Von Phantasiewesen, pummeligen Schosshunden und einer fidelen Wildsau

Von Hanne Grießmann

Als sich Hanne Grießmann, damals Wissenschaftliche Hilfskraft im MWW-Forschungsprojekt „Text und Rahmen“, ein spätmittelalterliches Gebetbuch in den Lesesaal der Herzog August Bibliothek bestellt, ahnt sie nicht, welch farbenprächtige und phantastische Welt sich ihr eröffnen würde. Hier erzählt sie vom frech-verspielten Treiben am Seitenrand der frommen Handschrift – und was es über die satirische Seite des Mittelalters verrät.

 

 

Was macht denn das Schwein mit der Schubkarre hier? Drolerie in einem spätmittelalterlichen Gebetbuch. Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 87.10 Aug. 12°, fol. 52v-53r. (CC BY-SA)

Nicht immer lässt der äußere Eindruck auf das schließen, was sich im Inneren verbirgt. Diese etwas plattitüdenhafte Feststellung gilt mitunter auch für die Arbeit mit mittelalterlichen Handschriften. Denn trotz eines Blicks in die Handschriftenbeschreibung in der Wolfenbütteler Digitalen Datenbank, in der sich der Hinweis auf „bemerkenswerte Miniaturen“ findet, ahnte ich nicht, was für eine farbenprächtige und verspielte Welt sich mir eröffnen sollte, nachdem ich die Handschrift Cod. Guelf. 87.10 Aug. 12° zur Ansicht in den Lesesaal bestellt hatte.

Der Moment, in dem man eine solche Handschrift ‒ immerhin ein sehr altes Unikat ‒ zum ersten Mal vorgelegt bekommt, ist immer ein besonderer. Doch manche dieser Momente sind sogar noch etwas besonderer als andere – so bei diesem Codex.

Ein ganz besonderer Moment

Dabei handelt es sich um ein oberdeutsches Gebetbuch aus Nürnberg mit einem Umfang von 212 Blatt, entstanden am Ende des 15. Jahrhunderts. Dass man mir ein kleines Buch im Duodez-Format (12°) vorlegen würde, hatte ich bereits an der Signatur erkannt. Denn die Bestände der Augusteer-Sammlung enthalten schon in ihrer Signatur immer die Angabe über ihr Format. So verrät etwa die Bezeichnung „2°” am Ende der Signatur Cod. Guelf. 81.10 Aug. 2°, dass es sich bei diesem lateinisch-mittelniederdeutschen Psalter, mit dem ich früher einmal gearbeitet hatte (siehe meinen Blogbeitrag „Handschriftliche Vielfalt im Griff der spitzen Klammer") um eine Handschrift im sogenannten Folio-Format handelt.

Ich erwartete also ein kleines, umfängliches und daher bestimmt schwer zu lesendes Exemplar eines Gebetbuches. Tatsächlich war die Handschrift mit einer Größe von 9,5 x 7 cm deutlich kleiner als meine linke Hand, in die ich sie bequem legen konnte. Zudem war sie, obwohl auf Pergament geschrieben, dünner und auch leichter als erwartet. Auffallend war zunächst nicht etwa der Einband, der aus schlichtem schwarzem Leder besteht, sondern der Goldschnitt, mit dem die Schnittkanten des Buches versehen sind. Auf sehr hellen, feinen und qualitativ hochwertigen Pergamentseiten präsentierte sich der Inhalt in einer sauber ausgeführten Buchschrift (sogenannte kalligraphische Bastarda).

Bunte Bilderpracht

Das im wahrsten Sinne des Wortes „Highlight“ dieser von außen so unscheinbaren Handschrift sind jedoch ihre Illuminationen. Neben insgesamt 20 farbigen, ganzseitigen Miniaturen finden sich auch reich verzierte Schmuckinitialen. Auf den Seiten, die diesen Miniaturen gegenüberliegen, ranken sich opulente Blütenbordüren, die mit allerlei Getier, Putten und auch Fantasiewesen besetzt sind. Diese bunte Bilderpracht schlug mich sofort in ihren Bann, denn die meisten Handschriften, mit denen ich bisher gearbeitet hatte, verfügten nicht über einen derartigen Buchschmuck.

Mein Interesse wurde dabei besonders von den Tieren und Gestalten geweckt, die an den unteren Rändern der Seiten herumgeistern und die nicht so recht zum sonst so frommen Inhalt des Buches passen wollen, wie die folgende Abbildung exemplarisch zeigt:

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 87.10 Aug. 12°, fol. 101v–102r. (CC BY-SA)


Dabei handelt es sich um sogenannte Drolerien (auch Drôlerien; von franz. drôle = scherzhaft, komisch, drollig) ‒ groteske und fantastische Wesen, aber auch sehr lebensnah wirkende Abbildungen von Menschen oder Tieren, die sich an den Rändern einer Handschrift, aber auch auf Textilien oder an Bauwerken, tummeln können.

Miniaturen als Meditationshilfen

Die Seitengestalt mittelalterlicher Handschriften ist häufig, besonders wenn es sich um Auftragsarbeiten und Prachthandschriften handelt, streng durchkomponiert. Buchschmuck und Text interagieren oft stark miteinander. Auch in „meinem“ Codex wird der Inhalt durch die Miniaturen, die zu Beginn eines neues Textstückes stehen, sowie eine abgestufte Initialhierarchie (von mehrzeiligen Schmuckinitialen über einfarbige Satzmajuskel bis hin zu nur mit einem Strich in roter Tinte versehenen Majuskeln) in Sinnabschnitte gegliedert, die direkt visuell zu erfassen sind. Sie helfen dem Leser dabei, sich schnell im Text zurechtzufinden.

Zudem verleiht ein solch kostbarer und verschwenderischer Buchschmuck einem Werk eine gewisse Aura und Würde; er findet sich daher häufig in Büchern, die Gottes Wort verkünden. Doch die Illuminationen erfüllen noch einen weiteren Zweck: Die Bilder sollen dem Betrachter dabei helfen, sich kontemplativ zu versenken; sie sollen auf die Textinhalte einstimmen sowie die innere Haltung und Andacht, mit der gelesen oder gehört und reflektiert wird, beeinflussen und steuern. Dies trifft auch auf Cod. Guelf. 87.10. Aug. 12° zu. Die Miniaturen haben einen unmittelbaren thematischen Bezug zu den anschließenden Texten und können daher als Meditationshilfen betrachtet werden. 

Absurde „Welt am Rand“

Etwas schwieriger wird es, die Stellung und Bedeutung des bunten Treibens der Bas-de-Page-Bebilderungen (franz. für „unterer Teil der Seite“ oder auch „Fußzeile“; meint in der Buchmalerei Zeichnungen am unteren Rand einer Seite) in das mediale Konzept der Handschrift einzuordnen und zu interpretieren.

Was die Funktion von Drolerien betrifft, stößt man in der Literatur auf durchaus unterschiedliche Auffassungen. Hier schwanken die Bewertungen zwischen den wenig didaktischen, die sie auf ein reines Schmuckelement oder auf eine Belustigung des Lesers reduzieren, bis hin zu solchen, die sie als wichtiges Element sehen, das den Inhalt satirisch-kritisch begleitet. Sicher kann den Marginalien ein Mnemo-Effekt zugesprochen werden, der es dem Nutzer des Buches ermöglicht, sich schnell innerhalb des Werkes zurechtzufinden und sich zu erinnern, worum es zum Beispiel an der Stelle mit dem wilden Mann, der mit einer Wurzel gegen ein Monster kämpft, ging.

Denkbar ist ferner, dass die chaotische und bizarre Welt an den äußeren Rändern die Antithese zur geordneten inneren Welt des Textes darstellen soll und auf diese Weise dessen tiefere Aussage und Sinnhaftigkeit erst wirklich erfahrbar macht. Die absurde „Welt am Rand“ könnte jedoch auch dazu dienen, den Gläubigen vor der Sünde und der Versuchung zu warnen.

Ein Schosshund als Verweiszeichen

Darüber hinaus gibt es Text-Miniatur-Marginalien-Kompositionen, die als aufeinander und ineinander verweisendes Gesamtkunstwerk gestaltet sind und als solches gelesen und betrachtet werden sollten: Mit Hilfe der Drolerien können Verweise und Verbindungen, die sonst kaum darstellbar wären, quer durch ein Buch, über Seiten und Abschnitte hinweg sichtbar gemacht werden. So könnte beispielsweise ein Tier in Cod. Guelf. 87.10 Aug. 12°, das zweimal an unterschiedlichen Stellen (fol. 56r und fol. 86r) auftaucht – nämlich ein kleiner, weißer, ziemlich pummeliger Schoßhund – genau diese Funktion eines Verweiszeichens haben.

Hund Nummer eins befindet sich gegenüber einer Miniatur, die die Heilige Helena beim Auffinden des Kreuzes und der Erweckung eines Toten zeigt. Es folgen Fürbitten an die Heilige. 

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 87.10 Aug. 12°, fol. 56r. (CC BY-SA)


Der zweite Schoßhund liegt auf fol. 86r etwas abseits; links von ihm sitzt ein kleiner nackter Junge, der mit einem braunen Hund spielt. Die Miniatur auf fol. 85v zeigt das Martyrium der Heiligen Ursula und ihres Gefolges.

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 87.10 Aug. 12°, fol. 86r. (CC BY-SA)


Weder Helena noch Ursula führen als Attribute einen weißen Hund, und auch eine erste rudimentäre Interpretation der Bedeutung eines weißen Hundes in der mittelalterlichen Ikonografie führt nicht wirklich weiter. (Der Hund gilt etwa als ein treuer Begleiter des Menschen und Bewacher von Haus und Hof. Während ein dunkler und struppiger Hund eher mit Neid und Zorn in Verbindung gesetzt wird, kann ein weißer Hund für Glauben und Treue stehen.)

Denkbar wäre, dass der Illustrator durch die Wiederaufnahme des Motivs die Fürbitte an die Heilige Ursula qua des oben erwähnten Wiedererkennungswerts des Bas-de-Page-Motivs an die übrigen Heiligensuffragien des Gebetbuches anschließt. Von diesen steht die Ursula-Passage nämlich getrennt. (Von fol. 42v-57r findet sich eine Zusammenstellung von Gebeten zu verschiedenen Heiligen. Das Gebet zur Heiligen Ursula findet sich hingegen erst ab fol. 86r.)

Fidele Wildsau mit Ferkelkarre

Innerhalb des Heiligen-Blocks findet sich auch die im Titel dieses Textes erwähnte Wildsau. Auf fol. 53r bleibt der Blick unmittelbar an einem Schwein hängen, das fröhlich eine Schubkarre mit Ferkeln durch das Blütenwerk schiebt:
  

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 87.10 Aug. 12°, fol. 53r. (CC BY-SA)


Doch auch hier hat der Versuch, die symbolischen Referenzen der fidelen Sau zu entschlüsseln und sich somit eine Randgeschichte zu erschließen, durch die das Text-Bild-Gefüge im Gesamtkonzept des Werkes bereichert und weitergeführt wird, eher geringen Erfolg. Nach biblischer Lesart ist das Schwein ‒ trotz seiner immensen Bedeutung als Fleischlieferant, auch in der mittelalterlichen Lebenswelt ‒ meist negativ konnotiert: Es gilt als böse, wild (so etwa nach Ps 80,14), unrein (zum Beispiel in der Geschichte vom verlorenen Sohn, der in Palästina Schweine hüten muss und vor Hunger von deren Futter essen möchte, vgl. Lk 15,15f.) und verfressen; der wilde Eber steht gar für den Teufel. Und wer kennt nicht die geflügelten Worte von den Perlen, die man nicht vor die Säue werfen soll (nach Mt 7,6)?

Die Drolerie mit der Schweinekarre findet sich im Gebetbuch gegenüber einer Miniatur, die eine almosenspendende Frau zeigt. Zu ihrer Rechten steht ein Engel (ihr Schutzengel; die folgenden Fürbitten richten sich an den persönlichen Schutzengel, den „Eygenengel“ des oder der Betenden), der ihre rechte Hand berührt und ihr eine Krone über den Kopf hält. Zu ihrer Linken sitzt ein roter Dämon, der nach ihrem Kleid greift ‒ frei nach dem Motto: „Engel rechts, Teufel links“.

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 87.10 Aug. 12°, fol. 52v–53r. (CC BY-SA)


Das Schwein könnte hier also als eine Anspielung auf das Böse und Unreine verstanden werden, vor dem man sich hüten und seinen Schutzengel um Beistand anrufen soll. Für diese Lesart finden sich durchaus noch weitere Argumente, etwa wenn man diverse Heiligenlexika konsultiert. So führt der Heilige Antonius der Große (oder auch Antonius Abbas) als Attribut unter anderem ein Schwein. Es steht eigentlich als Symbol für den Antoniter-Orden, dessen Brüder aufgrund ihrer Verdienste in der Armenfürsorge ihre sogenannten Antonius-Schweine frei weiden lassen durften.

Schutzpatron der Schweine

Es könnte jedoch auch für die zahlreichen teuflischen Versuchungen stehen, denen Antonius widerstand, nachdem er sich für ein Leben in asketischer Zurückgezogenheit entschieden hatte. Tatsächlich stößt man sogar auf eine Geschichte aus dem Leben des Antonius, die die Ferkelkarre erklären könnte. So soll Antonius, dem auch Wunderheilungen zugesprochen werden, an den Hof des Königs der Langobarden gerufen worden sein, um dessen Sohn zu heilen. Dort traf er auf eine Sau mit ihren blinden Ferkeln. Antonius jagte diese jedoch nicht davon, sondern schenkte den Ferkeln das Augenlicht – mit der Begründung, dass er nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Tiere da sei. Und in der Tat ist der Heilige Antonius auch der Schutzpatron der Haustiere, insbesondere der Schweine.

Antonius war ein bekannter Heiliger und dürfte daher auch dem Leser oder der Leserin des Gebetbuchs ein Begriff gewesen sein. Ob an dieser Stelle der Verweis auf ihn jedoch intendiert gewesen ist, muss Spekulation bleiben.

Freches Treiben am Seitenrand

Im Falle des vorliegenden Gebetbuchs kann festgehalten werden, dass sich der Illuminator wohl eines bekannten Bildrepertoires bedient hat, um die Ränder der Handschrift mit Drolerien zu schmücken, die vor allen Dingen erheitern und unterhalten, als Orientierung innerhalb des Werkes dienen und den Betrachter vielleicht noch vor allzu menschlichen Schwächen warnen sollen.

Auch wenn das ikonografisch-semiotische Gesamtkonzept in der medialen Anlage des Gebetbuches nicht besonders tiefgehend zu sein scheint, so ist die Auseinandersetzung mit diesem und anderen bunten Text-Bild-Geflechten dennoch lohnenswert. Das freche, phantastische und fröhliche Treiben der Marginalien und ihr mitunter nicht zu leugnender Hang zur Komik erstaunt und öffnet den Blick für die satirische Seite des Mittelalters ‒ einer Seite, derer man sich aus heutiger Sicht oft nicht mehr bewusst ist. Diese bizarre Welt mit ihren teilweise absurden Darstellungen regt nicht nur zum Nachdenken an, sondern ermuntert auch den modernen Leser, eben diese Welt zu entschlüsseln und sich so der mittelalterlichen Lese- und Lebenswirklichkeit anzunähern.


Literatur zum Thema: 

Froehner, Reinhard: Kulturgeschichte der Tierheilkunde. Ein Handbuch für Tierärzte und Studierende, Bd. 2: Geschichte des deutschen Veterinärwesens. Konstanz, Terra-Verlag 1954, S. 88.

Georgie, Katharina: Illuminierte Gebetbücher aus dem Umkreis der Nürnberger Pleydenwurff-Wolgemut-Werkstatt. Petersberg, Michael Imhoff Verlag 2013 (Studien zur internationalen Architektur- und Kunstgeschichte, Bd. 102), bes. S. 83–96; 121–133; 193–198; S. 203.

Hülsberg, Jennifer: Drôlerien ‒ alles (Un-)Sinn?, in: Finger, Heinz; Horst, Harald (Hgg.): Mittelalterliche Handschriften der Kölner Dombibliothek. Viertes Symposion der Diözesan- und Dombibliothek Köln zu den Dom-Manuskripten (26. bis 27. November 2010), Köln 2010 (= Libelli Rhenani, Bd. 38), S. 237–253.


Wer sich von dieser und anderen reich bebilderten Handschriften faszinieren lassen möchte, hat dazu noch bis zum 22. Mai 2016 Gelegenheit – in der Wolfenbütteler Ausstellung „Bilder lesen. Deutsche Buchmalerei des 15. Jahrhunderts in der Herzog August Bibliothek“.

Hanne Grießmann, M. A. arbeitete als Wissenschaftliche Hilfskraft bei PD Dr. Ursula Kundert im MWW-Projekt „Text und Rahmen“, Teilprojekt „Mediengeschichte der Psalmen“, und kam dort mit zahlreichen Handschriften und Drucken aus den Beständen der Herzog August Bibliothek in Berührung. Seit Oktober 2015 promoviert sie im Rahmen des von der Universität Osnabrück und der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel durchgeführten Graduiertenkollegs „Wissensspeicher und Argumentationsarsenal“ mit einer Arbeit zu mittelniederdeutschen Gebetbüchern aus den Augustiner-Chorfrauenstiften Marienberg vor Helmstedt und Heiningen bei Wolfenbüttel.