, von der „Hintergrundperson", erzählen, sondern von der Autorenpersönlichkeit, die aber auch privat sein kann. Die öffentliche Person kann trotzdem privat sein. Es ist aber schon die Person, die gezeigt werden soll. Generell hoffe ich, dass die Autoren sich so anziehen, wie sie in der Öffentlichkeit gesehen werden wollen. Denn es ist schon ein Unterschied, ob ich mich für ein Autorenfoto präsentiere oder ob ich auf eine Party gehe. Ich will jetzt nicht sagen: zum Joggen, das wäre zu simpel. Die Autoren treffen also eine Entscheidung oder wir treffen sie gemeinsam, und dann können die Bilder schon relativ privat sein. Es können sehr intime Momente entstehen, nicht nur zwischen mir und dem Fotografierten, sondern auch zwischen dem Autor und dem Leser. Ich mache dem Autor immer klar, dass die Kamera, in die sie schauen, die Leser sind, die sie ansehen. 

Man müsste jetzt darüber reden, ob es überhaupt sinnvoll ist, ein Autorenporträt zu machen. Das ist eine Grundsatzfrage. Aber wenn man akzeptiert, dass es ein Autorenporträt gibt und dass das Autorenporträt seine Existenzberechtigung hat, dann ist dieses Bild immer ein Bild, mit dem ein Kontakt zum Leser hergestellt wird. Das heißt, der Leser schlägt die hintere Buchklappe auf und wenn ein direkter Augenkontakt besteht, sehen sich Autor und Leser an. Und es geht nicht darum, ob der Verlag das nett findet oder der Autor oder sonst wer, sondern es geht um denjenigen, der den Text lesen soll. Und wenn ich es schaffe, dass die Autoren das annehmen, dann wirkt die Kamera auf einmal nicht mehr so „böse“ auf sie. Die Porträtierten schauen ja immer in eine große Optik hinein. Manchmal spiegelt man sich auch selbst darin. Das ist auch nicht schön. Wenn ich es schaffe, dass sie verstehen, also emotional verstehen, dass es der Leser ist, den sie ansehen, wie bei einem normalen Gespräch, dann kann es schon sehr privat werden. Man kann auch viel über die Haltung ausdrücken. Wenn ich Personen in sich zusammengekauert fotografiere, dann wirkt es intimer, als wenn sie ganz offiziell und gerade dasitzen.

 

Werbebilder

Hole Rößler: Im Interview mit dem Geschichtswissenschaftler Valentin Groebner, das ich vor einiger Zeit geführt habe, kam die Rede darauf, dass es bei den Autorenporträts der neunziger Jahre, vielleicht auch noch ein bisschen später, diese neue deutsche Literatur-Popwelle gab. Valentin machte darauf aufmerksam, dass die männlichen Autoren damals auf ihren Fotos demonstrativ Ironie-Signale gesendet hätten. Die weiblichen Autoren hingegen hätten das überhaupt nicht getan. Kennen Sie derartige Unterschiede zwischen Autorinnen und Autoren in den Praktiken der Selbstpräsentation?

 

Susanne Schleyer: Ja, aber so präsentieren sich die Autorinnen und Autoren ja nicht selbst, das ist nämlich der Trugschluss! Das sind Werbebilder! Es ist die Sicht des Verlages. Wir könnten jetzt über das Frauen- und das Männerbild diskutieren. Anfang der Nullerjahre gab es das so genannte „Fräuleinwunder“. Da wurden Frauen, die Philosophie studiert haben oder Nordamerikanistik oder Ähnliches, als „Fräuleinwunder“ bezeichnet. Und damit als „kleine Fräuleins“, die hübsch aussehen und nett schreiben können, abgestempelt. Das sind Strategien der Verlage, auch wenn der Begriff „Fräuleinwunder“ durch den „Spiegel" initiiert wurde. Das läuft so: Der Verlag bekommt eine Auswahl an Bildern, und wenn er beim männlichen Autor das Ironiebild auswählt und beim weiblichen gerade nicht, dann hat das wenig mit den Porträtierten selbst zu tun. Oft geschieht diese Auswahl über die Köpfe der Autoren hinweg. Jedenfalls habe ich von damals bis heute sehr viele Frauen des sogenannten „Fräuleinwunder“ fotografiert, und die fanden das alle abstoßend. Natürlich wollen die Frauen ebenso wie die Männer – auch wenn Letztere es nicht so zeigen – auf den Fotos nett aussehen. Klar, man möchte ja nicht mit einem hässlichen Bild beworben werden. Aber es hat sich keine Autorin freiwillig zur Barbie gemacht.

 

Hole Rößler: Sie haben vorhin angesprochen, dass Sie manche Autorinnen und Autoren an anderen Orten fotografieren – also nicht im Studio. Sie haben das „erzählerische Fotos“ genannt. Welche Rolle spielt für Sie die Wahl des Ortes? Wie suchen Sie ihn aus? 

 

Susanne Schleyer: Ich habe eigentlich einen sehr großen Spielraum. Das hat wieder mit meiner jahrelangen Erfahrung zu tun. Den Spielraum hatte ich Anfang der neunziger Jahre nicht in gleicher Weise. Das lag nicht an der Zeit, sondern daran, dass ich, als ich begann, 25 Jahre alt war, also sehr jung. Im Endeffekt muss es ein Foto sein, das transportiert, was wir wollen. Ich habe vor einigen Monaten eine Autorin fotografiert, die über den Tod geschrieben hat. Da gehe ich natürlich nicht auf einen Friedhof.

Auch von hinten unverkennbar –
der Blogger Sascha Lobo.
© Susanne Schleyer / autorenarchiv.de

Hole Rößler: Das wäre zu naheliegend?

 

Susanne Schleyer: Sie hat nicht direkt über den Tod geschrieben. Es geht um die DDR, Stalin, den Tod usw. Da geht man nicht auf einen Friedhof. Wir haben neutrale Hintergründe gewählt, die die Autorin präsentieren. Aber kein so vordergründiges Setting, das wäre zu simpel. Es macht natürlich Spaß, wenn man ein bisschen Einfluss hat. Einmal bekam ich von einer österreichischen Literaturzeitschrift den Auftrag, den Blogger Sascha Lobo für das Cover zu fotografieren. Ich habe ihn von hinten aufgenommen, und er ist auch so auf dem Cover abgebildet worden. 

Ich hatte mir überlegt, dass er sich selbst zu einer Marke gemacht hat, zu einem Brand. Mit dieser Marke kann man auch spielen. Das habe ich selbst entschieden. Es gab natürlich auch Bilder, auf denen er mit Gesicht zu sehen war, aber mir war vollkommen klar, wenn sie das Bild sehen, das ich von hinten aufgenommen habe, nehmen sie dieses.

 

Hole Rößler: Das war der positive Fall. Ist ein Shooting schon einmal schiefgegangen? Das meint die ganze Skala vom Abbruch bis hin zur Feststellung, dass die Fotos zwar gemacht wurden, sie aber eigentlich nicht funktionieren.

 

Susanne Schleyer: Das sind immer die schönen Geschichten! Das ist mir in 25 Jahren wenige Male passiert. Die Shootings haben wir natürlich nicht abgebrochen, aber wir waren beide nicht zufrieden. Entweder lag es an einer menschlichen Komponente – es passt ja nicht jeder mit jedem zusammen –, oder das Resultat gefiel nicht. Dann gab es einfach einen neuen Fototermin. Das gibt es auch, das ist vollkommen normal. Jetzt muss ich nochmals sagen: Auch wenn wir hier immer von Kunst reden und ich künstlerische Fotografie studiert habe, ist es ja ein Handwerk. Es ist eine Dienstleistung, die man erbringt. Und dann kann es passieren, dass es nicht genau dem entspricht, was man sich gewünscht hat. Es ist immer manuelles Handwerk, kein Computerprogramm, das etwas animiert.

 

Hole Rößler: Ich würde gerne noch ein bisschen nachbohren. Wenn die Fotos nicht gefallen, ist das eine Sache. Aber wenn Sie sagen, dass man nicht mit jedem kann: Wie äußert sich das? Stellt man das vielleicht schon vorher im Gespräch fest? Wie macht sich das dann auf den Fotos bemerkbar? 

 

Susanne Schleyer: Ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann. Da ich Profi bin – ich habe sechs Jahre lang Fotografie studiert und fotografiere seit 25 Jahren professionell –, sind meine Bilder, selbst wenn es schief geht, natürlich immer noch besser als die eines Amateurs. Aber ich sehe, wenn es nicht so klappte, wie ich es mir vorgestellt habe. Das ist selten passiert. Einmal rief eine Zeitung an und fragte, ob ich einen bestimmten Autor im Archiv hätte. Ich habe bejaht, aber gesagt, dass ein anderer Fotograf ein viel besseres Bild von dem Autor hat, und habe den Redakteur an den Kollegen verwiesen. Ich habe erklärt, dass ich dieses und jenes Material habe, aber dass das nicht dem entspricht, was sie sich vorstellen. Ich denke immer im Sinne des Bildes. Interessant, dass man viel über Dinge spricht, die gescheitert sind, aber über die, die geklappt haben, redet man gar nicht, denn das ist ja der Standard.

 

Kunst und Dienstleistung

Hole Rößler: Wir kommen auf Shootings, die geklappt haben, zurück. Wie inszeniert, das heißt aber auch erkennbar inszeniert, darf ein Autorenporträt sein? Nehmen wir das Beispiel Heiner Müller, den der Fotograf Joseph Gallus Rittenberg aus einem Gully steigen ließ, von dem es aber auch sehr „private“ Fotos gibt. Was wäre für Sie die Grenze des Inszenierten oder des Natürlichen? Wie würden Sie in dieser Hinsicht Ihren eigenen Stil charakterisieren?

 

Susanne Schleyer: Eigentlich habe ich die ganze Bandbreite fotografiert, denn das hängt ja auch wieder davon ab, was der Verlag will. Wenn ein Verlag sagt, dass er die Autoren nur im Studio und nur im Porträt möchte, dann ist es eine künstlichere Situation, als wenn ich nach draußen gehe. Nach draußen heißt nicht immer auf die Straße. Das kann auch ein Gebäude sein. Für mich ist ein Shooting interessant, wenn ich mit der Person gut zurechtkomme; schön ist es, wenn sie auch noch gut schreibt und „mitspielt“ und ich während des Shootings die ganze Bandbreite bedienen kann.  Jetzt muss ich noch einmal ausholen: Zum einen gibt es Fotos für die Buchklappe, das heißt, auf dem Foto soll nur der Kopf zu sehen sein, möglichst geradeaus schauend, erkennbar, gut aussehend. Zum anderen gibt es die Bilder, die die Verlage für die Veranstalter, für Flyer und Konferenzen brauchen – auch nur klein und mit Kopf. 

In Mülltüten versunken – der slowenische Philosoph Slavoj Zizek.
© Susanne Schleyer / autorenarchiv.de

Weiter benötigen sie für ihre Vorschauen, für ihre Plakate, manchmal auch für Autogrammkarten und hausinterne Werbung andere Bilder, die schon erzählerischer sein können. Die meisten Verlage sind aber nicht sehr experimentierfreudig.  

Dann gibt es noch die Sparte Zeitschrift und Zeitung. Das wird alles in einem Fototermin abgearbeitet. Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich ein Foto für Die Zeit mache oder für Die Freundin. Das heißt, ich versuche möglichst alles zu bieten, so dass die Verlage Material zur Auswahl haben, das sie dann passend zum jeweiligen Medium senden können. Ich habe zwar noch niemanden aus einem Gully herausklettern lassen, aber ich habe schon mal jemanden auf einen Gullydeckel gestellt. Einen verrückten Philosophen habe ich in blauen, gefüllten Mülltüten versinken lassen, ein Autor hat Kopfstand gemacht. Ein anderer sitzt an der Schreibmaschine meiner Großmutter usw. 

 

Letztens habe ich einen amerikanischen Schriftsteller fotografiert, und wir gingen spazieren. Neben uns auf dem Gehweg sah ich zwei Poller zur Straßenbegrenzung. Da sagte ich zum Scherz, dass man sich da draufstellen müsste. Die Poller waren hoch und weit auseinander! Ich wäre nie hochgekommen, obwohl ich lange Beine habe. Der Autor hatte aber sehr, sehr lange Beine und auf einmal stand er breitbeinig auf den Pollern und grinste mich an.

Steilvorlage für die Fotografin: Schriftsteller Gideon Lewis-Kraus posiert auf Straßenpollern. © Susanne Schleyer / autorenarchiv.de

Das sind natürlich wunderbare Steilvorlagen! Aber so etwas wird natürlich eher in zum Beispiel „Die Freundin", in Boulevard- beziehungsweise Jugendzeitschriften gezeigt. Gleichzeitig gibt es auch wieder das seriöse Spazierbild oder der Autor sitzt einfach da. Diese Spannbreite liebe ich.

Wenn ich den Auftrag erfüllt habe, fotografiere ich am liebsten, was ich „erzählerische Fotos“ nenne; wenn ich also viel „spielen" und das Narrative bedienen kann. Ich habe zum Beispiel im letzten Sommer eine Autorin fotografiert. Sie ist eine junge, hübsche Frau, das macht das Fotografieren offensichtlich einfach. Wir haben alle Standard-Fotos gemacht, und dann sah ich an irgendeiner Stelle eine Teppichstange. Sie nahm die Stange in die Hand, und ihr Gesicht war halb verdeckt. Ich bat sie, kurz stehen zu bleiben. Von der Seite sah man von ihr jetzt nur noch das Auge, nicht das halbe Gesicht, nur das Auge. Solche fotografischen Spielchen mache ich natürlich gerne. Es wurde ein Foto, vom dem ich glaube, dass es nicht mehr nur eine pure Dienstleistung ist, sondern dass es schon ins Künstlerische übergeht. Es ist keine Kunst, aber es geht in diese Richtung. Solche Motive liebe ich. Das kann ich aber auch nur machen, wenn ich mich mit den Autoren gut verstehe und sie mitspielen. Es gibt natürlich auch ganz viele Motivideen, die scheitern. Ich sehe aber erst am Bildschirm, wenn etwas nicht geklappt hat.

  

Hole Rößler: In unserem Vorgespräch haben wir über funktionierende und nicht funktionierende Zusammenarbeit mit Verlagen geredet. Das betrifft dann auch die Inszenierung. Es sind ja offenbar drei Instanzen, die direkt und auch indirekt an einem Foto mitwirken. Das ist der Autor, die Autorin, das sind Sie als Fotografin und dann gibt es die Interessen des Verlages. Wie intensiv kann dieses Dreiecksverhältnis gestaltet sein? Wie ausgeprägt dürfen die Wünsche des Verlages sein? Und kommt es auch vor, dass Sie etwas ablehnen müssen?

 

Susanne Schleyer: Das ist jetzt wieder unterschiedlich, da ich von Publikumsverlagen über reine Literaturverlage bis hin zu Liebhaberprojekten und Sachbuchverlagen gebucht werde. Zum Teil ist es sogar noch unterschiedlich bei ein und demselben Verlag, je nachdem ob sie eine Person, die schon etabliert ist, präsentieren oder ob sie eine neue Person aufbauen wollen, ob es schon eine Bestsellerautorin oder ein Bestsellerautor ist oder nicht.

Ich habe zwar eher mit den Bildredaktionen zu tun, aber die Werbeabteilungen entwickeln sehr häufig Ablaufpläne. Dort steht zu lesen: „Spitzentitel“ oder „Schwerpunkttitel“, und dann fügen die Abteilungen weitere Infos hinzu. Hier steht dann der Name des Autors, Titel, Genre, gegebenenfalls der Originaltitel. Außerdem Nachwort, Seitenzahl, Einband, Preis, Erscheinungsdatum, Name des Übersetzers und des Lektors. Dann gibt es inhaltliche Infos, zum Beispiel, was das Besondere an diesem Buch und was das Verkaufsargument ist. Da wird alles aufgezählt, was meistens der Lektor recherchiert hat. Das Buch wird dann in einem Kurztext beschrieben. Zum einen gibt es einen ganz kurzen Text, damit man sich schnell einen Eindruck verschaffen kann, zum anderen gibt es die Story des Buches in längerer Fassung. Weiterhin stehen dort die Biografie des Autors, Zitate für die Werbung, Rezensionen und so weiter. Außerdem wird festgehalten, ob das Buch etwa in Boulevardmedien, in Jugendzeitschriften oder im Fernsehen angepriesen werden soll. So einen Ablaufplan bekomme ich, damit ich einen ersten Eindruck erhalte, um wen es da geht. 

Einmal, das ist etwa acht Jahre her, wurde über eine junge, „hippe" Autorin geschrieben – das fand ich echt lustig –, dass sie ein „Freitagtaschentyp“ ist. Damals musste ich erst einmal recherchieren, was eine Freitagtasche ist. Danach war mir vollkommen klar, dass man sie als „Freitagtaschentyp“ präsentieren wollte. Das passte aber überhaupt nicht zu der Autorin, und da habe ich sie einfach anders dargestellt. Die Autorin selbst war auch entsetzt: Sie sei kein „Freitagtaschentyp“. 

 

Hole Rößler: Wie viel Widerstand oder künstlerischer Freiraum gegenüber den Verlagswünschen ist überhaupt möglich?

  

Susanne Schleyer: Das kommt auf den Auftraggeber an. Wenn ich mit jemandem gut zusammenarbeite, hängt es davon ab, wie eloquent ich in dem Moment bin. Wenn die Verlage vorhaben, jemanden ganz ätherisch zu inszenieren, vielleicht noch mit Maske und Styling, dann kann ich nicht sagen, dass ich jetzt einen Spaziergang durch die Stadt mache. Das geht dann nicht. Das ist pure Inszenierung. Aber ich denke, neunzig Prozent der Autoren, wenn nicht sogar noch mehr, werden ganz natürlich fotografiert.

Was ich vorhin noch sagen wollte: Es gibt einen Unterschied der Inszenierung im Vergleich von früher zu heute. Das hat mit der Wahrnehmung der Bilder zu tun. In den Neunzigern und früher hat man fotografiert und einen Kontaktbogen abgegeben. Die Verlage haben sich Bilder ausgesucht, die man dann abziehen ließ. In der Übergangszeit von den neunziger zu den Nullerjahren ist es mir aber passiert, dass meine Bilder nicht genommen wurden mit der Begründung, dass die Autorin Pickel habe. Das ist der Unterschied. Heute werden Pickel und Ähnliches wegretuschiert, während es davor mehr um die natürliche Person ging und eine Retusche ohnehin nur begrenzt möglich war.

 

Hole Rößler: Da würde ich gerne anschließen, weil wir das auch in unserem Vorgespräch berührt haben: Wie weit darf Retusche gehen? Wie stark darf ein Autorenporträt Ihrer Meinung nach überarbeitet sein?

 

Susanne Schleyer: Wir, Michael J. Stephan und ich, haben unsere eigene Philosophie. Wir retuschieren nur das, was ein Maskenbildner in einer Stunde „weggeschminkt“ hätte. Selbst eine feine Maske ist ja immer eine Art Retusche. Kleine Hautäderchen zum Beispiel sieht man dann nicht. Aber wir lehnen ab, was in den Hochglanzmagazinen stattfindet. Wenn ein Autor anruft − in einem Fall war es sogar ein Mann − und den Termin absagen will, weil er temporär einen dicken Pickel auf der Nase hat, dann ist das Retuschieren für uns kein Problem. Der Pickel ist ja nicht immer da und keiner möchte, dass er für die Ewigkeit auf der Nase abgebildet ist. Das ist eine Art Retusche, die ich vertreten kann. Oder wenn jemand müde ausgesehen hat, dann glätten wir ein paar Fältchen. Aber eigentlich so, dass es nicht auffällt. Aber das ist unsere Philosophie. Andere machen das vollkommen anders.

 

Hole Rößler: Was uns speziell interessiert, ist die Frage der „Bildpolitik", das heißt des strategischen Einsatzes von Bildern. Ein wenig haben Sie das schon angesprochen im Zusammenhang mit den verschiedenen Arten und Verwendungsformen von Bildern, etwa für Buchklappe, Prospekt, Flyer oder Autogrammkarte. Welche Arten von Bildpolitik haben Sie im Umgang mit Autorenbildern beobachtet? Werden die Bilder strategisch eingesetzt oder gehört es einfach zum guten Ton, diese Bilder zu haben, weil das alle machen? Stellen Sie eine Wirksamkeit der Bilder fest?

 

Susanne Schleyer: Das hängt davon ab, was die Verlage vorhaben, von ihren wirtschaftlichen Interessen und auch von der Qualität der Texte. Ich sage jetzt etwas, was aus meiner Warte vollkommen absurd ist: Ich würde einen Autor nicht mit einem Autorenfoto bewerben. Ich würde in einem Buch auch kein Autorenfoto zeigen, denn darum geht es nicht. Punkt. Das führt natürlich meine Arbeit, die ich sehr gerne mache und die so funktioniert, vollkommen ad absurdum. 

Ich habe mir im vergangenen Jahr die Giséle-Freund-Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste angesehen. Im Prinzip, so konnte man dort sehen, ging die Tendenz, Porträtfotos der Autoren zu zeigen, in dem Moment los, in dem die Verfügbarkeit der technischen Medien der Allgemeinheit ermöglichte, auch Fotos für den Privatgebrauch leicht herzustellen und zu inszenieren. Und je leichter die Bedienung der technischen Medien wurde, desto inflationärer wurde die Verwendung von Autorenfotos in den Verlagen. Die Sichtweisen sind immer mehr geprägt von der öffentlichen Wahrnehmung. Klar, da klinkt sich die Werbung ein. Mittlerweile gibt es kaum ein Bild ohne HD-Filterbearbeitung. Das gab es vor zwei oder drei Jahren noch nicht. Wenn ich heute ein Foto ohne HD-Filterung abliefere und es nicht über eine Bildredaktion läuft, die natürlich Erfahrung mit Bildern hat und die Verarbeitungswege kennt, kann es sein, dass der Lektor oder die Lektorin sagt, dass das Foto nicht den Vorstellungen entspricht. Diese Vorstellungen sind geprägt durch ihre Wahrnehmung von Fotos in aktuellen Zeitschriften. Das ist jetzt ein bisschen weit gefasst, aber die Erwartung ist es, ein komplett bearbeitetes Bild zu sehen. Und dahin zielen auch die Strategien der Verlage.

Aber diese Verlagslandschaft ist, deswegen liebe ich sie auch, ein Zusammentreffen von „Einhörnern“. Das sind meistens keine „normalen“ Menschen. Wer viel Geld verdienen will, der gründet bestimmt keinen Verlag, auch keinen Bestsellerverlag. Wer viel Geld verdienen will, der investiert woanders und nicht in Literatur oder in Gedrucktes. Es wird immer so heilig von dem Produkt „Buch“ gesprochen. Aber im Prinzip ist es ja mit den Autorenfotos so wie mit jedem anderen Produkt, das ich bewerbe. Man hat das Produkt und man hat ein Foto. Man hat den Text und man hat das Autorenfoto. Doch selbst in großen Verlagen gibt es Menschen, die diese Literatur immer noch leben, und damit gibt es auch Autoren, die sie leben. Deshalb sind die Bilder auch wieder nicht inszeniert. Es sind dann doch wieder keine Werbebilder, und deswegen wird oft gar nicht verstanden, dass Autorenfotos ein Teil der Werbung sind.

 

Boulevard mit Niveau

Hole Rößler: Es ist ein alter Topos, der maßgeblich von Petrarca für die europäische Buchkultur geprägt wurde, dass über das Buch ein Gespräch mit dem abwesenden Autor möglich wird. Ist das Autorenbild in diesem Sinne eine Verstärkung dieses Kontaktes?

 

Susanne Schleyer: Genau, und dann ist es schön, auf einmal so ein Bild zu haben: Gegenlicht, Autor sitzt an seinem Schreibtisch und macht etwas. Das sage ich jetzt ein bisschen ironisch. Ich fotografiere viele Autoren an ihren Schreibtischen, aber das mache ich eher für mich, weil ich die Zeit und die Technik festhalten will. Die Schreibtische und Utensilien verändern sich wahnsinnig schnell. Aber diese Bilder werden ja trotzdem gerne verwendet, denn sie zeigen etwas Heiliges: Wo entsteht die Geschichte? Wo denkt der Autor? Ich meine, wir interessieren uns dafür, dass Jonathan Franzen mit „weißem Rauschen“ arbeitet. Kennen Sie das? Das ist ein Weltallrauschen. Franzen setzt sich Kopfhörer auf und konditioniert sich in dem Moment, in dem er sie aufsetzt, und kann sich, egal wo er ist, konzentrieren. Die Frage ist, wozu muss ich das wissen? Und trotzdem ist es toll, es zu wissen! Wenn ich dann vielleicht noch ein Bild vom Autor sehe, wie er mit Kopfhörern an seinem kleinen Schreibtisch sitzt… 

Franzen gab einmal ein Interview und beschrieb dort, dass er einen ganz kleinen Arbeitsraum hat, in dem nur ein Tisch und sein Computer stehen und nichts weiter. Also kein richtiger Wohnraum. Jetzt stelle ich ihn mir in einem ganz kleinen Raum mit Kopfhörern vor, auf die Wand und seinen Laptop starrend. Und das ist interessant. Es würde uns nicht interessieren, wenn es ein Möbeldesigner wäre oder ein Bauer. Aber bei einem Autor oder bei einer Autorin interessiert es uns plötzlich. Deswegen können diese Bilder auch private sein, und wir denken, dass wir durch sie etwas mehr über die Person des Autors wissen. 

In dieser Zeit der besseren Technik entfernt man sich vom klassischen, steifen Porträt, auf dem nur die „überhöhte Person“ abgebildet ist. Wenn ich jetzt ein Goethebild nehme, dann ist Goethe immer als eine überhöhte Person dargestellt. Der dort abgebildete Mensch ist nicht real. Er hat keinen Stoffwechsel und nichts Lebendiges. Stellen Sie sich bitte Goethe mit Kopfhörern vor dem Laptop vor, undenkbar. Das wäre zu trivial und nicht überhöht genug. Bis in die dreißiger Jahre ging das so. Dann kamen die Kleinbildkameras und die Porträts veränderten sich.

 

Hole Rößler: Mindestens.

 

Susanne Schleyer: Mindestens. Wie gesagt, ich habe vor einiger Zeit diese Ausstellung von Gisèle Freund besucht. Das Reizvolle an ihr ist ja, dass sie eine der ersten Fotografinnen war, die mit Farbfilm gearbeitet hat, die sich von dieser Überhöhung des Schwarz-Weiß entfernt hat. Man nennt es ja nicht umsonst „geschichtsfernes Schwarz-Weiß“. Auf einem 1954 aufgenommenen Foto sitzt Simone de Beauvoir, angeblich wenige Stunden bevor sie den Prix Goncourt bekommt, zu Hause und macht sich ein paar Notizen. Und alle standen vor diesem Foto und sagten „boah, wie toll!“ Im Prinzip ist auf dem Bild eine gutaussehende und gut gekleidete Frau zu sehen, die einen Stift und ein Notizbüchlein in der Hand hält und in einem Sessel sitzt. Mehr nicht. Aber wenn man den Namen der Person und den Anlass liest, dann ist man gerührt. Man ist dabei, bevor etwas Großes passiert. Und wir sind froh, dabei zu sein. Selbst nach 50, 60 oder 70 Jahren. Und das ist der Unterschied.

 

Hole Rößler: Sie sagten, dass solche Bilder Interesse wecken, und es stellt sich die Frage, warum das so ist. Wir haben ein Buch, das sich vielleicht sogar gut liest, aber unsere Wahrnehmung geht weit über den Text hinaus. Was und wie das Buch ist, wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst – nicht zuletzt von den Fotos. Was macht den Reiz dieser Bilder aus, dass wir ihnen glauben, sie würden uns etwas Wichtiges mitteilen?

 

Susanne Schleyer: Es ist „Boulevard“ auf hohem Niveau. Ich komme jetzt nochmal zurück zu Gisèle Freund. Die Ausstellung war ziemlich voll am letzten Tag und das Publikum vom Alter her sehr gemischt, alle Generationen waren vertreten. Aber es handelte sich eindeutig um ein Bildungsbürgerpublikum. Dieses stand nun vor den Bildern, die der Definition nach keine Kunstwerke sind, sondern Bilder einer hervorragenden Reportage-Fotografin. Und wir sehen eigentlich nur ein Abbild der Realität. Da sie aber fähig war, gute Bilder zu machen, und natürlich auch die Topstars der Zeit getroffen hat, interessieren uns ihre Fotos. Die Leute sind dahin gegangen, um Bilder zu sehen, die nichts mit dem Werk der abgebildeten Personen zu tun hatten. Sie wären aber nicht hingegangen, wenn die abgebildeten Personen unbekannt gewesen wären. Es war ein literarisches Publikum, kein Fotografiepublikum. Als Leser ist man schon ein besonderer Mensch, egal ob man einen Groschenroman liest oder einen Nobelpreisträgerroman. Man darf sich interessieren und es auch zeigen. Und das, denke ich, ist der Hype. Soaps im Fernsehen sieht man heimlich.

 

 

Ästhetik und Inhalt

Hole Rößler: Nutzen Sie heute eher Farbe oder Schwarz-Weiß beim Autorenporträt?

 

Susanne Schleyer: Leider heutzutage Farbe. Dabei finde ich Schwarz-Weiß besser, weil es abstrahiert. Wie bereits gesagt wird es in der Kunstwissenschaft gern als „geschichtsfern“ beschrieben. Das heißt, wenn ich Sie heute mit einem Schwarz-Weiß-Film fotografiere, diesen heute Nacht entwickele und Ihnen morgen die Bilder zeige, dann haben Sie das Gefühl, unsere Begegnung sei viel länger her als gestern. Schwarz-Weiß abstrahiert und lässt die unwesentlichen Informationen weg, weil es nicht notwendig ist, zu wissen, ob Sie einen grauen Pullover anhatten oder einen hellblauen. 

 

Hole Rößler: Ich habe aus dem Bisherigen schon herausgehört, dass Sie die folgende Frage wohl verneinen würden: Gibt es einen Zugang über das Bild zum Werk? Also hilft es uns oder, sagen wir mal, beeinflusst uns ein Bild, ein Autorenporträt in der Wahrnehmung eines Buches? Was kann das mit uns machen?

 

Susanne Schleyer: Natürlich beeinflusst uns das, und ich hatte selbst einmal ein Erlebnis dieser Art mit einem Reiseführer. Da habe ich gemerkt, dass auch ich auf fotografische Klischees reagiere. Ich habe einen Reiseführer gekauft und bin mit ihm in eine europäische Stadt gefahren. Hinten in der Klappe war ein Bild der Autorin. Und diese Frau war so ein Muttityp mit Blümchenbluse und Dauerwelle. Das Foto war nicht einmal schlecht. Aber ich dachte, von der Frau möchte ich mich eigentlich nicht durch die Stadt führen lassen. Es war aber der beste Reiseführer, den ich je gelesen habe! Die Autorin hat so tolle Sachen erlebt und Geschichten ausgegraben. Das war der beste Reiseführer, aber es war das schrecklichste Bild. Also nicht das Foto, sondern die darauf abgebildete langweilige Person. 

Deswegen habe ich ja gesagt, wenn ich Bücher verlegen würde und die Macht dazu hätte, dann gäbe es in diesen Büchern keine Autorenporträts. Was habe ich denn davon, wenn ich das Buch aufschlage und eine wunderschöne Autorin sehe? Die haben übrigens auch oft das Problem, dass es heißt: „jung und schön, hey, die kann ja nichts“. Sie werden nicht ernst genommen. Vor Jahren sagte Marcel Reich-Ranicki einmal im „Literarischen Quartett“ über eine Autorin, sie sei hässlich. Damals dachte ich, das darf doch wohl nicht wahr sein. Sie ist keine schöne Frau, aber sie schreibt wunderbare Bücher und gewann auch später wichtige Literaturpreise. Es kann doch nicht sein, dass bei einer Buchbesprechung darüber gesprochen wird, wie die Autorin aussieht.

 

Hole Rößler: Das würde bei einem Mann eher nicht passieren? 

 

Susanne Schleyer: Das ist wieder ein ganz anderes Thema. Das lasse ich jetzt mal außen vor. Ich rede jetzt nicht über diese Gender-Problematik. Es geht mir darum, was das Aussehen des Schreibenden mit seinen Büchern zu tun hat. Vor einigen Jahren rief mich ein Redakteur einer Buchhandelskette aus Süddeutschland an, die Zeitschriften herausgibt, die dann kostenlos in den Buchhandlungen ausliegen. Er wollte ein Bild einer bestimmten Autorin. Sie ist wirklich eine sehr attraktive Frau, finde ich. Doch das Bild kam zurück mit der Begründung, dass sie es nicht nähmen, weil die Autorin nicht hübsch genug sei. Daraufhin bemerkte ich, dass sie doch gerade diese Autorin wollten. Er antwortete, ich erinnere mich noch heute an den O-Ton: „Günther Grass käme bei uns auch nicht auf den Titel.“ Das habe ich der Autorin nie erzählt. Es kann doch nicht sein, dass das Werk über das Äußere des Schreibenden wahrgenommen wird. Aber es ist so. Es ist Marketingstrategie…

 

Hole Rößler: Da ist der Inhalt fast schon zweitrangig?

 

Susanne Schleyer: Vielleicht nicht zweitrangig, aber die Wahrnehmung ist beeinflusst. Zum Beispiel damals, als Judith Hermann ihr erstes Buch veröffentlicht hatte, Sommerhaus, später, da sind ihr aufgrund des Autorenfotos in dem Buch Leute durch ganz Deutschland zu den Lesungen nachgereist. Ich meine, das ist ein hervorragendes Buch. Aber die Leute sind aufgrund des Fotos nachgereist. Ich habe jetzt nur Frauenbeispiele genannt. Ich würde auch Männerbeispiele finden. Quasimodo jedenfalls hätte heute ein Problem.

 

Privataufnahme und Autorenbild

Hole Rößler: Möglicherweise besteht das Problem auch in dem zumindest latenten Versprechen von Porträts, etwas Privates der Person zu zeigen.

 

Susanne Schleyer: Das ist noch ein interessanter Punkt, den wir jetzt gar nicht abgedeckt haben. Wir haben über das inszenierte Werbefoto gesprochen, für das sich ein Autor und ich in eine Situation begeben, in der dann Bilder entstehen. Es gibt ja auch noch das Autorenfoto, das sich über Jahre etabliert hat und das nur scheinbar privat ist. Fotos auf Veranstaltungen, aus dem Privatleben etc. Und wenn man die Bilder sieht, ist man überrascht. Ein Beispiel: Max Frisch badend im Wannsee. Das ist ja kein Autorenfoto und trotzdem ist es ein Autorenfoto. Oder dieses Foto von Renate von Mangoldt, das mich immer fasziniert hat: Da steht Max Frisch in Badehose mit Katze auf dem Arm, neben ihm Walter Höllerer und der hat ein Baby im Arm. Das ist ein ganz bekanntes Bild von 1968. Als ich es zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: „Ist das toll, sie hat ja wirklich mit den beiden zu tun gehabt und sie privat getroffen.“ Doch dann erfahre ich, dass das ihr Baby ist und Höllerer ihr Mann und Max Frisch der Patenonkel ihres Sohnes. Diese schönen und privaten Bilder entstehen nur, wenn man auch in diesem „literarischen Betrieb“ lebt.

Mein halber Freundeskreis besteht aus Autoren. Ich bin kaum mit Fotografen befreundet, fast nur mit Schriftstellern. Das heißt, wir alle leben miteinander und verbringen Zeit zusammen. Und da sie mich kennen, kann ich in jeder Situation fotografieren. So entstehen natürlich auch „nuggets“, die vielleicht nicht verwendet werden. Aber da ich nun seit 25 Jahren fotografiere, passiert es inzwischen schon, dass Bilder aus dem „privaten Bereich“ von damals in die Öffentlichkeit geraten. Manchmal habe ich diese Fotos selbst vergessen, und mich ruft jemand an und sagt, dass er über einen bestimmten Autor, der gerade gestorben ist, einen Nachruf veröffentlichen will und dazu Bilder von ihm, die bei einer bestimmten Gelegenheit aufgenommen wurden. Und ich selbst dachte, dass ich diese Bilder gar nicht habe. Doch dann kommt die Antwort, dass ich doch dabei gewesen sei und fotografiert hätte. Das sind dann richtige Privatbilder. Also nicht denunzierend intime, aber es sind Privatbilder. So wird zeitverzögert mit ihnen gearbeitet.

 

Hole Rößler: Das berührt auch die methodisch wichtige Frage, wie man mit Fotos aus dem Nachlass umgeht, die in ihrem Entstehungszusammenhang nicht als Autorenporträts gedacht waren. Könnte man nicht sagen, dass auch die privaten Fotografien zu Autorenbildern werden, in dem Moment, wo sie ihren Kontext bzw. das Medium wechseln, zum Beispiel vom Archiv in die Ausstellung oder in die Publikation? 

 

Susanne Schleyer: Ich weiß natürlich nicht, wie die Verträge abgeschlossen sind. Aber nehmen wir mal an, ich würde meinen Vorlass nach Marbach in das Literaturarchiv geben. Damit gebe ich die Materialien in die Öffentlichkeit. Dann hat das Literaturarchiv die Rechte an den Bildern, weil das Archiv sie gekauft oder übernommen hat. Die Benutzer müssen vielleicht noch die abgebildeten Autoren um Erlaubnis bitten, dem Fotografen vielleicht ein Honorar zahlen, das meine ich jetzt nicht. Aber Marbach hätte dann das Recht der Verfügbarkeit. Denn in dem Moment gebe ich das Archivmaterial heraus. Das ist ein bisschen eine Grenzgeschichte, aber je mehr sich die Bilder vom Porträtierten entfernen, desto öffentlicher werden sie. Wir bekommen immer mehr Bilder aus privaten Situationen zu sehen, von denen wir doch nie dachten, dass wir sie mal kennenlernen würden.

Ich habe 1988/1989 angefangen professionell zu fotografieren. Das war noch vor dem Mauerfall. Ich komme aus der „Prenzlauer-Berg-Kunst-Szene“. Und dort habe ich einfach fotografiert. Das war mein alltägliches Leben. Vor kurzem gab es ein zwanzigjähriges Jubiläum, und aus diesem Anlass wurden viele Bilder, die ich zum Beispiel bei Lesungen von Thomas Brasch Anfang der 90er Jahre gemacht hatte, gedruckt. 

Wie aus einer anderen Zeit –
Schriftsteller Thomas Brasch
Anfang der 90er Jahre in Berlin.
© Susanne Schleyer / autorenarchiv.de

Die Fotos sehen aber auch anders aus. Sie sind scheinbar aus einer anderen Zeit. Die Zigarettenschachtel sieht anders aus, das Etikett der Bierflasche, die Kleidung… 

Das alles ist schon historisch, und auf einmal wird ein Bild, das ich damals definitiv so nicht wahrgenommen hatte und das für mich privater Natur war, zum Zeitdokument. Von manchen Autoren habe ich Bilder, auf denen sie 25 sind − und jetzt sind sie eben 50. Und natürlich werden die Bilder der damals 25-Jährigen heute nicht mehr genommen. Meistens, obwohl manche Autoren, die jetzt schon älter sind, die Bilder von früher wollen, weil sie sich auf ihnen schöner finden. 

 

Hole Rößler: Ich habe schon herausgehört, dass Schönheit offenbar eine ganz wichtige Kategorie ist.

 

Susanne Schleyer: Das ist leider so. Aber kommen wir zurück auf die, ich nenne sie mal, „nicht inszenierten Bilder“. Natürlich, wenn jetzt Frisch und Höllerer da stehen, dann ist das in dem Moment auch eine Inszenierung. Denn es ist ja kein zufälliges Bild, sondern die Fotografin hat sich vor die beiden gestellt und gesagt, „haltet mal still“. Das ist auch Inszenierung, aber keine werbliche Inszenierung.

Ich war einmal im Rahmen einer Ausstellung, an der ich auch mit Bildern beteiligt war, an der Ostsee. Mit mehreren Schriftstellern und bildenden Künstlern aus Deutschland und Russland war ich zum Baden am Strand. Da ging doch tatsächlich ein russischer Autor ins Meer, stand bis zum Bauchnabel im Wasser mit einem Zettel und einem Bleistift in der Hand und schrieb ein Gedicht. Natürlich habe ich davon ein Bild gemacht! Ich hatte meine Schwarz-Weiß-Kamera bei mir. Was ist das jetzt für ein Bild? Ist das ein künstlerisches Bild, ist das ein klassisches Autorenporträt oder ist es ein Urlaubsfoto? Später wird es ein Autorenfoto werden. Die Zeit wird es entscheiden.

 

Hole Rößler: Die Bilder verwandeln sich mit der Zeit…

 

Susanne Schleyer: Ja. Solch ein Bild kann aber kein beauftragter Fotograf machen, weil er mit den Autoren nicht baden geht. Man trifft sich einfach nicht in solch einer Situation. Solche Bilder gab es früher nicht, wenn man jetzt in die vor-fotografischen Zeiten zurückgeht, wie Sie mit ihrem Projekt. Das ist ja logisch, eine Zeichnung ist eine Überhöhung, da gab es nicht diese privaten Situationen.

 

Hole Rößler: Es gibt irgendwann im achtzehnten Jahrhundert eine Inszenierung des Privaten. Der Gelehrte sitzt dann nicht mehr mit Allongeperücke da, sondern mit Hausturban und Hausrock. Das kommt in die Porträts, um Privatheit zu signalisieren. Aber das ist natürlich auch schon wieder eine Figur, ein Motiv. Das ist natürlich topisch, weil es nicht die private Person ist, sondern eine Figur, die privat inszeniert wird.

 

Susanne Schleyer: Aber ist es wirklich eine Inszenierung? Ich besitze ein Damen-Konversationslexikon von 1834. In dem gibt es ein Kapitel, wie die Dame sich zu kleiden hat. Sie musste sich ständig umziehen. Schon allein bis der Ehemann sie sehen durfte, im Morgenmantel, oder die Dienstleute... Wenn um 11 Uhr der Sekretär kam, hatte sie wieder etwas anderes an. Das wurde dort richtig aufgelistet. Die Kleidung, in der sie sich dem Sekretär zeigte, entsprach dann wiederum nicht der, wie sie in der Öffentlichkeit auftrat.

 

Hole Rößler: Es ist natürlich immer noch die Frage, was Privatheit bedeutet. Also sicher war es etwas anderes in der Zeit, als das, was wir uns darunter vorstellen. Privatheit und Intimität ist ja sehr verschränkt in unserer bürgerlichen Kultur. 

 

Susanne Schleyer: Übrigens, diese Inszenierung spielt auch eine Rolle. Ich rede jetzt von heute und nicht von der Zeit vor zehn oder zwanzig Jahren. Gerade junge Autoren inszenieren sich heute sehr stark. Das geht von der Marke des T-Shirts bis zu den Schuhen. Ich hatte zum Beispiel hier einen Autoren sitzen, einen großen, sehr gut aussehenden Mann, Anfang dreißig, immer schwarz gekleidet und mit mäandrischen, einfarbigen Tätowierungen. Selbst diese Tätowierungen sind sehr inszeniert. Er war eine natürliche Person, aber das Drumherum war es nicht. Und dann bekomme ich mit, dass er Veganer ist und dass die Schuhe zwar aussahen wie Lederschuhe, aber keine waren. Sie müssen also sehr teuer sein. Die kann man nicht in einem normalen Laden kaufen. Ich sehe diese Kodierungen aber nicht. Für mich saß da ein Typ, der sehr intelligent ist und gut sprechen kann, aber nichts an ihm war dem Zufall überlassen. Ich meine, klar, wir ziehen uns alle nett an. Wir wollen uns präsentieren, aber nicht kodieren.

Dann gibt es Autoren, die gerne in einer bestimmten Art von Anzug auftreten, mit Weste und oben schaut der Montblanc heraus. Sie setzen sich hin und lassen sich nur so fotografieren, dass ihre Uhr zu sehen ist. Ich persönlich würde meine Uhr immer verbergen. Oder wenn einmal etwas zu schreiben ist, dann schreiben sie nur mit einem Füller, der eine bestimmte blaue Tinte hat. Das ist unfassbar. Die mit den Tüchern und Ähnlichem, das sind eher die Älteren. Aber die, bei denen alles bis ins Detail durchdacht ist, das sind die Jungen. Ich bin vom Beruf her Beobachterin. Auch ohne Fotografieren bin ich sehr eidetisch veranlagt. Ich nehme diese ganzen scheinbar unwichtigen Dinge wahr, die keinen Menschen interessieren. Ich bekomme natürlich die Details mit, ob Leute sich inszenieren oder das sind, was sie zeigen. Es ist ein Unterschied, ob jemand sich etwas angelernt hat oder ob er kulturell so geprägt ist. Natürlich treffe ich diese Personen in einer künstlichen Situation, das heißt, sie bereiten sich vor. Ich weiß natürlich nicht, wie sie zu Hause herumlaufen. Aber ich sehe, ob das Chaos auf einem Schreibtisch inszeniert ist oder ob er wirklich chaotisch ist.

 

Hole Rössler: Woran merken Sie das?

 

Susanne Schleyer: Ganz schwer zu sagen. Da gibt es keine klaren Merkmale und Methoden. Aber ich bekomme mit, ob jemand einfach zufällig so hübsch ist oder sich zurechtgemacht hat – und ob er seinen Raum inszeniert hat. Und in solchen Fällen liebe ich „Brüche“: Wenn ich frage, ob sich die Person an ihren Schreibtisch setzen kann und dann sitzt sie in ihren Hauslatschen da. Das ist nämlich oft der Fehler zu Hause, der öfter passiert. Die Inszenierung ist doch nicht perfekt.

 

Hole Rößler: Machen Sie darauf aufmerksam?

 

Susanne Schleyer: Bei Werbefotos, ja! Aber wenn ich die Bilder erstmal nur für das Archiv mache, lasse ich es zu. Ich mache nur auf Dinge aufmerksam, die wirklich stören. Ein offener Hosenschlitz oder Fusseln am Pullover.

 

Hole Rößler: Die Schreibtischbilder findet man aber nicht auf Ihrer Internetseite.

 

Susanne Schleyer: Nein, nur die Autorenporträts. Es sind ja auch keine Bilder von Veranstaltungen online. Es ist ein Werbeportal für Autorenfotos. Ich will ja nicht, dass eine Zeitung darauf zugreift und diese Fotos veröffentlicht. Vielleicht später einmal.

 

Hole Rößler: Wird das mal eine Ausstellung?

 

Susanne Schleyer: Kann sein. Ich habe verschiedene Ideen. Ich sammele viel. Seit ein paar Jahren fotografiere ich zum Beispiel in Schwarz-Weiß die Hände von Autoren, die ihr Lieblingsbuch halten. Mehr will ich noch nicht verraten. Das ist schon spannend. Es sind Autoren aller Alters- und Erfahrungsstufen dabei, vom Debütanten bis zum Nobelpreisträger. Das macht dann schon Freude.

 

Hole Rößler: Das wäre sicher schön, wenn es veröffentlicht würde. 

 

Susanne Schleyer: Ich hoffe das auch, und es ist auch so angedacht. Aber das sind laufende Arbeiten. Und manchmal muss ich da auch improvisieren. Zum Beispiel bei Orhan Pamuk. Der hatte natürlich sein Lieblingsbuch in Berlin nicht dabei und nahm dann einfach eine Zeitschrift in der Hand. Aber er hat mitgemacht.

 

Hole Rößler: Ist es schon passiert, dass Autoren später sehr unzufrieden waren mit den Fotos, so dass sie fragen, „hätte man das nicht anders machen können?“ oder „bin ich das?“, also ein Erstaunen äußern oder mit den eigenen Bildern nicht gelassen umgehen?

 

Susanne Schleyer: Ja, das gibt es schon. Aber nicht im Sinne von gut oder schlecht. Das kann eine positive wie negative Überraschung sein: „Sehe ich so aus?“ Und es stellt sich die Frage, inwieweit der Autor mit sich eins ist und es zulässt. Ich schicke die Bilder immer als Erstes den Autoren zur Auswahl und sie sagen mir, welche sie nicht wollen. Aus dem Rest selektiere ich dann die Bilder für die Werbung. Es gibt auch Autoren, die mir sagen, dass ich ihnen die Bilder nicht zu schicken brauche und ich die Entscheidung treffen solle, weil es auch der Leser sei, der die Entscheidung treffe. Danach geht erst eine Bildauswahl an den Verlag.

Es gibt Autoren, die sagen: „Ach, so gut sehe ich aus? Das wusste ich gar nicht.“ Und dann gibt es noch das Phänomen des, ich sage mal, „Dreijahresunterschiedes“. Ich kann das natürlich nicht wissenschaftlich belegen und ich weiß auch nicht, ob es nicht eher ein Fünfjahresunterschied ist. Es ist jedenfalls so eine Sache, wie man sich selbst wahrnimmt und wie die anderen einen wahrnehmen. Man hat von sich ein Bild. Aber da wir uns eigentlich immer nur kurz im Spiegel und auf Fotos sehen, nehmen wir uns ja nicht wirklich und nicht ständig selbst wahr. Wir sehen immer nur den anderen. Es gibt daher eine Verzögerung, bis die Veränderung im eigenen Kopf ankommt. 

Ich habe es schon einmal erlebt, dass ich eine Autorin fotografiert habe, die richtig böse reagierte und sagte, sie wolle die Bilder überhaupt nicht. Sie gefalle sich nicht. Selbst der Verlag hat sich gewundert und fand, dass sie gut aussah. Die Bilder waren in Ordnung. Aber sie wurden gesperrt. Drei Jahre später bekomme ich eine Mail von der Autorin, dass das die schönsten Bilder seien, die sie je hatte. Sie fragte, ob man sie jetzt verwenden könne, und beteuerte, es tue ihr leid, dass sie damals überreagiert habe. 

 

Abbild/Kunstbild

„Susanne Schleyer, 1999” aus
der Multimediaarbeit „Plot-Point” der Künstlerin Tina Bara, Berlin, 1999.

Hole Rößler: Ich hatte Sie gebeten, uns ein Foto zur Verfügung zu stellen, das zusammen mit diesem Interview gezeigt werden soll. Warum haben Sie sich für dieses Bild entschieden?

 

Susanne Schleyer: Ich bin natürlich in einen Zwiespalt geraten, weil ich Fotografin bin und ich es nicht gerne habe – es geht nicht darum, dass ich nicht gerne fotografiert werde –, als Person über Fotos präsentiert zu werden. Denn es soll ja um meine Fotografie gehen. Und deswegen habe ich ein künstlerisches Bild herausgesucht. Es ist ein Foto aus einer Serie der Fotografin Tina Bara, die über künstlerisch arbeitende Fotografinnen eine Ausstellung und ein Buch gemacht hat. Die Serie heißt Plot Point. 1999 hat sie uns fotografiert und zu unserer Arbeit interviewt. 

Dieses Bild hier zeigt, wie mich eine andere Fotografin gesehen hat. Es ist kurz nach meinem Fotografiestudium an der Kunstakademie aufgenommen, und ich gehe gerade voller Neugier und Zuversicht in die künstlerisch-fotografische Welt. Deswegen habe ich dieses Bild ausgesucht. Ich hätte auch andere nehmen können. Aber die wären nur ein Abbild meiner Person. Ich bin auf dem Foto 35 Jahre alt. Mich fasziniert daran, dass es meine damalige Aufbruchsstimmung zeigt, kurz vor der Jahrtausendwende, als noch ganz viel für mich offen war, beruflich und privat. 

 

 

Susanne Schleyer, Jahrgang 1963, lebt und arbeitet als Fotografin und Künstlerin in Berlin.

Dr. Hole Rößler ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im MWW-Forschungsprojekt Bildpolitik.   

 

 


Vgl. Anna Gripp. „Susanne Schleyer Fokus Autorenportraits“. Photonews 12 (2009)/1 (2010), S. 23.

www.autorenarchiv.de

 Judith Schalansky. Der Hals der Giraffe. Bildungsroman. Frankfurt a. M., 2012. 

 Manuel Castells. Das Informationszeitalter. Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur. 3 Bde. Opladen, 2001-2003.

 siehe Interview mit Valentin Groebner aus dieser Reihe

 http://www.buchkultur.net/archiv/pdf/Buchkultur_133.pdf

 http://www.abendzeitung-muenchen.de/media.facebook.1a11a1b2-d218-4b94-b65f-409ab9480b68.normalized.jpg 

 http://www.adk.de/de/aktuell/pressemitteilungen/download_2014/05_Freund/pressefotos.htm 

 Vgl. Francesco Petrarca. De Vita Solitaria. Buch I. Hg. u. komm. v. Karl A. E. Enenkel. Leiden, 1990, S. 81 (3,19) u. S. 387f. (Komm.).

 Judith Hermann. Sommerhaus, später. Frankfurt a. M., 1998.

 http://www.tagesspiegel.de/images/043_mangoldt/8225548/4-format11.jpg 

 http://www.hab.de/de/home/wissenschaft/projekte/die-soziale-und-epistemische-produktivitaet-von-autorenbildern-in-der-fruehen-neuzeit.html 

 Karl Herloßsohn. Damen-Conversations-Lexikon. 10 Bde. Leipzig, 1834-1838.

 Tina Bara. Plot Point. Dresden, 2001.