Forschungsprojekt Autorenbibliotheken: Materialität – Wissensordnung – Performanz

PD Dr. Stefan Höppner, Caroline Jessen, Dr. Jörn Münkner

Die Arbeitsbibliotheken von Autoren sind individuelle Speicher gesammelten und geordneten Wissens. Sie gewähren Einblicke in die Denk- und Schreibwerkstatt von Schriftstellern oder Wissenschaftlern, in kulturelle Kontexte und das gesellschaftliche Umfeld. Lesen mit dem Stift in der Hand – nicht selten zeugen materielle Lesespuren, wie Anmerkungen und Lektüredaten, von Rezeption und Interaktion, dokumentieren sich intellektuelle Netzwerke in Geschenkexemplaren und persönlichen Widmungen. Vielfach ist die Autorenbibliothek selbst ein Ort sozialen Handelns und der Kommunikation, ein Raum von performativer Bedeutung für die persönliche Inszenierung und Repräsentation.

Das Forschungsprojekt nimmt die Entstehungsbedingungen von Literatur und Wissenschaft von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart in den Blick. Die Bestände in den kooperierenden Institutionen bilden die Grundlage für eine Untersuchung von Provenienzen und Sammlungen, intellektuellen Profilbildungen und räumlich-performativen Rahmungen von Autorenbibliotheken.

Frühneuzeitliche Gelehrtenbibliotheken (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)

1. Teilprojekt „Frühneuzeitliche Gelehrtenbibliotheken“: BU: Blick auf die sogenannte Mittlere Aufstellung der Herzog August Bibliothek mit Bänden aus dem 17. und 18. Jahrhundert (© HAB)
Gedruckte Kataloge von Gelehrtenbibliotheken des 17. und 18. Jahrhunderts in der Herzog August Bibliothek (© HAB Wolfenbüttel, Foto: D. Hakelberg)

Für einen Theologen oder Mediziner, Philosophen oder Juristen der Frühen Neuzeit war die eigene Bibliothek das wichtigste wissenschaftliche Werkzeug und ein Ort kreativer Tätigkeit. Geschlossene Privatbibliotheken waren im Handel gefragt und wurden meist durch Verkauf wieder zerstreut. Erhalten haben sich Auktionskataloge und Bestandsverzeichnisse, die Auskunft über Sammlungsprofile, Lese- und Forschungsinteressen der Gelehrten geben. Einige Bibliotheken umfassten neben Büchern auch Naturalien, wissenschaftliche Instrumente, Münzen und Kunstgegenstände. Aus dem einzigartigen Bestand von rund 1.100 gedruckten Katalogen in der Herzog August Bibliothek sollen frühneuzeitliche Wissensressourcen digital erschlossen und erforscht werden: ein virtueller Blick in die Musentempel der europäischen Gelehrtenrepublik zwischen Humanismus und Aufklärung.

Dr. Jörn Münkner

Goethes Bibliotheken in Weimar (Klassik Stiftung Weimar)

Bücher im Raum - ein Blick in Goethes Privatbibliothek (© KSW, Foto: Jens Hauspurg)
Bücher im Raum - ein Blick in Goethes Privatbibliothek (© KSW, Foto: Jens Hauspurg)

Johann Wolfgang von Goethe standen in Weimar zwei erstrangige Wissensarchive für sein literarisches und wissenschaftliches Werk zur Verfügung: die private Arbeitsbibliothek im Haus am Frauenplan und die Herzogliche Bibliothek im Grünen Schloss, deren umfangreichen Bestand der Autor zwischen 1778 und 1832 nutzte. Das Teilprojekt der Klassik Stiftung Weimar will die knapp 2.300 Entleihungen und die ca. 7.200 Bände der privaten Büchersammlung elektronisch erschließen. Strukturen und Stratigrafie, Evidenzen des Besitzes und Gebrauchs sollen dokumentiert, Kontexte und Relationen zum Werk erforscht werden. Eine Digitalisierung ausgewählter Teilbestände wird die Sammlungen im virtuellen Forschungsraum sichtbar machen und wissenschaftliche Austauschprozesse anregen.

PD Dr. Stefan Höppner

Exilbibliotheken deutsch-jüdischer Schriftsteller im 20. Jahrhundert (Deutsches Literaturarchiv Marbach)

Reiseführer, Wörterbücher und eine Grammatik aus dem Buchbesitz exilierter Schriftsteller (© DLA)
Reiseführer, Wörterbücher und eine Grammatik aus dem Buchbesitz exilierter Schriftsteller
(© DLA Marbach; Foto: Jens Tremmel)






Das Deutsche Literaturarchiv Marbach legt seinen Forschungsschwerpunkt auf Exilbibliotheken, deren frühere Besitzer Deutschland während des Nationalsozialismus verlassen mussten. Entsprechende ‚Fliehkräfte‘ des Exils sind an allen Beständen ablesbar: Materialiter handelt es sich um Beschädigungen durch wiederholte Verfrachtung, ungeeignete Zwischenlagerungen oder klimatische Schwankungen. Noch gravierender wirken sich indes massive quantitative Verluste aus, so dass vormalige Größe und konzeptioneller Zuschnitt aufwendig rekonstruiert werden müssen. Stets stehen jedoch solchen Fragmentierungen, die sich etwa bei Alfred Döblins, Hilde Domins oder Walter Hasenclevers Bibliothek nachweisen lassen, inhaltliche Revisionen, eine Tendenz zur Internationalisierung sowie der Ausbau neuer Wissensbereiche gegenüber.

Caroline Jessen