Forschungsprojekt Bildpolitik: Das Autorenporträt als ikonische Autorisierung

Daniel BerndtLea Hagedorn

Bilder sind wirkmächtige Instrumente der Steuerung von öffentlicher Meinung und kultureller (Selbst-)Wahrnehmung. Der Titel Bildpolitik verweist auf dieses Funktionspotenzial von Bildern, das weit über den Bereich des Politischen im eigentlichen Sinne hinaus in allen kulturellen Feldern – in Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung ebenso wie in Religion, Kunst und Sport – die Herausbildung unterschiedlicher und historisch variabler Praktiken bedingt hat. Ganz allgemein wird der Begriff Bildpolitik hier verstanden als Bezeichnung für alle Formen des strategischen Einsatzes von Bildern zur Interaktion mit großen Adressatengruppen.

Innerhalb dieses analytischen Rahmens widmet sich das Forschungsprojekt dem facettenreichen Gegenstandsbereich des Autorenporträts. Es untersucht in verschiedenen Zeiträumen, Kunstgattungen und Kontexten die Bedingungen der Produktion und Funktionalisierung von Bildern, die explizit und primär zur öffentlichen Darstellung von Autorinnen und Autoren geschaffen wurden. Gefragt wird nach der spezifischen sozialen, ökonomischen und künstlerischen Produktivität, die derartige Bilder entfalten konnten, und nach den Bedingungen, unter denen sie Teil einer kulturellen Imagologie werden konnten. Mit dem Leitbegriff der ikonischen Autorisierung sind die für das Autorenporträt zentralen Funktionen der Authentifizierung, Verifizierung und Valorisierung von Werken, Personen und Medien aufgerufen. Der Begriff besitzt mithin drei heuristische Dimensionen, die in allen Forschungsansätzen und Untersuchungsfeldern der drei Teilprojekte den analytischen Zugriff prägen.

Das frühneuzeitliche Autorporträt als Verlegerprodukt

D. C. Fleischmann, Porträt des Verlegers Friedrich Roth-Scholtz als Autor und Sammler, um 1725, Kupferstich 30 x 19,4 cm (HAB: A 18051)

Ausgehend von der Feststellung, dass das Autorporträt keine Bildgattung sui generis darstellt, geht das MWW-Teilprojekt der Frage nach, durch welche Praktiken aus einem Gelehrtenporträt ein Autorbild wird, und welche bildpolitische Relevanz ihm zu eigen ist. Denn die Vorstellung einer spezifischen Produktivität des Autorporträts gründet sich maßgeblich auf dessen Zugehörigkeit zum paramedialen Apparat eines Buches; erst durch seine epi- bzw. perimediale Verwendung erfuhr das Gelehrtenbildnis eine funktionale Transformation. An der Herstellung, Verbreitung und Rezeption von Autorbildern waren frühneuzeitliche Druckerverleger maßgeblich beteiligt. Sie inszenierten sich autorgleich als ‚Stützpfeiler‘ der Gelehrtenrepublik, ohne die eine öffentliche Verbreitung von Gedanken- und Kulturgütern schlechterdings unmöglich sei. Als zentralen Bestandteil verlegerischer Selbstinszenierung und Produktplatzierung will das Teilprojekt frühneuzeitliche Autorporträts untersuchen.

Lea Hagedorn

Ein Essay von Dr. Hole Rößler "Autor-Ikone - Bildpolitische Aspekte des frühneuzeitlichen Autorenporträts"

Weimarer Bildpolitik um 1800 (Klassik Stiftung Weimar)

Alexander Trippel, Porträt von Johann Wolfgang von Goethe, Abguss nach der Replik von 1790. © DLA Marbach

Im Rahmen dieses Teilprojekts soll eine umfassende Deutung der klassizistischen Weimarer Bildpolitik geleistet werden. In einem engen Beziehungsgeflecht, zu dem Goethe, Herder, Wieland und Schiller ebenso gehörten wie Herzog Carl August, seine Mutter Anna Amalia und der Unternehmer Friedrich Justin Bertuch, entwickelten sich künstlerische und kommerzielle Strategien, die dazu beitragen sollten, den künstlerischen und kulturellen Rang Weimars anschaulich zu machen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Porträtdarstellungen Goethes, wie sie besonders im Umfeld von Goethes Italienreise entstanden sind und die bis in die Gegenwart als Bezugspunkte für die Porträts vieler anderer Autoren dienen.

Ein Essay von Prof. Dr. Christian Hecht zu „Alexander Trippels Goethebüste “

Dichter und Gelehrte in der Fotografie (Deutsches Literaturarchiv Marbach)

Rilke im Hotel Biron, 1908/9. © DLA Marbach

Das Marbacher Teilprojekt untersucht das Verhältnis literarischer und philosophischer Autoren zu ihrem Bild. Von den Anfängen der Fotografie bis in die Gegenwart fragt es nach den inszenierten wie auch den zufälligen Ausdrucksformen des Genius im fotografischen Medium, nach Marketingstrategien der Autoren sowie der Einflussnahme von Verlagen und Erben auf die Kultur- und Gedächtnispolitik. Dabei werden bildliche und schriftliche Quellen, ikonographische Traditionen und poetologische Intentionen komparatistisch ausgewertet. In Augenschein genommen werden insbesondere das Spannungsfeld zwischen Dichterimago und -image sowie der mediale Aspekt zwischen künstlerischer Formung und bildnerischem Überraschungseffekt.

Daniel Berndt 

Ein Essay von Dr. Ellen Strittmatter „Ich ist ein anderer – W. G. Sebalds Porträts aus dem Nachlass“